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ÜBER
DEN PRAKTISCHEN ATHEISMUS VON THERAPIE UND THERAPEUTEN.
(Univ. Prof. Dr. Augustinus Karl Wucherer
Huldenfeld zu seinem 7o. Geburtstag in Freundschaft und
Verehrung zugeeignet.)
Das Thema unserer Überlegungen ist nur eines unter
vielen ebenso wichtigen, die die Psychotherapie in ihrem
Verhältnis zur Theologie (oder Religion) betreffen.
Hinzu kommt das besondere Motiv gerade die Themenstellung
praktischer Atheismus aufzugreifen . Es
ergibt sich aus einem allmählichen Erschrecken über das
Ansichtigwerden gerade dieses Phänomenes innerhalb der
eigenen Ausbildung und auch als Ausbildner im Rahmen von
Staff-Besprechungen. Verifiziert wurden viele
Beobachtungen in der praktischen, Arbeitssituation
meiner Privatpraxis. Sie ermöglicht naturgemäß weniger
Zeitaufwand für Quellenstudium und wissenschaftlichen
Austausch, sie konfrontiert dafür aber mit einer Unmenge
an therapeutischem Material, das angehört, verarbeitet
und trotz aller persönlichen Abgrenzung mitgetragen
werden muß. Das Ergebnis dieser Situation ist in vieler
Hinsicht kostbar. Es ist konkret, es betrifft
persönliche Gesundheits- und Krankheitsgeschichten, es
drängt wegen seiner Fülle zu einem Ausdruck. Vor allem
aber verlangt es nach einem Interpretationsrahmen, der in
den Fakten den Sinn aufscheinen lässt. Ansonsten steht
man vor grotesken, komischen und tragisch-bösen
Lebensgestalten.Die Frage nach dem praktischen
Atheismus entstammt der christlichen theologischen Welt-
und Lebensinterpretation. Sie dreht die viel häufigere
Fragerichtung einer therapeutischen Kritik am Christentum
um und versucht die Psychotherapie auf ein mögliches
Abfallgeschehen vom Glauben her zu überprüfen. Daß mit
demselben Motiv, das unsere Fragestellung steuert, auch
nach dem Atheismus innerhalb der Kirchen und des Klerus
gefragt werden könnte, ist selbstverständlich, aber
hier nicht das Thema.
Seit
Jahren versucht ich überdies die Schnittstelle zwischen
Psychotherapie und Christentum zu verstehen und über
diese Grenze vermittelnd zu arbeiten. Seit Jahren
entsteht in unzähligen Gesprächen mit therapeutischen
Kollegen und Kolleginnen der Eindruck, dass die Seite der
Theologie kein ernstzunehmender Gesprächspartner mehr
für sie ist. Nur allzu oft laufen die Theologen
den Therapeuten hinterher ohne aus ihrer eigenen
Tradition den verschiedenen therapeutischen Theoremen
(wie sie sich in der praktischen therapeutischen Arbeit
niederschlagen) etwas entgegenzusetzen. Die
Themenstellung dieser kleinen Arbeit gibt dazu die
Möglichkeit.
Allerdings muß auf eine Einschränkung hingewiesen
werden: Es ist mir in meiner konkreten Arbeitssituation
nicht möglich gewesen, die Fülle an bereits
veröffentlichtem Material erneut zu verarbeiten, wohl
aber habe ich versucht, das Phänomen des
praktischen Atheismus der Therapie und der
Therapeuten, zu beschreiben und mitzuteilen. Es ist
sozusagen eine Vorarbeit zu einer viel größeren, nicht
von einem Einzelnen zu leistenden Bemühung um eine
Theologie der Psychotherapie.
Aus dieser Einschränkung heraus kommt das eigentliche
Atheismus Phänomen möglicherweise sehr viel
unverstellter zur Geltung, als es sonst geschehen
könnte. Die fachliche Auseinandersetzung mit dem Kreis
der wissenschaftlichen Autoren tritt deshalb hinter den
direkten Kontakt mit dem Phänomen etwas zurück. Was
also an reflexiver Sicherung der Erkenntnisse abgehen
mag, das wird an Direktheit und Konkretheit gewonnen-ein
ganz wesentlicher Schritt, wenn wir die verbergende
Tendenz bedenken, die das Atheismus Phänomen oft
begleitet.
Deshalb beginne ich gleich mit dem Schritt der
Wahrnehmung.
A: Sehen, was der Fall ist.
Das Atheismus - Phänomen in der Psychotherapie wird
immer deutlicher,
· je älter
sie wird. und je mehr Menschen mit ihr Erfahrungen
gemacht haben,
· je
vielfältiger ihre Schulen und Methoden werden,
· je
zahlreicher zum Beispiel die dokumentierten Berichte
über Prozessverläufe werden,
· je bekannter
ihre Interventionen (zur Frage nach dem Sinn des Leidens,
des Lebens oder des Glaubens) und
· je bewusster
die Einschränkungen durch berufsethische Vorgaben (wie
zum Beispiel das oft zitierte Verbot jeglicher
politischer Indoktrination und religiöser
Missionierung) werden.
Vielleicht trägt gerade im Kontrast dazu
religiös erscheinende Psychotherapie ( zum
Beispiel: Transpersonale Psychotherapie, (Vgl dazu:
Zundel/Fittkau: Spirituelle Wege und Transpersonale
Psychotherapie.Junfermann Paderborn 1989.) ,
stoisch humanistische Therapieformen
wie zum Beispiel Gestalttherapie (Vgl dazu Merten, Rolf
u.a.(Hrsg) Auf der Suche nach der verlorenen
Dimension GFE Zwitzenlehen2, D-82547 Eurasburg
1994.) einiges dazu bei. Davon wird später noch zu reden
sein.
Ich jedenfalls gehe in meiner Beschreibung des
therapeutischen Atheismus von folgenden fünf markanten
Punkten aus. Sie sind alle unter der Beleuchtung des
Lichtes wissenschaftlicher Psychotherapie auszumachen.
1. Psychotherapie war von
schon Anfang an also seit Freuds
Zeiten ein psychisch - struktureller
Befreiungsvorgang.
Strukturelle Befreiungen sind ähnlich zu sehen, wie
diejenige des eingeklemmten Affektes von dem
die frhe Psychoanalyse sprach. Was
eingeklemmt worden war, sollte durch die
Analyse befreit werden. Alle Eingeklemmtheiten sind
eindrucksvoll und bedenkenswert. Unzählige von ihnen
tauchen in der therapeutischen Praxis auf. Sie behindern
das Bewußtsein. Ihre Unmöglichkeit, sich adäquat
somatisch oder psychisch auszudrücken, läßt sie nach
Weisen suchen, dennoch ans Licht des Tages zu gelangen.
Diese Weisen sind krankmachende Vorgänge.
Die Befreiung der Affekte aus der Klemme der Behinderung
wird wie eine Bewußtseinserweiterung., ein Mehr-zu
sich selber- Kommen oder eben als Befreiung der Person
erlebt. Freilivh erhebt sicvh da die Frage nach de
Ursache der Einklemmung. Das eigene Über-Ich, die
Familie, die Gesellschaft kommen dafür in Frage.
2. Der alleroberste und
absolute Einklemmer aber scheint
Gott zu sein.
Von Gott kommen die Gebote und moralischen Weisungen. Auf
Ihn berufen sich die Regierungen und die
Kirchenleitungen. Er steht genauso an der höchsten
Spitze wie im tiefsten Grund eines krankmachenden
hierarchisch religiösen Systemes, dem kein
Patient und keine Patientin entkommen kann. So
scheint es zumindest. Dieses System beherrscht nicht nur
die Kirchenverfassungen, sondern viele der theistisch
verstandenen Weltanschauungen in ihren psychischen wie
extrapsychischen Wirkfeldern. Auf Gott beriefen
sich daher schon immer die staatlichen und
wirtschaftlichen Unterdrückungsmächte von außen, aber
auch Zwänge, Ängste und Hemmungen der Innenwelt von
Patientinnen und Patienten. Die Identifikation mit
dem Aggressor ist einer der am meisten beobachtbaren
Mechanismen, die hier tätig werden.
3. Diese so destruktiven
inneren Bilder und Verarbeitungsprozesse prägen die
therapeutische Praxis Tag für Tag.
Die therapeutisch notwendige Reduktion dieser
krankmachenden Faktoren ging oft zusammen mit
dem praktischen Atheismus als Befreiungsschlag von allem,
was Druck, Unterdrückung , und Lebensminderung
bedeutet, vor sich. Die praktische Maxime der
Psychotherapie schien zu sein : Besser atheistisch
frei als theistisch unterdrückt. Oder noch
etwas weiter getrieben:
Wenn ein Mensch schon (s)einen Gott
braucht, dann ist es besser, er selber nimmt die Position
Gottes sich selbst gegenüber ein. Besser die eigene
handhabbarere Unterdrückung als diejenige durch ein
göttliches Wesen, das absoluten Gehorsam fordern
könnte.... Eine Anekdote um Jakob Levi Moreno, dem
Begründer des Psychodramas und der Soziometrie
berichtet: Als er im Cafe Central eines Morgens die
Zeitung las, ertönte vom Nachbartischchen der Ruf:
O Gott! Flugs erhob sich Moreno und fragte
den Nachbarn: Sie haben mich sprechen wollen?
Anekdoten bündeln die Tendenzen ,die unter scheinbar
alltäglichen Therapie-Kommunikationen liegen. Es gibt
sie zahlreich. Man muß nur darauf aufmerken, um fündig
zu werden.
Sie läufen zuletzt auf die Zielmaxime zu:
Therapeut und Therapeutin sind die besten
Gottheiten der Menschen! (Sowie sie auch die besseren
Eltern sind!?) Niemals würden sie derart herzlos
wie eine allmächtige Gottheit, die Kinder an Leukämie
qualvoll sterben lässt. Niemals würden sie dem
Göttlichen Auge ähnlich rund um die Uhr die
Patienten und Patientinnen auf verborgene Sünden hin
beobachten. Auf jeden Fall würden sie nicht grausame
Opfer, Sühneleiden und dergleichen fordern. Und was die
Eltern betrifft: Väter und Mütter machen zahllose
Erziehungsfehler (um bei milden Vorwürfen zu bleiben!).
Therapeuten und Therapeutinnen erkennen diese Fehler,
denn sie wissen so scheint es wie sehr die
Patienten und Patientinnen durch diese Fehler verletzt
worden sind. Sie werden unweigerlich auf diese
Weise zu den besseren Eltern. Eine ungeheure
Anmaßung.
4. das
wissenschaftliche Weltbild, dem sie in ihrer
therapeutischen Methode ( laut Psychotherapiegesetz) zu
folgen haben , den methodischen , atheistischen Zweifel
als Voraussetzung hat ,
5. daß sie eigentlich in
dieser Situation von Kirchen und Religionen
alleingelassen einer Art schicksalhafter
Sonnenfinsternis (Gottesfinsternis) ausgesetzt waren.
Wollen wir noch besser die vorgegebene Situation der
Therapeuten und Therapeutinnen verstehen, gelingt es
vielleicht besser, wenn wir diesen Sachverhalt in
hermetischer Formulierung ausdrücken. Wir könnten
dann sagen: Der Mond (Symbol jedes reflexiven Intellektes
samt den die Realität verstellenden Projektionen genannt
Mann im Mond) schien sich gänzlich vor die
Sonne (dem alten Symbol für den göttlichen Bereich)
geschoben zu haben. Mitten im Sonnenlicht des Lebenstages
gab es eine Zone des bedrohlichen Schattens und mitten
drinnen finsterste Nacht. Dieser Hinweis erschließ
die Blick auf eine Sichtweise der europäischen
Geistesgeschichte, die nach dem Gesamtschicksal der
letzten 2000 Jahre fragen lässt. Vom Ende der
Neuzeit nennt zum Beispiel Romano Guardini seine
Schrift (Würzburg 1950) und lässt 1951 Die
Macht folgen. Der Platz in diesem geschichtlichen
Gesamtprozeß ist der Psychotherapie vorgegeben und
natürlich auch jeder wissenschaftlichen Bemühung, sie
zu verstehen.
War da einmal jemand zu sehen gewesen?
Hatte wirklich einstmals ein göttliches Wort
Menschen angeredet ?
Seit eh und je versetzen Sonnenfinsternisse
Menschen in Angst und Panik. Da hilft nicht das
schwache Licht intellektueller Aufklärung von ehedem.
Noch viel weniger postmodern - konstruktivistische
Beliebigkeit der Beleuchtung. Da bleibt nur die
unerbittliche Tapferkeit derjenigen Therapeuten und
Therapeutinnen, die nach Freuds Vorgabe der faktischen
therapeutischen Wahrheit verpflichtet waren. Und es
bleibt trotz vielfältiger methodischer Weiterentwicklung
die Praxis der geduldigen Arbeit mit Patientinnen und
Patienten selbst unter den Bedingungen einer temporären
Sonnenfinsternis.
Soweit ist mit wenigen Sätzen das Verständnis zu
skizzieren, das man atheistischer Therapie und
atheistisch gewordenen Therapeuten und
Therapeutinnen entgegen bringen muß. Es ist
dieselbe Art von Verständnis, die man gewinnt, wenn man
therapeutisch nach der konkreten Gewordenheit einer
gegenwärtigen Situation fragt. Es ist ein
Verständnis, das die Umstände und das
Schicksalhafte einer existentiellen, religiösen
Grundposition hervorhebt,
das zu begreifen versucht, worum es den in den
Atheismus verwickelten
Menschen und ihrer therapeutischen Arbeit im Grunde
gehen könnte.
B. Der Wechsel der Beleuchtung.
Aber so müßte man nun weiter fragen - gibt es
tatsächlich keine Möglichkeit, mehr zu sehen, als
uns die Perspektive einer verstehenden Psychotherapie
eröffnet? Darüber hinauszusehen?
Psychotherapie ist zunächst ein Kind des Zeitgeistes und
folgt dessen Licht. Vielleicht auch in konsequentem
Ausschluß und in der darauf folgenden Ermangelung
einer anderen, offenbarenden Beleuchtung. Daß ganz
einfach gerade dasjenige Licht ausgeknipst sein
könnte, auf das es ankäme,wäre eine erschreckende
Möglichkeit nach der zu fragen wäre.
Und wird man nicht auch fragen müssen, ob nicht gerade
dieser Beleuchtungsverlust (ganz nüchtern als ein
Problem der Hermeneutik angeführt), ganz bewusst
verbirgt, damit der göttliche Offenbarungsbereich nicht
ins Licht käme? Wenn es schon in Gruppenprozessen eine
hidden agenda (verborgene Zielsetzung) gibt,
können dann wir sicher sein, daß die wissenschaftlichen
Weltbeleuchter keiner solchen
erliegen?
Wenn es also um ein Bedenken des Atheismus im
Bereich der Therapie und der Therapeuten geht, so setzt
die Fragestellung auch den Theismus den Glauben an
Gott als Alternative voraus. Die
eingangs markierte Deutung der Genese therapeutisch
atheistischen Praxis ist dagegen eine um den
göttlichen Bereich geminderte. Sie deklamiert
weltbildgemäß (nur ) in meinem Lichte sehe
ich das Licht (nach Psalm 36, 1o) und
weist den Urtext: In DEINEM Licht sehen wir
das Licht ! aus dieser Konsequenz zurück.
Der faktische Ausschluß der deutlich christlichen
Sichtweise beraubt uns damit von vornherein der Kenntnis
einer umfassenderen Perspektive: Gottes Handeln wird aus
dem Drama der geschichtlichen Handlungen ausgeklammert.
So als ob er nicht mitspielen würde. Und
keine Perspektive einzubringen hätte. Perspektiven sind
aber mit Weltbildern verbunden. Und wir wissen, daß
unsere Zustimmung zu Weltbildern auch an der Evidenz
hängt, die sie uns vermitteln. Diese Evidenz ist die
Folge eines Gesamteindruckes . Sie hängt nicht sosehr
von diesem oder jenem Detail ab. Es ist eine
persönliche Gesamtreaktion , die uns zur Evidenz führt.
Eine größere subjektive Sicherheit kann niemand
gewinnen.
C. Im Lichte der Offenbarung sehen.
Wenn wir uns also dazu entschließen, den
intellektuellen und personalen Horizont dem Licht
des offenbarenden Glaubens zu öffnen, stehen wir vor
einer völlig neuen Situation. Ich nehme
Glaube hier im Sinne der kirchlich
christlichen Gestalt. Was also passiert, wenn wir die
oben beschriebene Minderung der Beleuchtung zurücknehmen
und uns von der Offenbarung anreden lassen? Den
Gesamtprozeß des Bedenkens von Psychotherapie in Theorie
und Praxis unter das Licht dieser Offenbarung des
Glaubens und unter das Licht Gottes stellen? Die so
erscheinende Gesamtgestalt der menschlichen Realität
läßt gestochen scharfe Bilder sehen. Sie fördert mit
geradezu erschreckendem Ernst folgende Markierungen zu
Tage:
1. Szenen des Abfalls .
Die Geschichte der Psychotherapie ist ein Prozeß
wie alle Szenen der Zeitgeschichte. Sie teilt
dieses Schicksal mit den Lebensläufen, die ihre
Patienten und Patientinnen zu gestalten haben. Die
Gesamtgestalt der menschlichen Szenen - Geschichte aber
wird in der christlichen Tradition als ein irritiertes
Suchgeschehen nach dem Fall aus dem wunderbaren Anfang
der Schöpfung gesehen. Das Gleichnis vom Gütigen Vater
und dem verlorenen Sohn (Lk 15, 11 32.) ist die
Totale der Ausleuchtung dieses Prozesses. Es beginnt mit
der Forderung nach dem zukommenden Anteil am Vermögen
des Vaters ( aaO 11. 12): Ein Mann hatte zwei Söhne. Der
Jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir
das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das
Vermögen auf.
· Das ist ein
wesentlicher Umstand, denn es gibt einen ganz kleinen ,
aber gleichen Schritt innerhalb der Therapie.
Er beginnt mit dem Eingehen auf die Bedürfnisse der
Patienten, (die als selbstverständliches Recht gelten) ,
setzt sich in einer fast selbstverständlichen
Anspruchforderung fort und führt allmählich zu einer
der Ablehnung des Dankens (als
Abhängigkeit verstanden) fort
· Niemand ist
zu danken, das Leben verdankt sich dem Leben, jeder
verdankt sich selbst alles, für was vielleicht früher
noch zu danken gewesen wäre, wird als erklärbarer
Zusammenhang verstanden, und in dieser Weise
entpersonalisiert und objektiv. Daß einem die Eltern das
Leben gegeben haben ist ebenso deren Problem,
wie die soziale Unterstützung durch die Gesellschaft,
oder die Güte der Therapie- alles hat schließlich
seinen Eigenanteil und auch seinen Preis. Schließlich
wischt die Therapie jede Verantwortung für die
Folgen eigener Rivalität und Begehrlichkeit
gütig verstehend hinweg: Sie konnten
sicher nicht anders. Nach all dem , was man Ihnen in der
Kindheit angetan hat war das eben Ihre
Möglichkeit! tönt es aus dem Therapeutenstuhl.
Die Verweigerung des Danke , die
selbstverständliche Forderung nach dem zukommenden
Anteil am Vermögen (Vgl.Lk 15,12 ff) und die
Zurückweisung erwachsener Verantwortung (unter dem
Vorwand ein kindhaften Dauerregression) schaffen zusammen
eine Atmosphäre, die zumindest für den Therapeuten und
die Therapeutin auf Dauer gefährdend wirken kann.
Sie schlägt zurück. Von den hunderten, vielleicht
tausenden Stunden, die er oder sie im Therapieraum
verbringen, gibt es immer weniger solche, die von einem
Gefühl der Dankbarkeit für das Leben überhaupt
gezeichnet sind. Es wird ein Zeitraum vom Dank
gesäubert. Den besetzen Szenen der sozialen,
biographischen, religiösen, familiären Schädigung in
übermächtiger Weise . Der Therapeut oder
die Therapeutin bleiben als die einzigen wirklich Guten
im konkreten Geschehen übrig. Das widerspricht schon
für sich genommen, der Warnung Jesu (bei Mt 19, 17 par.)
Einer nur ist gut, nämlich Gott. Diese Warnung
aber weist auf die Folgen eines solchen Vorgehens
hin: Das Vermögen des Vaters ( das vitale,
kulturelle und spirituelle Erbe) gelangt nämlich
unmerklich in der Therapeuten Verfügung .
Durch ihre
interpretatorische Allmacht und therapiebedingte
autoritative Stellung sind sie versucht einen
Turm zu bauen mit der Spitze bis zum Himmel um sich
einen Namen zu machen. ( 1Mos 11,1 ff) Babylon beginnt
wieder ein drohendes Ereignis zu
werden Die Tatsache wie auch die
versuchende Möglichkeit zu dieser Abfallsbewegung
ist sowohl im Gesamtschicksal der Menschheit wie auch im
Einzelschicksal zu sehen.
Das wurde schon immer vom Christentum
behauptet. Neu daran mag die Erkenntnis sein, daß das
selbst im Therapiebereich so stark wirkt, einem Bereich
also, der es doch mit Befreiung also dem Gegenteil
zu tun hat. Vielleicht ist es eine
weltbildbedingten Naivität, die allen Abkömmlingen der
Aufklärung wie ein Schatten folgt: Zu meinen, es müsse
einfach das Licht der Vernunft alleine
genügen, um mit der tiefen Grundrealität der
Wirklichkeit in Übereinstimmung zu sein.
Oder noch schärfer: Es gäbe gar keine tiefere
Wirklichkeit, mit der eine Übereinstimmung zu suchen
sich lohnen würde. Alles selbstverfertigt!
Eigenbau!. Du begegnest dir immer nur
selber! könnte hier als Maxime gelten .
Ist also die Wirklichkeit der Liebe und Erotik das
Scheingebilde einer kollektiven, selbstbesessenen
Onanie?
Die christliche Spiritualität dagegen vertritt den Satz:
2. Wahrheit ist nicht
beliebig.
Wahrheit meint die Übereinstimmung mit dem Willen
Gottes.
Die Nicht Übereinstimmung hat tragische,
verwirrende Folgewirkungen, je länger sie andauert und
je tiefer sie reicht.
· Unser
Gleichnis spricht von Übereinstimmung in den wunderbaren
Schlußsätzen: Mein Sohn, du bist immer bei mir
und alles meine ist dein! (Lk 15, 31). Therapeuten,
die weder bei sich noch bei ihren Patienten die Suche
nach dieser Übereinstimmung im Blick behalten,
geraten in eine Verwirrung, die das Leben als ganzes zu
verspielen vermag. Nicht lange danach packte der
jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land,
und dort vergeudete er sein Vermögen durch ein
zügelloses Leben. Als er alles aufgebraucht hatte,
entstand eine große Hungersnot in jenem Lande, und mehr
und mehr litt er Mangel.(Lk 15, 13.14.)
heißt es im Text des Gleichnisses lapidar.
· Analysen
können tötend sein....
Die Verwirrung zeigt sich auch daran, daß von der
Ausbildung weg zahlreiche Therapeutinnen und Therapeuten
wohlgeübt sind, beeindruckende Argumentationsketten der
Analyse ( hier im Sinne von Zerteilung) und
Relativierung von Wirklichkeit abzuspulen, aber
nicht im selben Ausmaß ebensolche der Synthese und
Integration zur Verfügung haben. Analyse und
Relativierung haben ihr gutes therapeutisches Recht, aber
ohne Synthese und Integration führen sie zum Zerfall von
lesbaren Lebensgestalten. Das zeigt sich zum Beispiel an
den überdurchschnittlich oft scheiternden
Paarbeziehungen der Therapeuten. Gerät die
Kommunikation in den Modus einer analysierenden
Hinterfragung, so wird der Kontakt zueinander gemindert
weil der Akzent der Interaktion auf die intellektuelle
Ebene verlagert ist. Die Folge ist ei n Zerfallsgeschehen
der Beziehungsgestalt. Der hier beschrieben Vorgang ist
als Vorwurf sehr oft erhoben worden und gehört zu
bedrückenden Destruktionsmechanismen, die die Realität
verwüsten.
· Kann ein
Verwirrter einen Verwirrten führen?
Dieses Geschehen verbergen Therapeuten vor sich
selbst sehr oft lediglich dadurch, daß sie ihre Methode
kurzerhand ganzheitlich nennen.
Ganzheiten aber , die von der Zergliederung und
Relativierung befallen sind, drohen sich
aufzulösen. Sie sind nicht mehr in der Lage, einem
Patienten oder einer Patientin Halt und
Orientierung zu geben. Zahlreichen Therapeuten und
Therapeutinnen droht im Strudel dieser Dynamik genau
dasselbe auszehrende Schicksal. Es ist ein
Alarmzeichen erster Ordnung und verlangt nach Beachtung.
Zu diesem Therapeuten hätte ich nie Zutrauen
sagte einmal ein Klient. Er sieht selbst ganz
verrückt aus! Er hat genauso irre Augen wie ich selber,
wenn ich mich in den Spiegel sehe!
· Das
biegen wir auch noch hin...
Eine der ganz verheerend wirkenden Spielformen der
beliebigen Wahrheit ist die besserwisserische
Sucht , alles und jedes therapeutisch zu erklären. Man
wird an den Spruch: Dem Ingenieur ist nichts zu
schwer erinnert.
Eine Mutter von drei Kindern besucht ein Seminar
und erhält den Rat, eine Therapie zu beginnen. Sie
sucht im Telefonbuch die nächstgelegene
Therpeutenadresse und findet sich zum vereinbarten
Zeitpunkt ein. Als ich an der Türe zur Praxis
angeläutet hatte, öffnete sie sich und vor mir stand
der Mann meines Lebens! Wie ein unbeschreiblicher Blitz
des Erkennens durchfuhr es mich. Ich war unglaublich
glücklich. Aber natürlich überwies mich der Therapeut
postwendend an eine Kollegin. Seit zwei Jahren arbeite
ich mit ihr und jetzt habe ich endlich einsehen können,
daß es immer dasselbe Vaterproblem ist, das mir
begegnet. Auch bei der obengenannten Szene. Das heißt :
Laut Therapie bin ich überhaupt nicht beziehungsfähig
!
Daß jedes neue Ereignis von vornherein therapeutisch auf
das alte Familiensystem bezogen wird, daß es im Grunde
überhaupt keine echte Zukunft geben kann, als die
stetige, variationenreiche Wiederholung der
Vergangenheit, ist die verheerende Wirkung dieser
Sichtweise. Daß mit dieser Vorgangsweise der Therapeut
und die Therapeutin niemals das sichere Terrain ihrer
Spezialkompetenz verlassen müssen, ja durch ein Gefühl
sicherer Überlegenheit eine Art Lohn erfahren, kommt
noch dazu.
Der christliche Offenbarungsweg aber folgt einer
Anziehung, die vom Himmlischen Jerusalem ( Offbg.21,1o ff
) ausgeht. Sie könnte einer himmlischen Schwerkraft
verglichen werden. Die Gegenwart (und jeder Lebenslauf in
ihr) ist in dieser Sicht der Anfang des Zukünftigen. Das
gilt auch für die Mutter mit dem vorgeblichen
Vaterproblem. Dieser Sprung von einer konkreten Sichtung
der Möglichkeiten eines Patienten und einer Patientin
zur Weltvollendung ist gar nicht selbstverständlich,
aber typisch christlich. Seit den Anfangszeiten dies
christlichen Weges wähnte man sich dem Ende der
Geschichte sehr nahe. Vielleicht ist dieser Sprung auch
eine Folge der Sehnsucht nach dieser Vollendung und einer
in ihr wurzelnden Ungeduld. Das volle Ausmaß der
beginnenden beginnenden Erneuerung der Welt im
tganzen und jedes Patienten und jeder Patientin ist nur
in der Intuition des Glaubens wahrnehmbar, nicht mit
kreativer Intelligenz oder dergleichen zu
konstruieren. Therapeuten und Therapeutinnen, die
die offene Zukunft Gottes, der da kommt ( nicht der
war ist und immer gleich sein wird vgl: Offbg. 1, 4
) verstellen, geraten in beliebige
Wahrheitskonstruktionen. Das verschließt ihr
eigenes Leben und das Leben der Patienten immer
fester und dichter.
· Wer vorneweg
leugnet, muß hintenherum dennoch zustimmen...
Die direkte und ausdrückliche Leugnung Gottes ist in
diesem Kontext als Phänomen leicht erkennbar, aber vom
Standpunkt des christlichen Weges aus ein schrecklich
konsequenter Widerspruch zum gesamten therapeutischen
Prozeß. Kann es denn ein Art Heilung oder Lösung
eines Problemes geben, die mit der göttlichen
lebensschaffenden Grundordnung nichts zu tun hätte? Kann
es gegen Gott überhaupt etwas Heilsames
geben?
1o Lehrtherapeuten und Therapeutinnen eines Institutes
saßen am Podium einer Diskussion über
Wertfreiheit in der Supervision. Ein
zentraler Ausbildner rief seinen Mitarbeitern zu:
Wir sind hier alle Supervisoren und
Supervisorinnen. Wir wenigstens sollten wissen: Es
gibt keinen Gott! Das erweckte die Frage nach der
Supervision der Supervisoren usw usw. und
endete in einem verbalen Schlagabtausch.
Kulenkampf wurde nach Gott gefragt sagte
jemand aus dem Publikum. Wir in Bremen sagen: Von
nichts wird nichts! war die Antwort des alten
Showmasters. Was willst du uns hier damit
sagen? war die Rückfrage vom Podium her.
Ich meine halt, sagte die Kollegin aus dem
Publikum, daß bei Euch am Podium der
alleroberste Supervisor sitzen muß. Er hat
den totalen Durchblick . Ein Super
Visor eben! Sie hatte die Grundfragen
dieser Situation deutlich gespürt:
Wer bestimmt die Wirklichkeit?
Wer darf werten?
Wer hat also hier jetzt die göttliche Position
usurpiert?
Daß das Super ein eminent
theologisches Wort ist, verrät schon die verdeckte
Tagesordnung dieser Diskussion. Daß aber gerade die
geleugneten bekämpften und verdrängten Inhalte
sich an die Fersen derjenigen Therapeuten und
Therapeutinnen zu heften pflegen, die das am wenigsten
wollen, war der Kollegin aus dem Publikum klar
geworden.
3. Die Wahrheit kommt so
oder so dennoch ans Licht.
Es ist eine bekannte Tatsache, daß in allen
Therapierichtungen laisierte Priester, Theologen und
ehemals christlich engagierte Menschen
überdurchschnittlich oft anzutreffen sind.
Die Jungscharführerin, von einstmals ist jetzt
Therapeutin geworden und aus der Kirche ausgetreten .
Sie fährt jährlich zu Spirituellen -
Trance Gruppen und hat es jetzt mehr mit der
Klitoris als mit dem alten
Patriarchengott. Das wars dann?
möchte man doch fragen. Keinerlei Nachdenklichkeit über
diesen seltsamen Gegensatz?
Der Regens eines Priesterseminares von ehedem
lehnt jede offenbarungsgebundene Glaubenshaltung als
verdeckt autoritär ab. Es gilt nur die je eigene
Erfahrung. Aber gerade er schleift ein Gruppe von
Kolleginnen und Kollegen unfreiwillig mit sich, die seine
Erfahrungen eifrig in ihr Notizbuch
schreiben, um sie ebenso weiterzugeben, wie das
vielleicht die ersten Christengenerationen mit den Worten
Jesu und der Apostel taten.
Der atheistische Propagandist der Gestalttherapie
Fritz Perls war in seiner Gesamterscheinung (Atheismus
hin oder her) ein israelischer Prophet. Was er
niemals laut gesagt hat, vertraute er einem Patienten an:
Es ist eine Gnade Gottes, in einen existentiellen
Engpaß zu kommen !
Das sind nur wenige Beispiele für die zahlreichen, die
man in der psychotherapeutischen Szene findet. Sie alle
haben es mit einer bewußten Verdeckung zu tun, die im
Endeffekt nichts nützt: Die Wahrheit der Lebensgestalt
kommt zum Vorschein und damit auch die Frage, nach dem
Zusammenhang von Einst und Jetzt, von christlich
kirchlicher Lebensphase und therapeutischer. Die
Gespanntheit dieses biographischen Bogens ist ein
wesentliches therapeutisches Thema.
4. Im Grunde ist die
eigentliche Frage der christlichen Offenbarung die nach
dem Anruf Gottes und einer Antwort in Form der (ersten
oder zweiten) Umkehr, die sich uns stellt.
Der christliche Glaubensweg ist ja ohne Kehre
überhaupt nicht beschreitbar. Er hat sie als
Voraussetzung.
Es ist auch die Frage nach einer Versuchung, in der man
stehen könnte, einem möglichen persönlich -
spirituellen Verrat, die man sich natürlich nur selber
stellen darf.
5. Darauf folgt auch die
Frage nach der Fälligkeit des Satzes: Es tut mir
leid! Je länger unsere und unserer Patienten
Lebensläufe währen, je sicherer können wir davon
ausgehen, daß es notwendig ist, diese Worte zu sprechen.
Da ging er (der verlorene Sohn) in sich und sagte:
Wieviele Taglöhner meines Vaters haben Brot im
Überfluß und ich gehe hier vor Hunger zugrunde. Ich
will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm
sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und
vor Dir! ( Lk 15, 17.18.)
Diese oft zitierten Worte gehören zu den schwierigsten,
die Menschen aussprechen können. Sie fallen auch
Therapeutinnen und Therapeuten schwer. Daher auch die
für den Therapiebereich scheinbar eigens entwickelte
Litanei der Entschärfung dieser
Grundsituation. Etwa so:
Es geht nicht um Entschuldigung, sondern nur um
Klärung! Oder:
Gott ist doch keine Person und schon gar nicht ein
Vater!
Gott ist alles, ist der Kosmos, ist Jesus
und Jehudi Menuhin und du und ich ..... was heißt da
Reue?
Das alte süße Gift des schwächlichen
Kirchenglaubens ist offenbar noch nicht genügend
durchgearbeitet.
Das tapfere Ertragen des Schicksal, ein verlorener
Sohn zu sein und das Erbe verspielt zu haben ist
gemäßer, als der Versuch, daran etwas zu ändern!
Die altbekannte Brüderdynamik der beiden
Söhne ein guter und ein böser
läßt sich durch Manipulation des Vaters nicht
lösen!
Schon Nietzsche hat irgendwo angewidert vom
weinerlichen Kyrie der Christen
gesprochen
Was immer geschehen sein mag: Ich verneige mich vor
niemandem mehr. Nicht vor Gott und auch nicht vor
Menschen.
Vielleicht ist aus diesen Andeutungen klarer geworden,
was es bedeutet, Lebensläufe entweder unter dem Licht
eines wissenschaftlich begründeten Therapiehorizontes
oder dem der christlichen Offenbarung zu lesen. Das zeigt
das letzte Beispiel: Die Folgen des Neigens oder
Nichtneigens sind gewaltig, besonders wenn man sie auf
das gesamte Leben bezogen
betrachtet. Für Patienten wie Therapeuten
entstehen Weichenstellungen, die ihren Preis
fordern und ihren Lohn in sich haben. Sie
sind für den Therapieverlauf ebenso wichtig, wie
für das persönliche Leben der Therapeuten und
Therapeutinnen.
Vollends ernst wird es aber , wenn die Frage nach unserer
therapeutischen Sympathie auftaucht.
6. Vorab gesagt: Es gehört
zum gesicherten technischen Handwerkszeug der
Psychotherapie, sich nicht in den therapeutischen Prozeß
hineinverwickeln zu lassen. (Therapeutische Distanz).
Zahlreiche Ausbildungsbemühungen richten sich darauf,
die therapeutische Position wahren zu können, das
Vermögen der Abgrenzung zu erlernen,
Ausbeutungsvorgänge wahrzunehmen, auf die energetische
Bilanz von Geben und Nehmen zu achten und so weiter und
so fort. Unversehens aber kann sich dieses
notwendige Bemühen ( Abwehr des Helfersyndroms ) zu
einem verdeckten Training der narzistischern
Selbstbestätigung auswachsen. Dann beginnt der Therapeut
und die Therapeutin weniger zu geben, als zu nehmen. Dann
fügt sich an die leichter beschreibbare sexuelle
Aubeutung die emotionale, deren Ausmaß immense Größe
annehmen kann . Im Endeffekt zielt dann ein solches
therapeutisches Geschehen mehr auf die Lebenssicherung,
ja sogar Lebenspotenzierung der Therapeuten als auf die
Heilungsvorgänge der Patienten.
Aber alle eben angedeuteten Vorgänge sind nicht nur
einer unglückseligen Akzentsetzung zu verdanken, sondern
enthüllen unter Licht der christlichen Offenbarung
auch ein mörderisches Geschehen:
Von den Früchten des Baumes, der in der
Mitte des Guten steht, hat Gott gesagt: davon dürft ihr
nicht essen, und daran dürft ihr nicht rühren, sonst
werdet ihr sterben. Eva zur Schlange in der
Erzählung des Sündenfalles der Bibel ( 1 Mose 3,3)
Keineswegs werdet ihr sterben! Gott weiß vielmehr:
Sobald ihr davon eßt, gehen euch die Augen auf,
ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und
Böse. Die Schlange zu Adam und Eva gemäß
derselben Erzählung.
Es droht nach diesem Bericht der Tod. Gott warnt vor dem
Tod. Die Schlange verführt zum Tod und denunziert Gott
als eifersüchtigen Rivalisierer. Der Mensch Adam
Eva stimmt der Schlangenversion zu. Die Folgen sind
bekannt: Kain erschlägt aus Rivalität hinterrücks
seinen Bruder Abel ( 1 Mos 4, 1 ff.), gründet Städte,
beginnt Religion zu spielen und Lamech
folgt mit dem Grundritus der Blutrache dem Morden (1 Mose
4,23.24 ). Die Sympathie dieser Erzählungen liegt
niemals beim jeweils Stärkeren oder Mächtigeren,
sondern beim Opfer- zum Beispiel bei Abel.
Die wesentlichen Schriften der Bibel enthüllen deshalb
immer wieder, wer Täter und wer Opfer des Mordens ist.
Ihre Sympathie gehört immer den Opfern. (Ganz deutlich
um ein Beispiel zu nennen: Die Leidensgeschichte Jesu (Mk
14,1 ff.
par.)
Die Menschenopfer werden unter dem aufdeckenden und
inspirierenden Licht der Offenbarung zu Tieropfern,
zu Sündenböcken, zu Pflanzenopfern, zum Opfer der
Lobes gemildert, um zum Ende aller Opfer
durch Jesu Sieg über die Todesmächte (1 Kor
15, 54 u.a.) zu führen.
7. Die Offenbarung zeigt
eine Ethik der zielgerichteten Handlung für die
Schöpfung und für die Entmächtigung der Todesdynamik.
Es ist eine ganzheitliche, also auch herzlich -
sympathische Ethik. Wo immer die
Psychotherapie dieser Sympathie der Bibel folgt,
setzt sie deren Impuls fort. Wenn sie auch die
Täter aller therapeutischen Mühe wert erachtet,
so handelt sie wie der Vater, der sagte: Wir müssen doch
feiern, und uns freuen : denn dieser dein Bruder war tot
und kam wieder zum Leben, war verloren und hat sich
wieder gefunden. ( Lk, 15, 32).
Religiös sein oder auch
atheistisch sein ist daher für sich genommen
noch nicht eindeutig genug bestimmt. Es sagt noch
zu wenig über das wirklich relevante Geschehen aus.
Dieses mißt sich vor allem um es noch
ausführlicher zu sagen - an der Mitwirkung mit der
Sympathie Gottes. Die vom ersten Buch der Bibel bis
zum allerletzten durchgetragene Botschaft ist
diejenige vom Leben das Gott grundlos, grundsätzlich und
in Überfülle will und gibt . Und von einem
todgerichteten Störungsprozeß katastrophalen
Ausmaßes, der das nicht will. Auf Seiten des Opfers
stehen ist unumgänglich, wenn es darum geht, in der
faktischen Wahrheit mit Gott übereinzustimmen. Es
bedeutet, das Leben jedes ermordeten Abel zu suchen
: Kain, wo ist den Bruder Abel? ( 1 Mose 4,9
)
Es bedeutet auch, aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und
mit allen Kräften dafür sein, daß es den Kosmos gibt.
Daß es überhaupt irgend etwas gibt.
Vor allem auch, daß es unsere Patientinnen und Patienten
gibt.
Die Beleuchtung der Offenbarung lehrt uns über deren
bloße Existenz grundsätzlich zu staunen,
sie zu lieben, wie uns selbst,
nichts ihres Lebens für grundsätzlich wertlos oder
vernichtenswert anzusehen,
sie als das große Mysterium zu achten, das sie als
Menschen darstellen,
deren wahrer Ursprung wie letztes Finale im
göttlichen Bereich liegt.
Atheistisch beleuchtet , würden alle diese
Perspektiven so nicht in den Blick kommen oder gar
wegfallen. Da ist nichts mehr zu sehen oder
zu wissen !
8. Fluchtbewegungen.
Die Kürze der atheistischen Perspekive kann in der
Lebensmitte stehend noch ganz gut ertragen werden .
Biologische Vitalität kann da wie Hoffnung erscheinen
und die Frucht eines noch unerprobten
Lebensglückes wie Glaube und Liebe. Die Erfahrung aber
zeigt, daß Lebensläufe jenseits der Lebensmitte immer
durch mindestens eine schwere Krise gegangen sind. Wenn
schon nicht aus eigener Erfahrung, so aus derjenigen der
Patienten ist das sicher allen Therapeuten und
Therapeutinnen bekannt.
Der offenbarende Text zu diesen Situationen ist bei Mk
1,12.13 (par.) zu finden: Gleich darauf trieb Ihn der
Geist in die Wüste. Vierzig Tage lang blieb er dort, vom
Teufel versucht, inmitten der wilden Tiere, und die
Engel dienten Ihm.
In einer derartigen Krisensituation wird oft alles ist in
die Suppe eines (oft verzweifelten) Pragmatismus
eingerührt;
oder im Zynismus müde und bitter gewordener
Therapeutinnen und Therapeuten ins Lächerliche
aufgelöst....;
oder mit vielfachem Wortgeklingel vornehmlich abstrakter
Art zugedeckt. Zum Beispiel: Das Große, das
Stärkende, Kollektiv Unbewußt
Archetypisch schon immer und überall und
jederzeit im Männlichen und Weiblichen sich
polarisiernde kosmische Ganze usw.
usf.........
Es ist so, als ob Hellenismus, Buddhismus, Hinduismus und
Schamanismus die Versatzstücke für eine therapeutisches
Camp in der Wüste der Versuchung liefern müßten.
Sie werden de facto immer dann herangezogen, wenn es um
den religiösen Bereich geht. Lediglich solche Elemente,
die aus der christlichen Tradition stammen könnten,
bleiben unbenützt. Und das, obwohl gerade die der
christlichen Tradition folgende Spiritualität diejenige
ist, die dem therapeutischen Arbeiten am ehesten
entspricht. Sie ist diejenige unter allen genannten, die
ausdrücklich an einer Verwandlung
(Auferstehung) des Kosmos aktiv interessiert
ist und mitzuarbeiten trachtet. Auch das ist ein Zeichen
der Krise in der Wüste.
Natürlich müßte man sehr viel umfassender alle
diese Vorgänge bedenken. Vielleicht auf diese Weise mit
einer Art von Abgeklärtheit einen Frieden stiften,
wie ihn die Welt geben kann . Aber das ist ein
Friede, der doch nur um den Preis tötender Abfuhr
mörderisch aggressiver Energie zu gewinnen ist.
Ein Friede also, der immer wieder das Opfer des
Sündenbockes fordert. Aber das ist nicht der
Friede, von dem Jesus sagt er sei mit euch allen ! ( Jo
2o,19)
Es geht in der gegenwärtigen Situation aber um
eine notwendige Einmischung ,
um Sein oder Nicht- Sein,
Erstes Leben und Zweiten Tod, ( 1 Mose 1,1 ;Offb.
Offbg 2o,6)
Um die Anrede Gottes oder die Chuzpe
Rede der Schlange (1 Mos 3,1 ff) ,
um die Schlußworte des Vaters: Mein Sohn ( und meine
Tochter ), du bist immer bei mir! Und alles meine ist
Dein! ( aaO 31 ).
Das alles gibt dem Atheismusproblem in der Therapie sein
besonderes Gewicht.
(Es soll dabei nicht verschwiegen werden, daß in allen
diesen Vorgängen das menschliche Herz die zentrale Rolle
spielt. Ach, würdet ihr doch heute auf Seine Stimme
hören! Verhärtet euer Herz nicht! heißt es zu
Beginn des offiziellen Morgengebetes der Kirche(n). Das
Problem des praktischen Atheismus berührt auch die
Herzlichkeit im therapeutsischen Vorgang, die
Geduld, das einander Ertragen und die Suche nach
Kon-kordanz.)
D: Wohin führt der Weg der Psychotherapie?
Der Weg der Psychotherapie ist ein Weg der konkreten
Wahrheit. Siebist das Bindeglied zu allen Wegen, die ihr
den Vorrang bei allen Bemühungen geben. Der Atheismus
als Phänomen eines Abfallgeschehens, wie wir ich
darzustellen versucht haben, rückt sich selkbst von
dieser konkreten Wahrheit weg.
Wenn aber die atheistische Position konsequent
durchgehalten wird weil sie der faktischen
therapeutischen Wahrheit verbunden bleibt,
und wenn das auch für die theistische Position
gilt,
und die Positionen des frommen Heidentums der
Weltreligionen
sind das gemeinsame Schritte auf eine Integration
zu.
Vielleicht wird dann die wissenschaftlich gesicherte
Psychotherapie hinter dieser neuen Form ( vielleicht
könnte man sie psychotherapeutische Theologie
nennen ) zurückbleiben müssen.
Vielleicht ist es dieser neuen Form gegeben,
Wahrheit und Heilung für Menschen, die auf
der Suche danach sind , zu
vergegenwärtigen..
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