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Notizen
zu: Beziehung heute - was bindet, was trennt? 1)
Sie
haben mich eingeladen, Ihre Jubiläumswoche es ist
die 5. FISS Veranstaltung - zu eröffnen.
Wenn wir auf die Schwerpunkte Ihrer vergangenen
FISS-Tagungen blicken, ergibt sich eine klare Linie:
Sie gingen von
DAS MESSBARE UND DAS EIGENTLICHE
zu
TROTZDEM ZUVERSICHT DIE FRAGE NACH DER
HEIMAT
und
BEDROHUNG UND CHANCEN DER MIGRATION
Dann ging es weiter zu
ZUKUNFT KIND
und zu
BEZIEHUNG HEUTE WAS BINDET, WAS TRENNT?
Es soll offensichtlich praktisch zugehen auf
Ihrer Tagung, wenn man den Linien der vorgängigen Themen
folgt, es soll für alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen
ein Dialog möglich sein, es soll also nicht bei
schöngeistigen oder großartigen Perspektiven alleine
bleiben. Das ist von einem therapeutisch-pädagogischen
Standpunkt aus nur zu begrüßen.
Aber die Planungen der vergangenen fünf Fiss-Jahre haben
sicher nicht zu Unrecht trotzdem anspruchsvoll angesetzt.
Denn wir alle - Sie und ich - kennen die Erfahrung, dass
man ohne Vision und Perspektive in den platten
alltäglichen Pragmatismen wie in einem Sumpf zu
versinken droht. Gibt es doch für jede praktische
Anweisung pädagogischer Art (Frage: Wie gelingt denn
Beziehung wirklich?) gleich auch die Gegenfrage: Stimmt
das, was wir da sagen? Und woher kommt das Problem
eigentlich?
Es geht also nicht anders, als Sie es versuchten: Wir
müssen eine über die pragmatischen Anweisungen zum
Handeln hinausgehende Vision haben oder eine darunter
liegende Motivation aufweisen können, eine Dynamik aus
der unbewussten, triebhaften Sphäre, vom Menschen, die
zum Handeln drängt.
2)
Wenden wir uns wenigstens kurz Ihrer Vision zu. Wenn Sie
als ein Motiv ihrer Tagungen und ihrer Treffen Das
Eigentliche gleich zum Anfang genannt haben, so ist
das ein Begriff, der eine lange Geschichte hat und mit
dem mittelalterlichen Wort Wesen und mit der
der platonischen und aristotelischen Philosophie eigenen
Wortbildung (Morphe und Idee) verbindet. Dieses Ringen
und Bemühen um das Richtige oder das Eigentliche einer
menschlichen Beziehung hat sozusagen die Pädagogen seit
2000 Jahren animiert. Oder, in der Sprache Goethes gesagt
beflügelt Das ging durch die Jahrhunderte
über Kleriker, Sektenprediger, Agitatoren, zuletzt durch
die Aufklärer bis heute in Tirols Schulen und Unis
hinein.
Besonders die griechische Antike, mit der Sie so
jählings durch programmatische Wortschöpfungen
verbunden sind, war eigentlich eine Phase von ungeheuerer
pädagogischer Bemühung, So dass es zu einem Wettstreit
zwischen dem jungen Christentum und dem nachdenklichen
Heidentum, wer von beiden nun der Sittlichere sei, kam:
Die Christen? Oder die Heiden?
3)
Und wenn sie heute auf die Therapieszene achten,
bin ich sicher, dass auch Ihnen die humanistisch
pädagogischen Bemühungen einerseits und die
humanistische Psychotherapie andererseits wie eine
Neuauflage und Weiterführung der alten stoischen
Philosophie der ersten nachchristlichen Jahrhunderte
erscheinen kann. (Damals wirkte der große Stoiker Kaiser
Marc Aurel in Deutsch Altenburg Carnuntum .
4)
Die Idee, dass das Eigentliche aller Bemühungen, die
richtige Gestalt einer Sache aller
Mühe wert sei, ist in den statistisch motivierten
pädagogischen Wissenschaften von heute und in der
statistisch stark beeinflussten Universitätspsychologie
schwächer als ehedem, wenn Sie an die
analytische und an die humanistischen
Psychotherapien denken. Man muß auf jeden Fall
statistisch rechnen können.Die Zahl eint uns! Sagt der
Zeitgeist. Dagegen taten sich die grandiosen
Gründerfiguren der humanistischen Psychotherapiemethoden
zusammen ( Freud und Jung, Fritz Perls, Karl Rogers,
Jakob Levi Moreno, Wilhelm Reich). Dieser Impuls ist auch
bei der zweiten und dritten Generation der
Psychotherapeuten nicht verloren gegangen, wird in
zahlreichen kleineren Instituten und Initiativen bis
heute weiterverfolgt.
Man möchte den Tagungsveranstaltern hier in Fiss
gratulieren, dass sie sich in diese großen Bemühungen
eingeordnet hatten und die Mühe nicht gescheut haben,
eine tirolerische Neuauflage der alten antiken Akademie
und der Dialogischen Pädagogik zu versuchen: Miteinander
leben miteinander reden die Wahrheit im
Dialog und Gespräch suchen. Es war doch ein finsteres
Datum der europäischen Geistesgeschichte gewesen, als
Kaiser Justinian die platonische Akademie schließen
ließ (5. Jh.).
Es wäre ganz sicher kein gutes Datum, wenn ihre
Oberinntaler Diskurse ersatzlos und ohne irgend einer Art
von nachfolgender Bemühung eines Tages aus budgetären
oder berufspolitischen Gründen einfach auslaufen
würden. (Ansätze dazu hat es bereits im ersten
zurückgewiesenen Entwurf zum Psychologengesetz um 1985
gegeben. Damals sollte jede Psychotherapie von Beginn weg
durch eine klare, wissenschaftliche Diagnose zu
Zuweisungen an Spezialisten führen, die je nach
Symptomatik in kürzest möglicher Zeit Symptome
bessern könnten. Ein rational vernünftig anmutender
Versuch, der nur den konkreten Menschen gegen sich hat.
Und deswegen auch glücklicherweise abgewiesen wurde.
Lassen sie mich noch ein paar Überlegungen zur
christlichen Pädagogik, nach Ende der platonischen
Akademie machen. Sie war mitten im Spannungsfeld zwischen
christlicher Offenbarung und Respekt kaum wirklicher
Abwehr der großen heidnischen Tradition. Dieser niemals
wirklich ganz unterbrochene Strom der Überlieferung ist
wiederholt von der Kirche abgewiesen und erneut wieder
aufgenommen worden. Zuletzt wurde es in dem theologisch
so finsteren Jahren des Antimodernismus (19. Jh.) bis zum
Tod des Papstes Pius XII abgewiesen, aber im 2.
Vatikanischen Konzil mit Vehemenz wieder aufgenommen. So
gibt es einen Südtiroler spirituellen Freiheitshelden
namens Freiherr von Hügel. Er war zwar keine Bergspitze,
aber wie viele wesentliche spirituelle Menschen, ein
konstant zur Verfügung stehender Hügel. Sein Hauptwerk
hieß: Andacht zur Wirklichkeit und seine
Hauptbeschäftigung war, die Stärkung der von Rom zur
Jahrhundertwende hinausgedrängten großen
Theologen einerseits und die Weitergabe der großen
spirituellen Tradition der Kirche durch manche Finsternis
hindurch (Antimodernistenwahn) andrerseits. Freiherr von
Hügel wäre heute (er ist 1925 gestorben) für eine
Renaissance seines Denkens überaus wichtig. Ist es
vermessen anzunehmen, dass auf verborgene Weise bei ihnen
hier in Fiss auch schon so etwas begonnen hat?
Damit schließe ich diese ganz wenigen historischen
Reminiszenzen ab.
Den Praktikern unter Ihnen wird vielleicht der Hinweis
auf den großen Bogen der Tradition mehr Sicherheit
geben, den Theoretikern unter ihnen mag der Hinweis auf
diese große Tradition aus so mancher zeitbedingten
Verengung helfen.
5)
Sie sind in den folgenden Themen zu einer trotzigen
Zuversicht gekommen. Die Entdeckung, dass man ein
Schicksal nicht unbedingt übernehmen muss, weil nicht
alle Schicksale von einer solchen psychodynamischen Wucht
sind, dass jeder Trotz gegen sie sinnlos wäre.
Diese Zuversicht, etwas bessern zu können, ist seit den
Zeiten des Priesters Pelagius, der gegen Augustinus
meinte, durch unendlich viele sittliche Bemühungen
lässt sich die Welt bessern ...
über die Aufklärung in England ab dem 17. Jh., die
das größte Glück auf Erden für die größte
Zahl von Menschen zum Ziel hatte,
bis zu den gegenwärtigen Bemühungen der
Verhaltensforschung und der Hirnforschung
eingebunden in dem Versuch, trotzdem Zuversicht zu haben,
also nicht zu resignieren, wenngleich es viele Gründe
gäbe, das zu tun.
6)
Und sie haben sich an das, was man Heimat
nennt, abgearbeitet- es war ein Begriff, den Goethe schon
verteidigen musste und der natürlich durch den
Missbrauch in der politischen Agitation Preußens gegen
das Missgebilde Österreich vom Grossen Fritz
weg bis ins 3. und dafür tausendjährige Reich alles
andere als harmlos geworden war. Dieser Grundbegriff
Heimat, der einem Menschen Orientierung geben
kann und ihn mit dem Punkt des Globus zu verbinden
vermag, an den er zu seinem eigenen Bewusstsein erwacht
ist und damit auch zur Familie oder Gemeinschaft oder
Gesellschaft, die ihn bis zu dieser Selbständigkeit
behütet hat;
dieser Begriff Heimat, der in der Psychotherapie mit
Erdung oder Gründung oder auch
Grundbeziehung vage umschrieben wird, brachte
in der Pädagogik und Psychotherapie als Gegenbegriff
das Fremde oder die Fremde mit
sich. Die großen Auswanderungsbewegungen der
Gegenreformationszeit, die Vertreibung der Protestanten
aus Kärnten, Salzburg und Tirol und auch aus ihrem
schönen Innsbruck, das man lassen musste um
in der Fremde die Straßen zu ziehen- diese
große Auswanderungsbewegung haben wir auch heute
allerdings im umgekehrten Sinn zu bewältigen, mehr als
Einwanderungsbewegung. Es ist ganz schnell so
gegangen, viel zu schnell, um sich darauf vorbereiten zu
können.
7)
Und zuletzt bleib Ihnen nicht viel anderes, als auf die
Zukunft des Kindes zu verweisen. Ein Vorgang, der
transkulturell und transkonfessionell leicht
verständlich ist.
8)
Wenn Sie also über Beziehung heute sprechen wollen, dann
geht es in Grund noch immer um die selben Probleme in
neuerer Perspektive: Werden es die Kinder besser haben?
Werden wir mit der globalisierten Welt ein
menschenwürdiges Leben aufbauen können?
Werden wir mit unserer biologischen Verwurzelung auf dem
Globus oder auf dem Planten Erde zurande kommen?
Werden uns unsere Gene zu niedergeschlagener
Depressivität verurteilen?
Oder wird es Menschen mit Zuversicht geben können?
(Und da wir nun schon alles messen, wiegen und zählen,)
... wird uns dadurch noch der Blick auf das Eigentliche
erhalten bleiben?
9)
Ihre Fragestellung auf dieser Tagung Beziehung
heute, was vereint, was trennt?, wird auf diesem
Hintergrund besonders brisant. Denn sie haben schon in
der Einleitung durch Herrn Dr. Zangerle und andere
genügend Hinweise bekommen, wie virulent die Folgen
einer Trennung für Beziehungen sein können. Die
allereinfachste Folge ist die Unregierbarkeit des Globus
und die Unlösbarkeit aller Probleme, die uns heute
bedrängen. Es ist offenkundig, und ich glaube nicht,
dass ich damit viele Worte machen muss, dass keines der
Überlebensprobleme von einem einzelnen Menschen für
sich und seine Angehörigen allein zu lösen ist. Immer
benötigt eine solche Lösung eine Zusammenarbeit mit all
den anderen Menschen, die den Planten Erde bewohnen. Das
ist beim Trinkwasserproblem offensichtlich, bei der
Luftverschmutzung, schon gar bei der Radioaktivität. Die
Idee, dass der psychisch und physisch gesunde Mensch in
einem neuzeitlichen Einsiedlerdasein leben könnte, ist
absurd geworden. So bedarf allein das physische
Überleben schon einer gelingenden Beziehung zu den
Menschen, mit denen zusammengearbeitet werden muss. Fritz
Perls fand ab 1960 in seinem sogenannten
Gestaltgebet zu den Sätzen Ich bin
nicht auf dieser Welt, um nach deinen Vorstellungen zu
leben und du bist nicht auf dieser Welt um nach meinen zu
leben. Ich bin ich und du bist du. Hinzufügen
musste er dann: Und nur zusammen können wir
diese Welt retten. Vermögen wir das nicht, geht sie
zugrunde!
10)
Daher müssen wir bei geglückten Beziehungen, die uns
vereint haben sehen, dass vor allem der Mut zur
unverdeckten Wahrnehmung des fremden anderen und des im
Grunde genommen nicht so bekannten eigenen den Anfang
bildet. Wenn jemand zu seinen Mitmenschen, angefangen von
der Familie nur deswegen eine glückliche Beziehung
halten kann, weil er auf ihn unterschiedliche Bilder und
Interpretationen hinaufprojeziert, so ist dieser Jemand
schon auf dem Weg zu einer trennenden Beziehung. Es ist
einfach ein Mythos, den wir uns immer wieder
zurechtlegen, weil unsere Sehnsucht nach dem verlorenen
Paradies so stark ist, dass wir auf irgend eine Art und
Weise uns selbst bestätigen müssen und sei es um den
Preis der Abwertung des Fremden. Das hat Adolf Hitler mit
Hilfe der Mythen, die ihm die Romantik zur Verfügung
gestellt hatte, getan. Denken sie an Richard Wagner und
seine Operntexte, und vor allem an die antisemitischen
politischen Texte dieser Periode, die den Sündenbock des
Judentums aufgegriffen und massiv konstituiert haben. Das
brachte uns, die wir mit dieser Zeit durch die
Urgroßelterngeneration dicht verbunden sind fulminante
energetische Schübe, die so aussahen, als wäre es ein
geglückte Beziehung zum eigenen Volk, zum eigenen Land,
zur geistigen Elite, zur Kunst und Kultur Europas, was
uns da bewegte. In Wirklichkeit aber waren sie die
Speerspitze einer Todesschwadron, die sich mit 50
Millionen Kriegstoten (World War II) schrecklich
erfolgreich in die Geschichte eingegraben hat.
11)
Es ist also nicht harmlos, wie wir über uns, über
unsere Mitmenschen und über die Welt denken. Was Freud
die Dynamik des Unbewussten nannte, was in den
humanistischen Therapien Psychodynamik und in den
Gruppentherapien Gruppendynamik genannt wird, heißt bei
Paulus mit nahezu dem gleichen griechischen Wort (
Dynamis), die dämonisch besetzten Agitationslinien der
Zeitgeister in der Weltgeschichte.
Was könnte uns also vereinen, wenn wir auf unsere
Beziehung achten? Aus dieser Perspektive betrachtetet
kann das nur der Verzicht auf Projektion, auf Suggestion
und auf todesverliebte Deutung der Welt.
Die Schwierigkeit ist lediglich, dass diese negativen
Dynamiken, die das Leben und unsere Beziehungen
dominieren überall auftreten und wir nicht genügend
Unterscheidungsvermögen aufbieten, um sie zu
identifizieren. Viele Fragen tun sich auf: Wieso konnte
die deutsche Jugendbewegung am Beginn des 1. Weltkrieges
mit einem kollektiven Rauschzustand sich in die Schlacht
von Langemark (1914) stürzen, wo doch jeder
einigermaßen nüchterne Befund zeigen musste, dass
dieses Unternehmen mit dem Tod enden würde? Sie konnte
es, muss man leider antworten, weil sie den Tod nach
uralten mythologischen Bildern glatt als heilige Hochzeit
aus Schwert und Blut und Stahl interpretiert hat, noch
dazu als eine Hochzeit, die ein wundervolles deutsches
Reich bringen würde. Und das wäre dann das Heil des
Planeten Erde gewesen. Die Antwort also auf die Frage,
was uns trennt und der Hinweis auf die verheerende
Wirkung von Großvorstellungen und Großphantasien, die
einmal losgetreten ohnmächtig machen und ratlos ist
schlicht und einfach durch Rücknahme der Projektionen
aufzulösen. Das tut die ordentliche, manchmal simple,
banale Psychotherapie und Pädagogik. Schau hin, hatte
der große Führer Adolf Hitler, wirklich blaue Augen.
Schau hin, nimm wahr, was du wahrnehmen kannst. Es sind
braune gewesen. Bringt der Todesrausch wirklich
Neuordnung und Leben heraus? Geh auf die Schlachtfelder
hier bei uns im 2. Weltkrieg, geh zu den
Konzentrationslagern. Schau dir das schreckliche Leid der
Menschen an und mach dir klar, dass das Morden von
Sündenböcken und deren Stellvertretern niemals etwas
positives zum Weltganzen beitragen kann. (Außer man
entschließt sich den Grabsteinpark der Friedhöfe statt
des grünen Landes zu lieben. Richard Wagner schrieb am
Schluss seiner großen Liebesoper Tristan und Isolde nach
wissenschaftlicher Ansicht des 19. Jh. ins Regiebuch:
König Marke segnet die Leichen. Es waren
praktisch alle tot. Die Liebe gab es überhaupt nicht, es
sei denn im Jenseits. Im Diesseits war sie lediglich die
Folge einer Verwechslung des Trinkbechers bei Tische. Die
Chemie hatte sie erfasst. So wäre eine vereinende
Beziehung eigentlich durch einen chemischen Unfall zu
erklären?
13)
Wenn Sie aber noch auf Trennungen achten wollen, die
nicht mythologischer Natur sind, dann ist eben gerade
diejenige zu nennen, die gegenwärtig durch
Monopolisierung und daraus resultierende Produktion der
Armut eingeführt wird. Denn, wie kann jemand Zuversicht
haben, der sieht, wie er oder sie und die Seinen in die
bedrohliche Armut rutschen? Wie kann jemand zu seiner
physischen und seelischen Heimat finden, wenn er sich den
Arzt nicht zahlen kann, der ihm klares Denken
ermöglicht? Wie kann jemand die Bedrohung, die er
empfindet angesichts starker Migrationsströme als Chance
ansehen, wenn er für die eigenen Kinder keine Zukunft
mehr erblickt? Also geht es heute nicht nur darum,
Unterstützungen zu bekommen, um die Familie, dieses
bewährteste, älteste soziale Gebilde zu erhalten,
sondern auch darum, zu sehen, dass Armut vor allem durch
Solidarität und soziale Gerechtigkeit ausgeglichen
werden muss. Es ist offensichtlich, dass die Ideologie
des freien Marktes nicht zu einem Ausgleich führt,
sondern eben eine Ideologie ist. Sie sehen das am besten
am Lebensmittelhandel. Große Marktketten vernichten
kleinräumige Nahversorger, um dann über die Börse
miteinander zu fusionieren, was das Ende des freien
Marktes ist und zum Diktat des übriggeblieben Stärksten
führt. Der freie Markt hätte doch eigentlich diesen
Prozess ins Humane, Gerechte steuern müssen. Dem ist
aber nicht so. Vielmehr hat er über die Börse zu einer
schwer zu kontrollierenden Dominanz der Investoren
geführt. Was uns eint blieb auf der Strecke.
Was uns trennt hat sich auf diese Weise aufgebaut.
Vielleicht darf , ja muß man sogar mit Erschrecken die
Folgen der evolutionistischen Ethik, die allüberall
verbreitet wird ins Auge fassen (Menschenaffenbeispiel).
15)
Was also an menschlichen Beziehungen einend sein könnte,
wäre der Mut auch die Phänomene wirklich zu sehen und
solidarisch gegenüber ausgeschlossenen, herabgeminderten
Mitmenschen zu handeln. Das tun (trotz aller
aufgeklärten Angriffe) noch immer die Kirchen, besonders
auch die katholische Kirche, deren päpstliche
Repräsentanz wegen ihrer offensichtlichen theatralischen
Erscheinung abgelehnt wird. Trotzdem: Es gibt keine
vergleichbare politische Bewegung weltweit wie die der
christlichen Basis-Gemeinden großkirchlichen Ursprungs.
Man muss das dazusagen, weil ja die Kleingruppenideologie
zunächst viel zukunftsträchtiger und hilfreicher
erscheint. Aber in Wirklichkeit bedarf es der möglichst
weiträumigen Vernetzung, um dem Druck der negativen
Gruppendynamik standhalten zu können und der Minimierung
der sozialen Kontrollmechanismen, die nur in
Großkirchen möglich ist.
16)
Lassen Sie uns auch darauf verweisen, dass besonders die
christlich- israelische spirituelle Tradition einen
klaren geschichtlichen Zeitbegriff beinhaltet. Vermutlich
als eine der ganz wenigen Traditionen. Zeit
ist gleich auch Lebenszeit also ein Prozess.
(Ganz ähnlich die Psychotherapie)
Darüber hinaus nennt sie ohne viel Umschweife die
mörderische Gruppendynamik (Rivalität, Aggressivität,
Mordimpulse) im Zusammenhang mit dem Sündenbocksyndrom
als negativ und sittlich negativ.
17)
Es gibt einige schlagwortartige Sätze, die von
fundamentalistisch erkrankten Menschen immer wieder
gebraucht werden, ohne jedoch deswegen auch richtig zu
sein.
Dazu gehört vor allem die Hoffnung auf Recht und
Ordnung.
Dann die Ansicht, dass der Gebrauch von Macht von
vornherein negativ sei.
Es folgt der uralte Vorbehalt gegen die Rolle der Erotik
im menschlichen Leben. Der ganze Grund dafür scheint der
zu sein, dass sie kurzerhand schön und lustvoll sein
kann, verbunden mit der Angst, dass sie von der Arbeit
und der Disziplin ablenken könnte. Besonders den Mann
und seine intellektuelle Kraft und die Frau um ihre
Würde bringen könnte. Wer aber z.B. die Geschichte der
Scham oder die Geschichte der sexuellen Unterdrückung
oder die Geschichte der Frauenunterdrückung samt der
Kinderabwertung im Detail studiert kann deutlich sehen,
dass die vis unitiva - die einigende Kraft der
Sexualität - unabdingbar integriert und gelebt werden
muss, wenn die Beziehungen unter Menschen liebevoll und
entideologisiert sein sollen.
Es ist Ihnen und auch mir natürlich bekannt, dass genau
diese Position wie ich sie hier angedeutet habe, die
allergrößten Schwierigkeiten für Europäer seit
ungefähr 3000 Jahren ergeben haben. Und dass die
Kirchen, besonders die katholische oder auch orthodoxe,
sich nicht wirklich von diesem alten negativen Konzept
der Sexualität befreien konnten. Es ist, was das
Schlagwort anbelangt, sicherlich die Kirche
hauptsächlich an diesem Problem schuldig geworden.
Da ließen sich andere Faktoren nennen, aber
offensichtlich ist dieses eine von wenigen
Weltorganisationen, die bis heute genau aus diesem
Ressentiment heraus Frauen den Zugang zu ihren Ämtern
und den erotisch sexuellen Bereich eine zeitgemäße
Hygiene und der homophilen Variante des Geschlechtslebens
das Ja verweigern. Man muss also sagen, dass wir heute an
einem Punkt stehen, an dem es nicht notwendig ist, große
Schuldzuweisungen sozusagen mit dem Brustton der Reinen
und Besserwissenden zu verkünden, wohl aber mit
allen Bemühungen zur Integration der Erotik und
Sexualität in den menschlichen Beziehungen einig zu
sein.
Es lässt sich mühelos mit heutigen
humanwissenschaftlichem Wissen von den Großphänomenen
(wie Krieg) zu den Kleinphänomenen (wie Sündenböcken
in Kleinfamilien) eine zusammenhängende Linie
feststellen. Sie fangen in FISS beim kleinen Phänomen
an, in der Familie, in der Ortschaft, in der Schule, in
den Ihnen zugänglichen Vereinen.
Es ist zusammen mit Ihnen zu hoffen, dass die Menschen,
die auf diese Art zu ihrer Menschlichkeit finden und die
in den nächsten und übernächsten Generationen den
Planeten Erde übernehmen werden, ganz anders, viel
unverstellter und leichter dem Phänomen des Lebens
gegenüber sein können als Sie und ihre Generation es
waren (von meiner ganz zu schweigen).
Wir haben allen Generationen vor uns für ihre Mühe und
ihre Tradition zu danken und nach alter
Indianerweisheit sollten wir uns hüten, alte Vorurteile
weiterzutragen, ehe wir in den Schuhen der
Ötzis von ehedem ein Jahr gelaufen sind. Und
so werden auch die Generationen nach uns hoffentlich auf
unseren Ergebnissen des Lernens durch Versuch und Wirkung
aufbauen können.
Gehen wir nun in den folgenden Tagen an die ganz
konkrete, lapidare Fragestellung. Nichts ist für
wirkliche Menschwerdung von uns allen so trügerisch wie
die Schwärmerei vom Geist . Sie ist eine
Sackgasse ersten Ranges. Die konkrete tatsächliche
Wahrheit in unseren Beziehungen ist der einzige Ort den
wir kennen, wo sich Traditionen und Zukunft, Theismus und
Atheismus, schwere Schuldigkeiten und großartige
Menschlichkeit zwischen Ich und Du begegnen
können.
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