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          Notizen zu: Beziehung heute - was bindet, was trennt?

1)

Sie haben mich eingeladen, Ihre Jubiläumswoche – es ist die 5. FISS Veranstaltung - zu eröffnen.
Wenn wir auf die Schwerpunkte Ihrer vergangenen FISS-Tagungen blicken, ergibt sich eine klare Linie:
Sie gingen von
DAS MESSBARE UND DAS EIGENTLICHE
zu
TROTZDEM ZUVERSICHT – DIE FRAGE NACH DER „HEIMAT“
und
BEDROHUNG UND CHANCEN DER MIGRATION
Dann ging es weiter zu
ZUKUNFT KIND
und zu
BEZIEHUNG HEUTE – WAS BINDET, WAS TRENNT?
 
Es soll offensichtlich „praktisch zugehen“ auf Ihrer Tagung, wenn man den Linien der vorgängigen Themen folgt, es soll für alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen ein Dialog möglich sein, es soll also  nicht bei schöngeistigen oder großartigen Perspektiven alleine bleiben. Das ist von einem therapeutisch-pädagogischen Standpunkt aus nur zu begrüßen.
Aber die Planungen der vergangenen fünf Fiss-Jahre haben sicher nicht zu Unrecht trotzdem anspruchsvoll angesetzt. Denn wir alle - Sie und ich - kennen die Erfahrung, dass man ohne Vision und Perspektive in den platten alltäglichen Pragmatismen wie in einem Sumpf zu versinken droht. Gibt es doch für jede praktische Anweisung pädagogischer Art (Frage: Wie gelingt denn Beziehung wirklich?) gleich auch die Gegenfrage: Stimmt das, was wir da sagen? Und woher kommt das Problem eigentlich?
Es geht also nicht anders, als Sie es versuchten: Wir müssen eine über die pragmatischen Anweisungen zum Handeln hinausgehende Vision haben oder eine darunter liegende Motivation aufweisen können, eine Dynamik aus der unbewussten, triebhaften Sphäre, vom Menschen, die zum Handeln drängt.
 
2)
Wenden wir uns wenigstens kurz Ihrer Vision zu. Wenn Sie als ein Motiv ihrer Tagungen und ihrer Treffen „Das Eigentliche“ gleich zum Anfang genannt haben, so ist das ein Begriff, der eine lange Geschichte hat und mit dem mittelalterlichen Wort „Wesen“ und mit der der platonischen und aristotelischen Philosophie eigenen Wortbildung (Morphe und Idee) verbindet. Dieses Ringen und Bemühen um das Richtige oder das Eigentliche einer menschlichen Beziehung hat sozusagen die Pädagogen seit 2000 Jahren animiert. Oder, in der Sprache Goethes gesagt „beflügelt“ Das ging durch die Jahrhunderte über Kleriker, Sektenprediger, Agitatoren, zuletzt durch die Aufklärer bis heute in Tirols Schulen und Unis hinein.
Besonders die griechische Antike, mit der Sie so jählings durch programmatische Wortschöpfungen verbunden sind, war eigentlich eine Phase von ungeheuerer pädagogischer Bemühung, So dass es zu einem Wettstreit zwischen dem jungen Christentum und dem nachdenklichen Heidentum, wer von beiden nun der Sittlichere sei, kam: Die Christen? Oder die Heiden?
 
3)
Und wenn sie heute auf die Therapieszene achten,  bin ich sicher, dass auch Ihnen die humanistisch pädagogischen Bemühungen einerseits und die humanistische Psychotherapie andererseits wie eine Neuauflage und Weiterführung der alten stoischen Philosophie der ersten nachchristlichen Jahrhunderte erscheinen kann. (Damals wirkte der große Stoiker Kaiser Marc Aurel in Deutsch Altenburg – Carnuntum .
 
4)
Die Idee, dass das Eigentliche aller Bemühungen, die „richtige Gestalt einer Sache“  aller Mühe wert sei, ist in den statistisch motivierten pädagogischen Wissenschaften von heute und in der statistisch stark beeinflussten Universitätspsychologie schwächer als ehedem, wenn Sie  an die  analytische und  an die  humanistischen Psychotherapien denken. Man muß auf jeden Fall statistisch rechnen können.Die Zahl eint uns! Sagt der Zeitgeist. Dagegen taten sich die grandiosen Gründerfiguren der humanistischen Psychotherapiemethoden zusammen ( Freud und Jung, Fritz Perls, Karl Rogers, Jakob Levi Moreno, Wilhelm Reich). Dieser Impuls ist auch bei der zweiten und dritten Generation der Psychotherapeuten nicht verloren gegangen, wird in zahlreichen kleineren Instituten und Initiativen bis heute weiterverfolgt.
Man möchte den Tagungsveranstaltern hier in Fiss gratulieren, dass sie sich in diese großen Bemühungen eingeordnet hatten und die Mühe nicht gescheut haben, eine tirolerische Neuauflage der alten antiken Akademie und der Dialogischen Pädagogik zu versuchen: Miteinander leben – miteinander reden – die Wahrheit im Dialog und Gespräch suchen. Es war doch ein finsteres Datum der europäischen Geistesgeschichte gewesen, als Kaiser Justinian die platonische Akademie schließen ließ (5. Jh.).
Es wäre ganz sicher kein gutes Datum, wenn ihre Oberinntaler Diskurse ersatzlos und ohne irgend einer Art von nachfolgender Bemühung eines Tages aus budgetären oder berufspolitischen Gründen einfach auslaufen würden. (Ansätze dazu hat es bereits  im ersten zurückgewiesenen Entwurf zum Psychologengesetz um 1985 gegeben. Damals sollte jede Psychotherapie von Beginn weg durch eine klare, wissenschaftliche Diagnose zu Zuweisungen  an Spezialisten führen, die je nach Symptomatik  in kürzest möglicher Zeit Symptome bessern könnten. Ein rational vernünftig anmutender Versuch, der nur den konkreten Menschen gegen sich hat. Und deswegen auch glücklicherweise abgewiesen wurde.
Lassen sie mich noch ein paar Überlegungen zur christlichen Pädagogik, nach Ende der platonischen Akademie machen. Sie war mitten im Spannungsfeld zwischen christlicher Offenbarung und Respekt kaum wirklicher Abwehr der großen heidnischen Tradition. Dieser niemals wirklich ganz unterbrochene Strom der Überlieferung ist wiederholt von der Kirche abgewiesen und erneut wieder aufgenommen worden. Zuletzt wurde es in dem theologisch so finsteren Jahren des Antimodernismus (19. Jh.) bis zum Tod des Papstes Pius XII abgewiesen, aber im 2. Vatikanischen Konzil mit Vehemenz wieder aufgenommen. So gibt es einen Südtiroler spirituellen Freiheitshelden namens Freiherr von Hügel. Er war zwar keine Bergspitze, aber wie viele wesentliche spirituelle Menschen, ein konstant zur Verfügung stehender Hügel. Sein Hauptwerk hieß: „Andacht zur Wirklichkeit“ und seine Hauptbeschäftigung war, die Stärkung der von Rom zur Jahrhundertwende hinausgedrängten  großen Theologen einerseits und die Weitergabe der großen spirituellen Tradition der Kirche durch manche Finsternis hindurch (Antimodernistenwahn) andrerseits. Freiherr von Hügel wäre heute (er ist 1925 gestorben) für eine Renaissance seines Denkens überaus wichtig. Ist es vermessen anzunehmen, dass auf verborgene Weise bei ihnen hier in Fiss auch schon so etwas  begonnen hat?
Damit schließe ich diese ganz wenigen historischen Reminiszenzen ab.
 
Den Praktikern unter Ihnen wird vielleicht der Hinweis auf den großen Bogen der Tradition mehr Sicherheit geben, den Theoretikern unter ihnen mag der Hinweis auf diese große Tradition aus so mancher zeitbedingten Verengung helfen.
 
5)
Sie sind in den folgenden Themen zu einer trotzigen Zuversicht gekommen. Die Entdeckung, dass man ein Schicksal nicht unbedingt übernehmen muss, weil nicht alle Schicksale von einer solchen psychodynamischen Wucht sind, dass jeder Trotz gegen sie sinnlos wäre.
Diese Zuversicht, etwas bessern zu können, ist seit den Zeiten des Priesters Pelagius, der gegen Augustinus meinte, durch unendlich viele sittliche Bemühungen lässt sich die Welt bessern ...
über die Aufklärung in England ab dem 17. Jh., die „das größte Glück auf Erden für die größte Zahl von Menschen“ zum Ziel hatte,
bis zu den gegenwärtigen Bemühungen der Verhaltensforschung und der Hirnforschung eingebunden in dem Versuch, trotzdem Zuversicht zu haben, also nicht zu resignieren, wenngleich es viele Gründe gäbe, das zu tun.
 
6)
Und sie haben sich an das, was man „Heimat“ nennt, abgearbeitet- es war ein Begriff, den Goethe schon verteidigen musste und der natürlich durch den Missbrauch in der politischen Agitation Preußens gegen „das Missgebilde Österreich“ vom Grossen Fritz weg bis ins 3. und dafür tausendjährige Reich alles andere als harmlos geworden war. Dieser Grundbegriff „Heimat“, der einem Menschen Orientierung geben kann und ihn mit dem Punkt des Globus zu verbinden vermag, an den er zu seinem eigenen Bewusstsein erwacht ist und damit auch zur Familie oder Gemeinschaft oder Gesellschaft, die ihn bis zu dieser Selbständigkeit behütet hat;
dieser Begriff Heimat, der in der Psychotherapie mit „Erdung“ oder „Gründung“ oder auch „Grundbeziehung“ vage umschrieben wird, brachte in der Pädagogik und Psychotherapie als Gegenbegriff „das Fremde“ oder „die Fremde“ mit sich. Die großen Auswanderungsbewegungen der Gegenreformationszeit, die Vertreibung der Protestanten aus Kärnten, Salzburg und Tirol und auch aus ihrem schönen Innsbruck, das „man lassen“ musste um in der Fremde die „Straßen zu ziehen“- diese große Auswanderungsbewegung haben wir auch heute allerdings im umgekehrten Sinn zu bewältigen, mehr als „Einwanderungs“bewegung. Es ist ganz schnell so gegangen, viel zu schnell, um sich darauf vorbereiten zu können.
 
7)
Und zuletzt bleib Ihnen nicht viel anderes, als auf die Zukunft des Kindes zu verweisen. Ein Vorgang, der transkulturell und transkonfessionell leicht verständlich ist.
 
 8)
Wenn Sie also über Beziehung heute sprechen wollen, dann geht es in Grund noch immer um die selben Probleme in neuerer Perspektive: Werden es die Kinder besser haben?
Werden wir mit der globalisierten Welt ein menschenwürdiges Leben aufbauen können?
Werden wir mit unserer biologischen Verwurzelung auf dem Globus oder auf dem Planten Erde zurande kommen?
Werden uns unsere Gene zu niedergeschlagener Depressivität verurteilen?
Oder wird es Menschen mit Zuversicht geben können?
(Und da wir nun schon alles messen, wiegen und zählen,) ... wird uns dadurch noch der Blick auf das Eigentliche erhalten bleiben?
 
9)
Ihre Fragestellung auf dieser Tagung „Beziehung heute, was vereint, was trennt?“, wird auf diesem Hintergrund besonders brisant. Denn sie haben schon in der Einleitung durch Herrn Dr. Zangerle und andere genügend Hinweise bekommen, wie virulent die Folgen einer Trennung für Beziehungen sein können. Die allereinfachste Folge ist die Unregierbarkeit des Globus und die Unlösbarkeit aller Probleme, die uns heute bedrängen. Es ist offenkundig, und ich glaube nicht, dass ich damit viele Worte machen muss, dass keines der Überlebensprobleme von einem einzelnen Menschen für sich und seine Angehörigen allein zu lösen ist. Immer benötigt eine solche Lösung eine Zusammenarbeit mit all den anderen Menschen, die den Planten Erde bewohnen. Das ist beim Trinkwasserproblem offensichtlich, bei der Luftverschmutzung, schon gar bei der Radioaktivität. Die Idee, dass der psychisch und physisch gesunde Mensch in einem neuzeitlichen Einsiedlerdasein leben könnte, ist absurd geworden. So bedarf allein das physische Überleben schon einer gelingenden Beziehung zu den Menschen, mit denen zusammengearbeitet werden muss. Fritz Perls fand ab 1960 in seinem sogenannten „Gestaltgebet“ zu den Sätzen „Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Vorstellungen zu leben und du bist nicht auf dieser Welt um nach meinen zu leben. Ich bin ich und du bist du.“ Hinzufügen musste er dann:  „Und nur zusammen können wir diese Welt retten. Vermögen wir das nicht, geht sie zugrunde!“
 
10)
Daher müssen wir bei geglückten Beziehungen, die uns vereint haben  sehen, dass vor allem der Mut zur unverdeckten Wahrnehmung des fremden anderen und des im Grunde genommen nicht so bekannten eigenen den Anfang bildet. Wenn jemand zu seinen Mitmenschen, angefangen von der Familie nur deswegen eine glückliche Beziehung halten kann, weil er auf ihn unterschiedliche Bilder und Interpretationen hinaufprojeziert, so ist dieser Jemand schon auf dem Weg zu einer trennenden Beziehung. Es ist einfach ein Mythos, den wir uns immer wieder zurechtlegen, weil unsere Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies so stark ist, dass wir auf irgend eine Art und Weise uns selbst bestätigen müssen und sei es um den Preis der Abwertung des Fremden. Das hat Adolf Hitler mit Hilfe der Mythen, die ihm die Romantik zur Verfügung gestellt hatte, getan. Denken sie an Richard Wagner und seine Operntexte, und vor allem an die antisemitischen politischen Texte dieser Periode, die den Sündenbock des Judentums aufgegriffen und massiv konstituiert haben. Das brachte uns, die wir mit dieser Zeit durch die Urgroßelterngeneration dicht verbunden sind fulminante energetische Schübe, die so aussahen, als wäre es ein geglückte Beziehung zum eigenen Volk, zum eigenen Land, zur geistigen Elite, zur Kunst und Kultur Europas, was uns da bewegte. In Wirklichkeit aber waren sie die Speerspitze einer Todesschwadron, die sich mit 50 Millionen Kriegstoten (World War II) schrecklich erfolgreich in die Geschichte eingegraben hat.
 
11)
Es ist also nicht harmlos, wie wir über uns, über unsere Mitmenschen und über die Welt denken. Was Freud die Dynamik des Unbewussten nannte, was in den humanistischen Therapien Psychodynamik und in den Gruppentherapien Gruppendynamik genannt wird, heißt bei Paulus mit nahezu dem gleichen griechischen Wort ( Dynamis), die dämonisch besetzten Agitationslinien der Zeitgeister in der Weltgeschichte.
Was könnte uns also vereinen, wenn wir auf unsere Beziehung achten? Aus dieser Perspektive betrachtetet kann das nur der Verzicht auf Projektion, auf Suggestion und auf todesverliebte Deutung der Welt.
Die Schwierigkeit ist lediglich, dass diese negativen Dynamiken, die das Leben und unsere Beziehungen dominieren überall auftreten und wir nicht genügend Unterscheidungsvermögen aufbieten, um sie zu identifizieren. Viele Fragen tun sich auf: Wieso konnte die deutsche Jugendbewegung am Beginn des 1. Weltkrieges mit einem kollektiven Rauschzustand sich in die Schlacht von Langemark (1914) stürzen, wo doch jeder einigermaßen nüchterne Befund zeigen musste, dass dieses Unternehmen mit dem Tod enden würde? Sie konnte es, muss man leider antworten, weil sie den Tod nach uralten mythologischen Bildern glatt als heilige Hochzeit aus Schwert und Blut und Stahl interpretiert hat, noch dazu als eine Hochzeit, die ein wundervolles deutsches Reich bringen würde. Und das wäre dann das Heil des Planeten Erde gewesen. Die Antwort also auf die Frage, was uns trennt und der Hinweis auf die verheerende Wirkung von Großvorstellungen und Großphantasien, die einmal losgetreten ohnmächtig machen und ratlos ist schlicht und einfach durch Rücknahme der Projektionen aufzulösen. Das tut die ordentliche, manchmal simple, banale Psychotherapie und Pädagogik. Schau hin, hatte der große Führer Adolf Hitler, wirklich blaue Augen. Schau hin, nimm wahr, was du wahrnehmen kannst. Es sind braune gewesen. Bringt der Todesrausch wirklich Neuordnung und Leben heraus? Geh auf die Schlachtfelder hier bei uns im 2. Weltkrieg, geh zu den Konzentrationslagern. Schau dir das schreckliche Leid der Menschen an und mach dir klar, dass das Morden von Sündenböcken und deren Stellvertretern niemals etwas positives zum Weltganzen beitragen kann. (Außer man entschließt sich den Grabsteinpark der Friedhöfe statt des grünen Landes zu lieben. Richard Wagner schrieb am Schluss seiner großen Liebesoper Tristan und Isolde nach wissenschaftlicher Ansicht des 19. Jh. ins Regiebuch: „König Marke segnet die Leichen“. Es waren praktisch alle tot. Die Liebe gab es überhaupt nicht, es sei denn im Jenseits. Im Diesseits war sie lediglich die Folge einer Verwechslung des Trinkbechers bei Tische. Die Chemie hatte sie erfasst. So wäre eine vereinende Beziehung eigentlich durch einen chemischen Unfall zu erklären?
 
13)
Wenn Sie aber noch auf Trennungen achten wollen, die nicht mythologischer Natur sind, dann ist eben gerade diejenige zu nennen, die gegenwärtig durch Monopolisierung und daraus resultierende Produktion der Armut eingeführt wird. Denn, wie kann jemand Zuversicht haben, der sieht, wie er oder sie und die Seinen in die bedrohliche Armut rutschen? Wie kann jemand zu seiner physischen und seelischen Heimat finden, wenn er sich den Arzt nicht zahlen kann, der ihm klares Denken ermöglicht? Wie kann jemand die Bedrohung, die er empfindet angesichts starker Migrationsströme als Chance ansehen, wenn er für die eigenen Kinder keine Zukunft mehr erblickt? Also geht es heute nicht nur darum, Unterstützungen zu bekommen, um die Familie, dieses bewährteste, älteste soziale Gebilde zu erhalten, sondern auch darum, zu sehen, dass Armut vor allem durch Solidarität und soziale Gerechtigkeit ausgeglichen werden muss. Es ist offensichtlich, dass die Ideologie des freien Marktes nicht zu einem Ausgleich führt, sondern eben eine Ideologie ist. Sie sehen das am besten am Lebensmittelhandel. Große Marktketten vernichten kleinräumige Nahversorger, um dann über die Börse miteinander zu fusionieren, was das Ende des freien Marktes ist und zum Diktat des übriggeblieben Stärksten führt. Der freie Markt hätte doch eigentlich diesen Prozess ins Humane, Gerechte steuern müssen. Dem ist aber nicht so. Vielmehr hat er über die Börse zu einer schwer zu kontrollierenden Dominanz der Investoren geführt. Was „uns eint“ blieb auf der Strecke. Was uns trennt hat sich auf diese Weise aufgebaut.
Vielleicht darf , ja muß man sogar mit Erschrecken die Folgen der evolutionistischen Ethik, die allüberall verbreitet wird ins Auge fassen (Menschenaffenbeispiel).
 
15)
Was also an menschlichen Beziehungen einend sein könnte, wäre der Mut auch die Phänomene wirklich zu sehen und solidarisch gegenüber ausgeschlossenen, herabgeminderten Mitmenschen zu handeln. Das tun (trotz aller aufgeklärten Angriffe) noch immer die Kirchen, besonders auch die katholische Kirche, deren päpstliche Repräsentanz wegen ihrer offensichtlichen theatralischen Erscheinung abgelehnt wird. Trotzdem: Es gibt keine vergleichbare politische Bewegung weltweit wie die der christlichen Basis-Gemeinden großkirchlichen Ursprungs. Man muss das dazusagen, weil ja die Kleingruppenideologie zunächst viel zukunftsträchtiger und hilfreicher erscheint. Aber in Wirklichkeit bedarf es der möglichst weiträumigen Vernetzung, um dem Druck der negativen Gruppendynamik standhalten zu können und der Minimierung der sozialen Kontrollmechanismen, die nur in Großkirchen  möglich ist.
 
16)
Lassen Sie uns auch darauf verweisen, dass besonders die christlich- israelische spirituelle Tradition einen klaren geschichtlichen Zeitbegriff beinhaltet. Vermutlich als eine der ganz wenigen Traditionen. „Zeit“ ist gleich auch „Lebenszeit“ also ein Prozess. (Ganz ähnlich die Psychotherapie)
Darüber hinaus nennt sie ohne viel Umschweife die mörderische Gruppendynamik (Rivalität, Aggressivität, Mordimpulse) im Zusammenhang mit dem Sündenbocksyndrom als negativ und sittlich negativ.
 
17)
Es gibt einige schlagwortartige Sätze, die von fundamentalistisch erkrankten Menschen immer wieder gebraucht werden, ohne jedoch deswegen auch richtig zu sein.
Dazu gehört vor allem die Hoffnung auf Recht  und Ordnung.
Dann die Ansicht, dass der Gebrauch von Macht von vornherein negativ sei.
Es folgt der uralte Vorbehalt gegen die Rolle der Erotik im menschlichen Leben. Der ganze Grund dafür scheint der zu sein, dass sie kurzerhand schön und lustvoll sein kann, verbunden mit der Angst, dass sie von der Arbeit und der Disziplin ablenken könnte. Besonders den Mann und seine intellektuelle Kraft und die Frau um ihre Würde bringen könnte. Wer aber z.B. die Geschichte der Scham oder die Geschichte der sexuellen Unterdrückung oder die Geschichte der Frauenunterdrückung samt der Kinderabwertung im Detail studiert kann deutlich sehen, dass die vis unitiva - die einigende Kraft der Sexualität - unabdingbar integriert und gelebt werden muss, wenn die Beziehungen unter Menschen liebevoll und entideologisiert sein sollen.
Es ist Ihnen und auch mir natürlich bekannt, dass genau diese Position wie ich sie hier angedeutet habe, die allergrößten Schwierigkeiten für Europäer seit ungefähr 3000 Jahren ergeben haben. Und dass die Kirchen, besonders die katholische oder auch orthodoxe, sich nicht wirklich von diesem alten negativen Konzept der Sexualität befreien konnten. Es ist, was das Schlagwort anbelangt, sicherlich die Kirche hauptsächlich an diesem Problem schuldig geworden.
Da ließen sich andere Faktoren nennen, aber offensichtlich ist dieses eine von wenigen Weltorganisationen, die bis heute genau aus diesem Ressentiment heraus Frauen den Zugang zu ihren Ämtern und den erotisch sexuellen Bereich eine zeitgemäße Hygiene und der homophilen Variante des Geschlechtslebens das Ja verweigern. Man muss also sagen, dass wir heute an einem Punkt stehen, an dem es nicht notwendig ist, große Schuldzuweisungen sozusagen mit dem Brustton der Reinen und Besserwissenden zu verkünden, wohl  aber mit allen Bemühungen zur Integration der Erotik und Sexualität in den menschlichen Beziehungen einig zu sein.
Es lässt sich mühelos mit heutigen humanwissenschaftlichem Wissen von den Großphänomenen (wie Krieg) zu den Kleinphänomenen (wie Sündenböcken in Kleinfamilien) eine zusammenhängende Linie feststellen. Sie fangen in FISS beim kleinen Phänomen an, in der Familie, in der Ortschaft, in der Schule, in den Ihnen zugänglichen Vereinen.
  
Es ist zusammen mit Ihnen zu hoffen, dass die Menschen, die auf diese Art zu ihrer Menschlichkeit finden und die in den nächsten und übernächsten Generationen den Planeten Erde übernehmen werden, ganz anders, viel unverstellter und leichter dem Phänomen des Lebens gegenüber sein können als Sie und ihre Generation es waren (von meiner ganz zu schweigen).
Wir haben allen Generationen vor uns für ihre Mühe und ihre Tradition  zu danken und nach alter Indianerweisheit sollten wir uns hüten, alte Vorurteile weiterzutragen, ehe wir in den Schuhen der „Ötzis“ von ehedem ein Jahr gelaufen sind. Und so werden auch die Generationen nach uns hoffentlich auf unseren Ergebnissen des Lernens durch Versuch und Wirkung aufbauen können.
Gehen wir nun in den folgenden Tagen an die ganz konkrete, lapidare Fragestellung. Nichts ist für wirkliche Menschwerdung von uns allen so trügerisch wie die „Schwärmerei vom Geist“ . Sie ist eine Sackgasse ersten Ranges. Die konkrete tatsächliche Wahrheit in unseren Beziehungen ist der einzige Ort den wir kennen, wo sich Traditionen und Zukunft, Theismus und Atheismus, schwere Schuldigkeiten und großartige Menschlichkeit zwischen Ich und Du  begegnen können.

                           
                                       
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