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Dem Vorstand des Wiener Landesverbandes für Psychotherapie gewidmet.

Entwicklung der Psychotherapie aus der Perspektive einer 30-jährigen Erfahrung

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrter Vorstand des Wiener Landesverbandes für Psychotherapie!

Es kommt sicher nicht oft vor, dass ein Verband jemanden zu einem Vortrag einlädt, der im politischen Alltag zu den Kritikern des Verbandes gehört hat. Ich werte das als ein ganz hohes Zeichen demokratischer Reife und kollegialer Dialogbereitschaft des WLP. Lassen Sie mich deshalb in den folgenden 30 Minuten auf unser gemeinsames Anliegen eingehen, das unter und über den verbandsbedingten politischen Spannungen liegt. Es ist die Psychotherapie in der gegenwärtigen Gesellschaft.

Wenn ich auf das Jahr 1970 zurückgehe, das vielleicht sogar das Geburtsjahr einiger von Ihnen ist, so nicht aus nostalgischen biographischen Gefühlen, sondern weil es der Anfang eines Prozesses war, der 1990/91 zum Psychotherapiegesetz geführt hat und bis heute die Basis Ihrer und unserer Berufsausbildung darstellt.  Es ist in jedem Prozess bekanntlich gut, auf die Anfangsphasen genau zu achten. In ihnen klingen Schwerpunkte und Spannungen an, die später entweder überwunden oder zu großen Konflikten ausgeweitet werden.

1970 war eben der ÖAGG in einer Blütephase, die Landesorganisationen wurden errichtet und die eigenartige und in Europa einmalige Synthese von Gruppentherapie und Gruppendynamik, von Sozialarbeitern, InteressentenInnen, Psychologen und Ärzten hatte sich gebildet. Ich selber hatte das Vergnügen, zusammen mit Dr Harry Merl und Dr.Bauer - Debois die Linzer Sektion aufzubauen. Vielleicht sollte auch darauf hingewiesen werden, dass der ÖAGG, des Dozenten Raoul Schindler (um wenigstens einen Namen zu nennen, den Sie sicher alle kennen) die Gründung des DAGG (der deutschen Vereinigung) angeregt hat. Ansonsten herrschte das Ärztegesetz, das jede therapeutische Tätigkeit den Ärzten allein zusprach. Die Folge war, dass alle Veröffentlichungen und Referate von 1970 bis in die 80er Jahre hinein, statt „Therapie“ „Beratung“ schreiben mussten, denn das Gericht drohte mit Verurteilungen. So hat z.B. die O.Ö. Ärztekammer einen Analytiker und Pädagogen über den Landeshauptmann verwarnen lassen, weil er in einer Mutterberatung den lapidaren Satz gesagt hat: „Ihr Kind hat Angina! Gehen Sie doch zu einem Arzt!“ Der zweite Satz wurde akzeptiert. Der erste war ein Übergriff laut Gesetz, denn er beinhaltete eine Ärzten vorbehaltene Diagnose. Deshalb versuchten wir, die an der Psychotherapie und an der Gruppendynamik Interessierten, mit kunstvollen Kürzungen, wie z.B. „psych. Beratung“. der Öffentlichkeit unsere Arbeit in nicht-klagbarer Form bekannt zu machen.

Es folgte dann eine lange Zeit unsicherer und unentschiedener Situationen, aus der zuallererst die Psychologen mit der Gründung des BÖP, dem Berufsverband österreichischer Psychologen, politische Konsequenzen zogen. Sie hatten es satt, als akademische Psychologen nicht nur in der Hierarchie der Spitäler unbeachtet zu bleiben, sie fanden auch viel zu wenig Planposten für ihre Arbeit vor. Ganz ähnlich ging es allen anderen therapeutisch ausgebildeten Menschen, die in der Mehrzahl Psychoanalytiker waren und erst allmählich auch Methoden der humanistischen Therapie erlernt hatten. In dieser Phase hatten wir alle die stark analytisch gedeutete, aber sozialpsychologisch orientierte Gruppendynamik als Basis. Als dann die Situation immer unerträglicher wurde, formulierte der BÖP einen ersten Entwurf seines Psychologengesetzes, das jegliche Berufsausübung mithilfe psychologischer Methoden allein den akademischen Psychologen vorbehalten wollte. (Das wäre das Ende aller freien Bildungseinrichtungen gewesen), Das geschah bezeichnender Weise Ende August 1978. Es war sehr heiß überall, alle Psychos waren auf Urlaub. Nur ich war auf Grund einer Übersiedlung gerade in Wien in meiner neuen Wohnung eingezogen, als von der Kammer der gewerblichen Wirtschaft, Abteilung freies Gewerbe, der Innungsmeister, ein Elektrikermeister, mich anrief: „Herr Picker, sie sind bei uns Mitglied. Wenn das Psychologengesetz, so wie es vor Ihnen liegt, durchgeht, gibt es sie im März kommenden Jahres nicht mehr!“ Mit dem Rücken zur Wand stehend, verständigte ich sowohl die Medien, so wie auch alle, die irgendwie an einem Psychotherapiegesetz Interessiert waren, und es entstand innerhalb von drei Wochen ein starker medialer Sturm. In den folgenden Jahren entwickelte sich ein aus heutiger Sicht bewundernswertes Zusammenspiel verschiedenster Frauen und Männer, die alle, wie von einer geheimen Regie gelenkt, wo immer sie die Gelegenheit hatten, zu den Grundsätzen des Psychotherapiegesetzes standen:

1.        Psychotherapie lässt sich auf wissenschaftlicher Basis betreiben, wenn man den naturwissenschaftlichen Wissenschaftsbegriff modifiziert und übersteigt. Tut man das nicht, dann gibt es keine Möglichkeit, die Ergebnisse der Psychotherapie wissenschaftlich abzusichern.

2.        Wenn man die psychotherapeutische Ausbildung von den Vereinen weg an die bestehenden Universitäten legt, geht die Substanz dieser Ausbildung (Eigenerfahrung, Eigentherapie) verloren. Lehranalysen lassen sich staatlich nicht finanzieren.

3.        Ein therapeutischer Prozess lässt sich experimentell nicht wirklich überprüfen. Jede Statistik ist lediglich eine vage Annäherung.

4. Das Dreieck Therapeut, Methode, Patient ist das eigentlich Wirksame, die Methode allein ist das nicht.

Damit war eigentlich die Frage, „was ist ein Mensch“? gestellt, „was ist ein kranker Mensch und kann man psychisch Kranke analog mechanischen Maschinen mit Defekten behandeln?“ Diese komplizierte Ausgangslage machte es der Politik, den Medien und den Krankenkassen überaus schwierig, eine sachgerechte Lösung zu finden. Unzählige Geschichten ließen sich zur Verdeutlichung beibringen.

Um jedoch nicht Zeit zu verlieren, möchte ich nochmals auf das Zusammenspiel aller Interessierten und das Hintanstellen aller Rivalitäten zum Zweck der Gesetzeswerdung hinweisen. Im juridischen Bereich war neben Dr. Michael Kierein von unserer Seite Dr. Heiner Bartuska unersetzlich und trotz aller Differenzen war unser bester politischer Mann Dr. Alfred Pritz. Ohne ihn und sein Team wäre das Gesetz nicht möglich gewesen. Es war also die politische Gunst der Stunde, es war auch die Kraft der faktischen Wahrheit der Psychotherapie, die im Grunde genommen zum Durchbruch kam. Die Schwierigkeit bestand darin, dass ein neuer Berufsstand zu gründen war, der aber von Seiten der Psychologen, der Ärzte, der Sozialberufe insgesamt Machtverzicht bedeutete. Zu gleicher Zeit aber formulierte die Psychotherapie viele geheime und offene Ziele der übrigen Humanwissenschaften. Wenn Sie nur an die Psychologie in Wien denken, die eine stark mathematisch-statische Akzentsetzung lehrte, so ist es heute klar, dass ein Großteil der Studenten eigentlich die Psychotherapie suchten und die Psychologie gewählt hatten, weil ihnen kein anderes Fach angeboten wurde.

Mein persönlicher Beitrag blieb von Anfang an oftmals derselbe: Ich machte mich zum Sprecher derjenigen, die eine wirkliche Psychotherapie von der analytischen Tradition ausgehend wollten, und die Therapeuten aus allen gesellschaftlichen Schichten befürworteten. Auch eine Hausfrau, die fünf Kinder groß gezogen hatte, sollte mit ihrer Lebenserfahrung genauso Therapeutin werden dürfen, wie eine junge Akademikerin, die eben gerade Pädagogik studiert hatte. Die Hoffnung war, dass eine allgemeine gesellschaftliche Erneuerung und dichtere Integration stattfinden würde. Die Brodasche Strafrechtsreform, das soziale Netz der Professoren, Strotzka und Ringel, der Psychosoziale Dienst des Prof. Dr. Rudas, „Pro mente infirmis“ von Doz,. Schindler, das Gesamtkonzept des ÖAGG, alles das zielte im Grunde in dieselbe Richtung. Es war, wie wenn große Teile der europäischen Aufklärungsvision von Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit für alle bis ins Detail durchgeübt und angewandt werden wollten. Die Gegenbewegung zu dieser Bemühung blieb nicht aus.

Das Akademikerprivileg, die Psychologen- und Ärzteklausel wurden besonders von Deutschland aus immer wieder auch in Österreich durchzusetzen versucht. Ich bedaure sehr, dass ein so genialer Mann, wie Hilarion Petzold, letztendlich nicht voll hinter der Formel „Eignung und Ausbildung genügen“, stehen konnte. Ich habe mit ihm und seinen Anhängern einen lange dauernden, harten Machtkampf in der Gestaltsektion des ÖAGG durchgefochten, der gewiss große persönliche Anteile hatte, über die hier nicht zu sprechen ist. Er hatte aber auch einen sachlichen Teil. Und dieser sachliche Teil bedeutet eben, die Überwindung des Gegensatzes von Akademikern und Nicht-Akademikern und die Öffnung des Medizinerprivileges und Psychologenprivileges zu Gunsten einer Psychotherapie für alle. Ich habe diesen Machtkampf innerhalb der Sektion verloren, aber erstaunlicherweise erst zu einem Zeitpunkt, als der entsprechende „Genieparagraph“ im österreichischen Psychotherapiegesetz bereits verankert war. Die Durchsetzung dieses Genieparagraphen, - näher in Paragraph 10, 6 - habe ich noch einige Jahre lang als Arbeitsgruppenleiter im Psychotherapiebeirat betreuen können, wobei ich erleben musste, wie groß die Schwierigkeiten derjenigen waren, die plötzlich mit ansehen mussten, wie auch der Nichtakademiker „von nebenan“ in die Therapeutenliste aufgenommen wurden.

Ich weiß nicht, ob man diese meine Bemühung, die ohne Zweifel allen Nichtärzten und Nicht-Psycholgen das Tor zur Psychotherapie geöffnet hat, ob man uns und mich zu dieser Bemühung beglückwünschen soll. Es gibt ja als sogenannte 4. Säule neben Ärzten, Therapeuten und Psychologen noch die Lebensberater in Österreich, mit einer viel leichteren Ausbildung, gegen die immer wieder schwere Bedenken erhoben werden. Die Grenze zwischen Psychotherapie und Beratung kann oft nicht exakt gezogen werden.

Heute ist darüber hinaus die Psychotherapie mit ihren Methoden und Erfahrungen wie eine offene Schatzkiste, aus der sich völlig ungehemmt Managementinstitute, Erwachsenenbildner, Politiker bedienen, wie sie wollen. Ob ich in einem Folder nun sage „Eigentherapie“ oder „biographische Arbeit“, das ist in der Praxis für die Seminarteilnehmer wohl dasselbe. So sind Therapeuten, die wie ich eigentlich irgendwie in der Mitte der Entwicklung stehen, übrig geblieben.

Meine Generation hatte noch eine therapeutische Generalkompetenz. Man nahm an, dass wir nicht nur gelernt hätten, uns auszubilden, sondern auch uns einzugrenzen. Von Jahr zu Jahr musste ich sehen, wie aus wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen - Macht schmeckt auch Therapeuten sehr süß, weil sie lediglich die Karriere als Ausbildner vor sich sehen – von dieser Generalkompetenz in Spezialkompetenzen Stück für Stück weggeschnitten wurde. Das ergab für Institute oder auch für Ausbildner eine immer neue Möglichkeit, Kompetenzen zu verleihen und Seminarreihen zu konzipieren, ohne dass hinlänglich einsichtig zu machen war, was denn die Kompetenz der Kompetenzverleiher nun eigentlich war und wohin die Zerstückelung des therapeutischen Gesamtvorganges führen würde.

Die Perspektive der Zersplitterung und wohl auch substantiellen Verdünnung der Psychotherapie in aufklärerisches Geschwätz, das eigentlich mehr beruhigt als heilt, ist unübersehbar. 

Aber, so muss ich fairerweise hinzusetzen, vielleicht benötigt die Gesellschaft insgesamt diese verdünnte Gangart des therapeutischen Prozesses, um ihren Widerstand gegen Psychotherapie überhaupt aufgeben zu können. Ich war nie ein guter Institutionstrainer. Der Grund war, dass ich ein viel zu guter war. Der gesellschaftliche Widerstand hatte im Lauf der Jahr das psychotherapeutische Vokabular erlernt und sich mit Hilfe dieser Kenntnisse gegen den heilenden, therapeutischen Prozess verbündet. Deshalb war und ist es auch notwendig, immer wieder inne zu halten und auch als Therapeut sich zu fragen, wo stehe ich, wo agiere ich mit der Gesellschaft mit, wo muss ich im Interesse der psychischen und auch physischen Gesundheit der Patienten Widerstand leisten. Damit komme ich zu den unerledigten oder gescheiterten Perspektiven.

Die Politik ist gleich die erste davon.

Die zweite ist die der Erotik und Sexualität,

die dritte die der Spiritualität.

  1. Zum politischen Handeln, das sich aus psychotherapeutischer Einsicht ergibt, kann ich nicht viel sagen. Ich bin selbst viel zu fasziniert von  der Menschlichkeit der hilfesuchenden Menschen und viel zu entsetzt von den psychisch ausbeutenden Arbeitsbedingungen von Politikern und Politikerinnen gewesen, um selbst über das Artikelschreiben und Interviewgeben hinaus etwas bewirken zu können. Aber immerhin war ich maßgeblich daran beteiligt, dass der Sektionsleitung Gestalttherapie seinerzeit das Recht zugesprochen wurde, politische Statements ad hoc abzugeben, z.B. anlässlich des Atomunfalls in Tschernobyl, oder auch anlässlich der Besetzung der Hainburger Au. Ob daraus sehr viel mehr geworden ist als eine eröffnete Möglichkeit, ist mir nicht bekannt.
  2. Erotik: Freuds große Entdeckung dass Sexualität als Repräsentant des Lebenstriebes Eros verdrängt wurde und krank machend wirken kann, wurde so scheint es voll akzeptiert. Der tägliche Trubel küssender und Sex habender Schönlinge im Fernsehen scheint das überwundene Tabu zu bestätigen. Als aber derselbe Sigmund Freud eines Nachmittags von einer Patientin beim Abschied unversehens geküsst wurde, reagierte er therapeutisch technisch: „Wen haben sie jetzt geküsst?“ Man sollte meinen, die Patientin habe Sigmund Freud geküsst. Das wäre für die orthodoxe Psychoanalyse ein absolut ausagierendes verbotenes Phänomen gewesen, schon gar, wenn Freud gesagt hätte: „Das hat mich sehr gefreut!“. Die humanistische Psychotherapie hat in den Anfängen versucht, diese aus therapeutischen Gründen erfolgte Abwertung der Zärtlichkeit einer Patientin Sigmund Freud gegenüber zu korrigieren. Mit dem dialogischen Prinzip von Martin Buber und der Kritik am Begriff Übertragung und Gegenübertragung versuchten die humanistischen Psychotherapeuten anfänglich zu direkten Begegnungen einschließlich eines gewissen Maßes an Erotik zu kommen, um nicht von vornherein die therapeutische Reduktion auf Übertragung generell anwenden zu müssen. Das scheiterte am Einspruch der Gesellschaft, die eben damit beschäftigt war, die zahlreichen bekannt gewordenen Missbrauchsfälle (besonders in den USA dokumentiert) abzustellen. Die erschreckende Ziffer der inzestuösen Missbräuche in Familien und auch im kirchlichen Bereich an Kindern steht derart im Vordergrund, dass darüber die Nachdenklichkeit betreffend Übertragung und Gegenübertragung keinen Platz finden kann. Jedoch hat das Aufkommen einer leicht akzentuierten fundamentalistisch akzentuierten Reinheitsbewegung dazu geführt, dass es eine äußerst zwiespältige Akzeptanz von Sexualität und Erotik gibt. Diese Akzeptanz ist um Hunderte Kilometer von einer Unterdrückung zu Freuds Zeiten entfernt, aber mündet in schrankenloser Kommerzialisierung der Sexualität zB im Fernsehen, sozusagen zu einer optische Prostitution, und einer völligen Unterbelichtung des dialogischen personalen Anteils an Sexualität. Gleichzeitig führt aber dieser Reinheitswahn dazu, im Namen der Missbrauchsbekämpfung pure Macht- und Interessenskämpfe abzuwickeln. Es ist das leider eine doppelte und dreifache Heuchelei, die mindestens so arg wiegt wie diejenige, gegen die sich Sigmund Freud gewendet hat. Sie macht alle Betroffenen weder menschlicher noch in ihrer persönlichen Entwicklung besser. Einer dieser Missbrauchsjäger, ein amerikanischer Therapeut, geriet in meinem Beisein mit einer Gruppe von Theologen und Theologinnen in Streit. Es ging um das Jüngste Gericht. Er sagte: „Ich freue mich schon darauf, wenn ich, vom Balkon meines Hauses über die Brüstung gebeugt, sehen werde, wie die Sünder alle in das Höllenfeuer gestürzt werden.“ Ein zweiter Theologieprofessor stimmte ihm zu: „Ich freue mich auch schon sehr darauf, denn wozu habe ich mich ein Leben lang darum bemüht, ein moralisches Leben zu führen?" Die folgende Debatte über Reinheit, Korrektheit, Sadismus und Hass spaltete die Gruppe derart, dass das Seminar geschlossen werden musste. Diese Zwischenbilanz einer völlig richtigen Bemühung um Beseitigung von Missbräuchen und einer erschreckend fundamentalistischen  Idealisierung von „Reinheit“ zeigt, dass das Problem Erotik und Sexualität nicht wirklich gelöst worden ist, vielleicht auch gar nicht lösbar ist und dass der Ansatz Freuds stecken geblieben ist. Hier muss unbedingt noch von der Macht gesprochen werden, die ja mit der Sexualität eng verbunden zu großen ungelösten, aber immer wieder auftretenden Irritierungen im Bereich der Psychotherapie führt. Machtzusammenballungen über Sexualkontrolle sind in der Geschichte oftmals zu beobachten gewesen. Bislang ist die Therapie eigentlich ratlos, weil das Phänomen zu gross erscheint.
  3. Der spirituelle Bereich: Mit dem Aufkommen der humanistischen Psychotherapien ist auch das religiöse Phänomen wieder in den therapeutischen Bereich eingezogen. Zuerst oft verbunden mit analytischer Deutung, z.B. in der transpersonalen Psychotherapie der Gründerphasen. (Auch Bert Hellingers Familienaufstellungen wären hier anzusiedeln.) Dann aber in einer Wiederauferstehung antiker, neu-platonischer oder auch stoischer Lebenshaltungen und zuletzt in einem ganz wachen Interesse an östlichen spirituellen schamanischen Wegen.

Auffallend ist, dass in unserem Bereich nicht der christliche Weg und schon gar nicht der katholisch christliche Bereich eine ähnliche Wertschätzung oder Aufmerksamkeit genießt. Das ist um so erstaunlicher, als ja das tägliche therapeutische Handeln, soll es nicht mechanistisch werden, unbedingt auch einer spirituellen Deutung zugänglich sein muss. Die christliche spirituelle Deutung beginnt bei der Unterstützung des jeweiligen Opfers jeder tötenden Macht, also bei Abel bis zum Leiden Jesu und bis zum geforderten Einsatz weltweit für alle Unterdrückten. Das geschieht auch im Bereich der großen abendländischen Kirchen wirklich, aber es geschieht abseits der medialen Aufmerksamkeiten. So sind die Gemeinden der Großkirchen weltweit in einem derart erheblichen Ausmaß an der Linderung von Leiden und am Einsatz für Unterdrückte beteiligt, so ist die Zahl der Märtyrer, die dabei durch politische Gruppierungen verursacht werden, um ein 100faches höher als alle uns bekannten Ziffern aus der Gründungszeit der Kirche.

Wenn wir Therapeuten in unserer Arbeit der offensichtlichen Wahrheit menschlichen Elends begegnen, dann glaube ich, gibt es neben einem aufrichtigen Agnostizismus oder Atheismus keine genauere Beschreibung der therapeutischen Wirklichkeit als diejenige, die die Bibel in sich birgt. Dass Intellektuelle gegenwärtig dazu nichts anderes zu sagen haben als ein gelangweiltes „und die Kreuzzüge?“ zeigt von einer unglaublich undifferenzierten und uninformierten Kenntnis. Ich bedaure das zutiefst, weil das Arbeitsgebiet „Kirche und Psychotherapie“, das einer Bearbeitung bedarf, überdeutlich zeigt, welche wechselseitigen Schätze zu heben und zu vermitteln wären.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das sind einige wenige Perspektiven der letzten 30 Jahre, die es mir wert schienen, in den knappen Minutren genannt zu werden.

Wenn ich mir die Frage erlauben darf, was  denn mich, was denn Sie dazu gebracht hat, die Psychotherapie zu erlernen und bei ihr auszuhalten, dann glaube ich, ist es der immer wieder neue außerordentlich beglückende Kontakt mit menschlicher Wahrheit, und darin mitschwingender Wahrheit des Universums und darin nochmals eingeschlossen als treibende Kraft die Wahrheit des göttlichen Bereiches. Deshalb möchte ich Sie zu Ihrer Berufswahl beglückwünschen. Sie vermeidet Leerläufe und zwingt Sie zum Weitergehen...

Vielleicht sehen Sie das aber alles ganz anders?

Mag ja sein, aber wie immer Sie sich entschließen, Ihre eigene Wahrheit zu konstruieren, haben Sie meine guten Wünsche zum Finden einer Übereinstimmung von Ihrer gedanklichen Wahrheit mit der Wahrheit der Fakten Ihrer therapeutischen Arbeit. Es ist nicht gut, wenn es Ihren Patienten immer besser geht, Sie selber aber ausgebeutet und verfallen erscheinen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie ein glückliches therapeutisches Leben führen können und dass es Ihnen deshalb gut gehen möge, weil es auch Ihren Patienten besser gegangen ist. Ich danke Ihnen sehr für die Aufmerksamkeit.

                           
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