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          Es gilt stets die Unschuldsvermutung?

In letzter Zeit konnte man in den Medien eine altbekannte Formulierung lesen: „Es lag ja schließlich in der Zeit“, oder „es war damals zeitgemäß“, oder „alle dachten damals so“.

Es lohnt sich, dieses verführerische Wortpflaster genauer anzusehen. Es deckt den Vorwurf zu, man sei etwas schuldig geblieben. Z.B. wenn ein Bischof prügelt und glücklicherweise viele Menschen die Partei der Opfer ergreifen, schmerzt das sehr. Man sieht das sehr schön an dem Hin und Her um den Bischof Elmar Fischer in Vorarlberg:  Auf der einen Seite stehen Menschen, die sagen, sie seien geschlagen worden. Auf der anderen Seite der Bischof, der sagt, er sei das Opfer von  starken Übertreibungen,  Verleumdungen, von antikirchlichen Tendenzen. Etc.

Der Leser und Hörer der Medien war meistens nicht dabei. Also ist das ganze eine Glaubenssache. Glaube ich den Opfern oder glaube ich dem Bischof. Ganz verschämt steht meist der Satz, „es gilt die Unschuldsvermutung“. Kann man mit Worten jedermann und jedefrau leicht sozial umbringen. Deshalb gibt es ja das Gebot vom falschen Zeugnis, das man nicht geben darf gegen jemanden. Aber eigentlich müsste man dieses Gebot ausweiten auch keine falschen Begründungen und auch keine falschen Beschönigungen sind  zuzulassen. Denn im Endeffekt kann es ganz leicht passieren, dass die Sündenböcke in der Gesellschaft als Sündenböcke fest einzementiert bleiben, bis sie endlich tot sind.

Welcher unglaubliche Mut dazu gehört, einer gesellschaftlichen Tendenz und Dynamik Widerstand zu leisten, zeigen ja die Befreiungsbewegungen rund um den Erdball. Wenn es fast 60 Jahre gedauert hat, bis einigermaßen sachlich und verbreitet über die Napolas (Nationalpolitische Erziehungsanstalten) gesprochen werden kann, die total dem Zeitgeist der Hitlerzeit entsprochen haben, wie lange mag es wohl dauern, bis wir alle imstande sind, uns selbst wahrheitsgemäß zu betrachten und auch die Schuldigkeit, die wir unseren Mitmenschen gegenüber haben. Ganz grob gesprochen ist es ein ganz großer Schritt gewesen, als die Prügelstrafe in den Schulen verboten wurde. Es ging gar nicht in einem Augenblick durchzusetzen, sondern es war ein schleichender Prozess des Einsehens, der Reue. Denn wenn die Prügelstrafe geächtet ist, dann muss man auch zugeben, dass dort, wo die Prügelstrafe erlaubt ist, ein Kriegszustand herrscht. Diese Einsicht aber passt wirklich kaum in das Weltbild und Gefühl der aufgeklärten Gesellschaftsschicht, die sich um Schulen bemüht. 

So können wir deutlich sehen, dass es nicht genügt, Mitleid oder Solidarität mit den Opfern zu haben, sondern darüber hinaus auch die Frage gestellt werden muß, wieso denn der Zeitgeist sich nicht über derlei Missbräuche erregte, als alle so taten …?

Vielleicht könnten wir in folgender Richtung eine Antwort finden: Wenn jemand von einem Gruppenverhalten, das erwünscht ist, abweicht, spürt er im Gewissen eine Art Warnung: „Pass auf, die anderen werden böse auf dich sein!“ Dieser Mechanismus bewirkt Anpassung an die Gruppennorm, ist wie der Kitt, der weit auseinanderdriftende Gruppen der Gesellschaft zusammen hält.

Zu unserer Frage ist noch hinzuzufügen, dass nicht alle Lehrer, alle Väter, alle Mütter, alle Chefs, schon gar nicht alle Bischöfe geprügelt haben. Ganz im Gegenteil, wenn man Berichten zuhört, gab es genügend Menschen, die nicht die Prügelei weiter vollführen wollten.

Aber das ist eine erschreckend gefährliche und ganz schnell zur Einsamkeit führende Position gewesen, nicht  mit den Prüglern mitzumachen..

Und ein Stück dieser Position ist Schuld daran, dass Jesus getötet wurde. So schaut es aus.

                           
                                       
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