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Man müsste sie neu finden, die Gestalttherapie,

wenn es sie nicht schon geben würde.

Ein Vortrag auf dem Symposion des IGWien Oktober 2002 in Wien.

 

Die besten Dinge im Leben sind oft die, die man sozusagen aus der linken Hand schüttelt und das trifft auch auf den Titel meines Vortrages zu. Wohlgemerkt: Es heißt darin nicht „erfinden“ sondern „finden“ müsste man die Gestalttherapie Schon Fritz Perls hat sich eben nicht als „Erfinder“ sondern als „Finder“, als ein „Wiederentdecker der Gestalt“ verstanden. Ein Hinweis von großer Tragweite! Die von ihm so propagierte Gestalttherapie, von der ich zu sprechen habe, ist demnach nicht wie eine normale therapeutische Methode unter anderen anzusehen, sondern eher als ein unterirdischer Strom, der in allen anderen Therapien verborgen und wirksam ist, der gelegentlich immer wieder zutage tritt.

Gestalt ist ein wirkliche Basistherapie. Das liegt an der Grundsätzlichkeit des Gestaltbegriffes und der daraus folgenden Theoriebildung für den therapeutischen Prozess. Mittels ihrer Kenntnis kann man alle anderen Therapiemethoden verstehen und übersetzend beschreiben. Umgekehrt ist das nicht möglich. Sie ist ein „therapeutischer „Schlüssel zum Wissen“ Schon allein deshalb

müsste man sie neu finden, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde!

Dieser unterirdische Strom hat unter anderen Instituten auch das IGWien befruchtet, zu dessen erstem Symposion ich einige Blickpunkte (als die Summe aus dreissigjähriger Bemühung um Gestalt) beisteuern will.

Ich beginne mit einem Hinweis auf den konkreten Ort des Vortrags: Wir befinden uns hier in jenem Teil Wiens, in dem auch Primarius Günther Pernhaupt gelebt und gewirkt hat. Er war für den Anfang der österreichischen Gestalttherapie mit mir zusammen durch ein kurzes Telefonat verantwortlich. Wir beide wurden einig, eine „Sektion Gestalttherapie“ am besten im ÖAGG[1] in die Wege zu leiten. Vorhergegangen war ein Gestalt-Symposion in seinem Therapiezentrum Kalksburg/Wien, das wie ein Startvorgang wirkte. Leider ist Günther viel zu früh verstorben.

Was uns gemeinsam mit unseren Freundinnen und Freunden der Gründergruppe[2] von Anfang an bewegt hat, war nicht ein akademisch-wissenschaftliches Interesse an Psychotherapie überhaupt. Ganz im Gegenteil: Wir hatten die Nase voll von dem üblichen wissenschaftlichen Betrieb. Wir hatten sie wirklich so gründlich voll, dass wir eilig voranhasteten und unser zukünftiges Ziel mehr spürten, als dass wir es genau zu formulieren wussten. Gestalt war eine Bewegung, weit entfernt von Psychogesetzen, Krankenkassen und Ministerien. Wenn ich als jemand, der über 25 Jahre lang in der Ausbildung tätig bin, auf den Unterschied von einstmals und heute achte, so erscheint die anfängliche Periode als ein Phase von chaotischen Experimenten und curricularer Unsicherheit, aber sie war erfasst von dem was man später den „Geist der 68-Jahre“ genannt hat: Neuentwurf einer friedlichen Weltgesellschaft, Flower-Power, Kennedy und Chrustschow, das 2. Vatikanische Konzil, in Österreich Christian Brodas Strafrechtsreform und der Aufbau eines Psychosozialen Netzes[3]) für alle, anstelle einer chronifizierenden Anstaltspsychiatrie. Wenn man sich die Breitenwirkung dieser Bewegung klarmacht, versteht man auch den Satz:

Man müsste sie neu finden, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde.

Aus der Gestalt-Bewegung ist inzwischen ein geordnetes, wissenschaftlich und staatlich anerkanntes Verfahren geworden. Nach den Pionieren von einstmals ist eine Generation geduldiger Verhandler und ordentlicher therapeutischer Verwalter auf den Plan getreten. Deshalb macht der Titel, der mein Referat bestimmt, jetzt erst recht einen guten Sinn: Zwischen „Entdeckung“ und blosser „Verwaltung“ liegen Welten! Schon

deshalb muss man immer wieder zur Gestalttherapie finden, ja man müsste sie sogar neu erfinden, wenn es sie nicht schon geben würde.

Sonst verdörrt und erstarrt die Psychotherapie, sonst wird sie in ihrer Wirkung lediglich erfolgreich angepasst, wie vieles im Psychobetrieb. Gestaltphilosophie gehört zu den Lebensvorgängen der Europäischen Geistesgeschichte seit der Antike. In der Gestalttherapie hatte sie auch die neugebildete psychotherapeutische Szene voll erreicht.

Ihr alle, die ihr Euch auf den Weg einer geordneten Gestalt-Ausbildung begeben habt, tut auch aus der ursprünglichen Perspektive gesehen, etwas durchaus Sinnvolles und Wertvolles. Ihr müsst nur wissen, dass das curriculare Erfordernis Eurer Ausbildung nicht einfach mit der Gestalttherapie deckungsgleich ist.

Denn Gestalt ist mehr als ein praktikabler therapeutischer Abschluss. Sie ist eine Haltung dem Leben gegenüber, sie ist eine Lebenslehre, eine Art von Weisheit. Und sie ist der Zugang zu Perspektiven, aus der die Wirklichkeit besser gesehen werden kann. Sie bewirkt aber auch eine Verbundenheit untereinander, eine Art von Mitmenschlichkeit, die durch die Wegmarken von „Kontakt, Dialog und existentieller Betroffenheit“ gekennzeichnet ist. Das ist eine nähere Umschreibung dessen, was man eine menschlich „tiefe“ Beziehung nennen kann.

Natürlich ist das alles mehr ein Ziel, eine kräftige, bunte Vision, als – wie viele, viele Erfahrungen zeigen – die Wirklichkeit von Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten. (Das gilt - wie für alle Ausbildungsinstitute - auch für das IGWien). Manchmal möchte man glauben, dieses Ziel überfordert uns alle. Für kurze Zeit blitzt seine Realisierung da und dort auf, in glücklichen Augenblicken kann man begreifen, was „Gestalt“ bedeutet. Im Amerikanischen ist der deutsche Begriff vielleicht auch deshalb unübersetzt geblieben. „Gestalt“ ist so das Kennwort für den Beginn eines Weges zum ausdrücklichen Leben  geworden. Eine Markierung, eine Erinnerung an ein therapeutisch-menschliches Vorhaben.

Denn es gibt viel zu viele gegenläufige Dynamiken, die es schwierig machen, Gestalt zu leben, nicht zuletzt gibt es die Dynamiken welche die Gesellschaft insgesamt prägen: Macht, Rivalität, Abwehr des wirklich lebendigen Phänomens zugunsten der konstruierten Wirklichkeiten....

Besonders deutlich werden diese gesellschaftlichen Kräfte in den Erscheinungen von Politik, Philosophie, Pädagogik, Psychologie, Medizin und in der Reaktion der Psychotherapie auf die „Leidenszustände“[4], die gesellschaftlich ausgelöst werden. Es braucht, wie die Erfahrung gezeigt hat, unbedingt immer wieder Reformschübe, die die abweichenden Tendenzen zurückbringen zum ursprünglichen heilenden Ansatz. Darum:

Man müsste sie erneut finden, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde....

Ein schönes Bespiel dafür ist Freiherr Christian von Ehrenfels, der hier in Wien-Rodaun viele Jahre zugebracht hat, ehe er in Graz 1890 seine epochemachende Schrift „Über Gestaltqualitäten“ verfasst hat. Er wurde später in Prag Professor und hat eigentlich trotz vieler anderer Werke, nur diese Grundschrift nochmals (auf drei Druckseiten) vor seinem Tod im Jahre 1936, als wesentlich zusammengefasst. Sein Text war wie ein Zündfunken, der die europäische Philosophie aus der Blockade in die sie durch den Positivismus gelangt war, herausgeführt hat.

Endlich wurde deutlich, dass es eine hinlängliche Erkenntnis-Gewissheit geben könnte, dass man nur der speziellen Form der Wahrheitskenntnis eines Phänomens in Form der gestalthaften Wahrnehmung folgen müsste. Plötzlich war wieder klar, dass das Ganze mehr ist als die Summe der Teile, dass ein Mensch mehr ist als die Anzahl seiner Moleküle, eine Melodie mehr als die Töne und Liebe, mehr als die Bewegungen des Hormonspiegels. Dieses „Mehr“ ist in der ursprünglichen Wahrnehmung der Gestalt mitgesetzt. Es enthüllt sich, wenn ein Phänomen sich zeigt.

Freiherr von Ehrenfels hat mit seiner Entdeckung, die er anhand der Melodie, die das Prozesshafte eines Lebensvorganges in sich hat (trotz seines trockenen Textes), so etwas wie einen Orientierungspunkt formuliert. Der war auch notwendig, weil in den großen Umbrüchen des 19. und 20. Jahrhunderts viele sinnstiftende Institutionen (Monarchien, Kirchen) ihre Geltung minimiert sahen. Die Gestalttheorie gab die Wahrheit, die von der Wahrnehmung kommt den Menschen wiederum zurück in den Bereich seiner eigenen Freiheit und Verantwortung. Das war nicht alles, was zur Bewältigung der Krisen notwendig war, aber immerhin ein ganz wesentlicher Ansatz. Obwohl also Ehrenfels diesen Ansatzpunkt an dem so einfachen Beispiel der Melodie gefunden hat, kann jeder von uns ihm folgend in ein nicht enden wollendes Erstaunen geraten, was es alles an Gestalten gibt und dass es uns darin gibt, (samt den Tiefen des Kontaktes dazu), die ein Leben lang nährend und sinnstiftend wirken.

Wahrhaftig – man müsste sie neu finden, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde....

Die „Lust der Wahrnehmung“ hat Goethe diesen Vorgang genannt. Er liegt als philosophische Einsicht und Grundlage der gestalttherapeutischen Formulierung der Psychotherapie zugrunde. Fritz Perls hat einige wenige Kriterien von Ehrenfels zusammengefasst und hatte allein dadurch bereits zu einem großen Reformschub über die Psychoanalyse hinaus angesetzt. Das alles sind sehr wichtige Hinweise, so meine ich, die weiter entwickelt werden müssen.

Aber für das IGWien ist ein näherer, Aspekt wichtig. Ich wende mich daher im nächsten Abschnitt noch konkreter der sogenannten „österreichischen Gestalttherapie“ zu. Dieser Ausdruck stößt sicher auf einen Chor von Ablehnungen, die dieses Ansinnen immer ein wenig kindisch-provinziell gefunden haben. Tatsächlich hat die deutsche Tradition der Gestaltpsychologie – besonders seit Köhler, Wertheimer und Lewin – den Ehrenfelsansatz in seiner phänomenologischen Brisanz wiederum verspielt  Die „Mathematisierung der Prozesse“ von der nach Lewin geträumt wurde, führt direkt zu einer empirisch – flachen Sozialpsychologie und zur Einmahnung  jener „Hausaufgaben“, die wir vorgeblich noch zu erledigen hätten.[5] So wurde uns oft und oft gesagt. Da werden sicher auch „Stösse von Hausaufgaben“ nicht helfen können! Die vermiedene und bekämpfte Tiefe des Phänomens der Gestalt ist meiner Meinung nach der treibende Grund für diese Forderung.

 Es gibt also verschiedene Stile Gestalttherapie zu betreiben und diese Stile hängen an Akzenten, die Menschen als ihren eigenen Anteil in ihr therapeutisches Handeln und ihre therapeutische Haltung einbringen. Natürlich gibt es daher auch eine deutsche oder italienische Gestalttherapie und natürlich auch die amerikanische, die uns allen über das IGWürzburg bekannt geworden ist. Die Tradition des IGWien aber entstammt ursprünglich der österreichischen Gestalttherapie im Bedenken des Christian von Ehrenfels.

Sie hat das Glück gehabt, innerhalb einer Bevölkerung entwickelt worden zu sein, die eben „österreichisch-süddeutsch“ geprägt ist Sie ist durch unzählige Niederlagen, Umgruppierungen und politische Abhängigkeiten gegangen. Vielleicht ist diese Bevölkerung dadurch vorsichtig und weise geworden, auch maßvoll und von mancher „Großartigkeit“ bewahrt, was einer Psychotherapiebemühung nur gut tun kann. So kam es, dass typischerweise zuallererst einmal die Entdeckung von Ehrenfels in ihrer Bedeutung nicht richtig erfasst wurde. Als jedoch die Auseinandersetzungen um den Faschismus, um die Psychoanalyse, um die zunehmende Bürokratisierung des staatlichen psychosozialen Netzes deutlich spürbar wurden, gewannen die Schriften von Fritz und Lore Perls an Aktualität. (Und somit auch wiederum Christian Ehrenfels). Man hat uns entgegengehalten, dass wir ja von Perls hier in Österreich nicht viel wissen könnten. „Kaum jemand von Euch hat ihn jemals persönlich gesehen“. Das ist ein eindrucksvoll falsches Argument. Schließlich hat nie jemand von uns Joseph Haydn persönlich gesehen und auch nicht Johann Strauss oder Napoleon. Auch nicht Mao – Tse - Tung natürlich. Und trotzdem können wir zu den Phänomenen, die sie bedeuten, Kontakt haben. Und auf diesen Kontakt zu den geistigen Phänomen der Gestalttherapie und den Grundschriften Paul Goodman, von Fritz und Lore Perls kam es zunächst an. Sie alle mündeten in die sinngemässe Aussage von Fritz: „Ich kann niemanden als Gestalttherapeuten wirklich anerkennen, der nicht imstande ist sein Vorgehen und die Methoden die er dabei anwendet, entsprechend der konkreten Situation zu entwickeln.“ Fritz Perls war also sicher niemand, der mit einem Rucksack voll „heißer Stühle“ gereist ist, um flotte Techniken auf Kongressen zu verkaufen. Er war überhaupt kein Mann der programmierten Vorgänge, sondern ein Mann der Ereignisse. Er konnte im Hier und Jetzt der Situation verstehen, was sie für alle daran Teilnehmenden gerade bedeutet. Den springenden Punkt konnte er klar formulieren. Daraus ist das Theorie-Dreieck entstanden: 1. das Phänomen, also die Gestalt, 2. die existenzielle Betroffenheit und 3. das dialogische Prinzip.

Diese drei Schwerpunkte der gestalttherapeutischen Theorie „könnt ihr doch niemals miteinander in einem konsistenten System verbinden!“ hielt man uns „hier im kleinen Österreich“ entgegen. Es freut mich wegen des beständigen therapiepolitischen Gewichts dieses Einwandes ganz besonders, dass im österreichischen Psychotherapiegesetz Gestalttherapie dennoch voll anerkannt ist. Wir konnten es also doch, und die entsprechenden (kritischen) Gremien des Ministeriums haben das bestätigt.

Man musste sie nur finden, die Gestalttherapie, die es bereits gegeben hatte.

Es kommt, wie so oft in Therapie und Leben auf das Experiment und den Versuch an und jeder, der sich auf dieses Tun einlässt, kann diesen Versuch für sich nachvollziehen. „Bleibe beim Phänomen, bleibe bei dir selbst, wehre nicht den Kontakt mit den tieferen Schichten deines Lebens ab, den sogenannten existenziellen Bezug. Bleibe also bei der Gestalt“. Gestalt steht in der damals österreichischen Version der Gestalttherapie weiters für Prozesse als „Musik des Kosmos“. Natürlich ist das eine höchst subjektive Sichtweise von mir. Aber man muss doch zugestehen, dass diejenige Gestalt die am leichtesten prozesshaft zu verstehen ist, die musikalische ist. Sie hat einen Beginn, einen Höhepunkt, einen Schlusspunkt, hat Spannung und Prägnanz. Alles Teile der Ehrenfels-Kriterien, die Perls seiner philosophischen Beschreibung des therapeutischen Prozesses zugrundegelegt hat.

Ich verweise auf diese Zusammenhänge, weil sie den Hebel ergeben, mit dem man aus dem so oft beklagtren Elend einer unbefriedigenden Psychologie und Psychoanalyse herauskommen konnte.

Zum „Elend der Psychoanalyse“ noch ein paar Worte: Aus therapiepolitischen Gründen, gibt es heute viele Leute, die nichts lieber hätten, als dass man uns Gestalttherapeuten als Oberpsychoanalytiker verstehen würde. Das geht aber nicht lange gut, denn die Gestalttherapeuten waren gerade keine überzeugten Analytiker, sie wollten keine Archäologie der Seele, keine Zerstörung der konkreten Wahrnehmung durch mehrere Ebenen professioneller Deutung. Durch letztere Vorgänge ist ja nicht nur eine Weltanschauung sondern auch eine psychoanalytische Religion entstanden. Sie gleicht einer antiken Zweigötterlehre: Eros und Thanatos als transzendente Gottheiten kämpfen in der Seele jedes Menschen durch Triebrepräsentanten vertreten, wobei der Thanatos endgültig über Eros siegt.

Die Gestalttherapeuten waren aber ihrer Herkunft nach religionskritisch und wollten deshalb auch keine psychoanalytische Religion akzeptieren. Es gab ja bereits genug Religionen auf dem Planeten und alle traten in ihren Praxen in Erscheinung. Ihnen ging es auch bei religiöser Wahrheit um die Wahrheit aus einer konkreten, gestalthaften Wahrnehmung. Nicht eine Wahrnehmung, die durch die Interpretationen von Religionsfunktionären und sei es von Analytikern ersetzt wird. Es gibt trotz dieser Einsicht viele und wunderbare therapeutische Methoden, die leider in dem Augenblick bedenklich geschwächt, ja sogar manipulativ geändert wurden, indem der psychoanalytisch (also analytisch-religiöse) Bedeutungsrahmen auf das therapeutische Geschehen draufgesetzt wurde. So z.B. bei der Tanztherapie, bei der Musiktherapie, beim Katathymen Bilderleben oder auch in den frühen Formulierungen der transpersonalen Psychotherapie gut zu beobachten.

Man kann mit einiger Intelligenz alles und jedes psychoanalytisch deuten. Man muss aber sehen, wohin man damit gerät. Denn die Interpretation ist nicht das erste. Das erste ist die unmittelbare Wahrnehmung. Die erste Interpretation ist eigentlich nichts anderes als die sprachliche Fassung der unmittelbaren Gestalt-Wahrnehmung.

An dieser Stelle – ich mache jetzt einen grossen Sprung, der wesentlich ist – entscheidet sich gegenwärtig alles in der Gestalttherapie. Wann immer Ihr folgendes sagen werdet: „Die erste Interpretation der Gestalt ist unsicher, denn nach der Konstruktivismusthese ist es völlig unentscheidbar, ob irgendetwas an Objektivität im Grunde des Kosmos unserer Wahrnehmung entspricht Alles entspricht lediglich dem Konsens der Gesellschaft über den Kosmos. Man könnte auch sagen: Alles entspringt der Weltbildung der reflektierenden Menschheit. Es gibt keinen Schöpfer und es gibt keine Schöpfung ausser unserer eigenen Selbstsetzung und Selbstentwicklung. Der „Zopf des Baron Münchhausen“ ist daher unser aller Zopf, an dem wir uns aus dem Sumpf der vormenschlichen Entwicklung herausziehen müssen.... !“

Wann immer Ihr also derartige Thesen übernehmt und sie zur Basis Eures therapeutischen Handeln macht, akzeptiert Ihr als Folge den Zerfall der Grossgesellschaft Menschheit in kleine Konsens-Inseln, die nach innen hin übereinstimmen, aber nach aussen hin im Dissens sind, weil sie sich auf keinerlei Grundwahrheit des Kosmos beziehen können. An dieser Stelle entscheidet sich ob die Gestalttherapie gründlich ruiniert wird oder nicht. Mit dem Slogan „Wir müssen zuallererst unsere wissenschaftlichen Hausaufgaben machen“ beginnt der Prozess der Übernahme derartiger konstruktivistischen Thesen. Eine bloß zeitgeistige Wissenschaftsform fordert Euren Tribut. Ihr bewegt Euch weg von den Phänomenen und hin zu deren Analyse – was „Zerteilung“ heißt – und das endet nach einiger Zeit mit der gänzlichen Zerstörung der Phänomene. Es erscheint nichts mehr, weil nichts mehr unter der Bedingung der selbstverursachten Gestaltzerstörung zu erscheinen vermag.

Wenn Ihr an zum Beispiel an eine Psychosentherapie denkt, so seht Ihr deutlich, wie sehr diese in sich kreisenden Interpretations- und Analysephänomene den intrapsychischen Prozess zu bestimmen und ins Destruktive zu verzerren beginnen. Zuerst erkrankte schon der Patient daran, dann der Therapeut in der Therapie und in der Folge auch die Theoriebildung der Methode.

Es ist mir selbstverständlich ganz klar, dass man sich nicht so ohne weiteres vom Zeitgeist der jeweiligen Gesellschaft oder von der Mühe um die vernünftige Wissenschaft verabschieden kann. Das ist ein Mühe, die genauso nötig ist wie die des Geschirrabwaschens im Alltag. Aber es muss uns klar sein, dass die Wissenschaft (für sich genommen) den Menschen nicht heil und glücklich machen kann. Dazu ist die Disziplin ihres Vorgehens viel zu abstrakt, ihre Zielsetzung anders.. Unsere Patientinnen und Patienten wollen etwas heiler, also etwas glücklicher werden. Weil sie irritiert und verrückt geworden sind. Dazu benötigen sie viel mehr die inhaltlich konkrete Unterstützung (Support) und viel weniger die abstrakte wissenschaftliche Sichtweise. An dieser Stelle der Überlegung waren wir zum Beispiel in Österreich auch 1988 angelangt. Anlässlich einer Diskussion im Rahmen der damaligen Gestaltsektion zwischen Hilarion Petzold und mir, die auf Video dokumentiert ist – ich habe ein Band davon – hat Hilarion sinngemäß gemeint: „Ihr müsst zuerst die gesellschaftlichen Bedingungen der Wahrnehmung studieren......“ Ein nicht unlogischer  Hinweis.

Aber wie immer man die erfreulichen Seiten der gegenwärtigen Auseinandersetzung um Gesellschaftsbedingungen sehen mag, es bleibt auch das Phänomen der Metatheorie zu beobachten, ja sogar der Meta-Meta-Meta-Theorie, die immer weiter von der ursprünglichen Theorie wegrückt. Man landet also in ganz kurzer Zeit bei einem konstruktivistisch relevanten System und man gerät vor die Frage, wohin man eigentlich in so kurzer Zeit gekommen ist? Litaneiartig werden Verwicklungen zwischen ausbeutenden gesellschaftlichen Strukturen und der wirtschaftlichen Interessen aufgelistet. Kein uns bekannter Name eines Weltkonzerns samt Untergruppierungen fehlt. Alle Firmen-Logos, die in unseren Großkaufhäusern zur täglichen Bedarfsdeckung eine Rolle spielen, sind dort versammelt. Nichts Heiles und Positives bleibt am Ende mehr übrig und eigentlich fragt man sich, warum die Welt nicht überhaupt schon längst untergegangen ist. Eine plausible Erklärung für das Überleben gibt es nicht, es sei denn, man kehrt zum ursprünglichen Phänomen zurück. Und das ist diese schreckliche Ausbeutung auf der Basis des noch viel großartigeren Lebens, das sich im Phänomen der Gestalt zeigt.

Dieses ganze Geschehen der Vereinnahmung der offensichtlichen Positivität durch die leicht konstruierbare Negativität wird durch die Gestalttherapie konterkariert. Die ursprüngliche Ehrfurcht und der ursprüngliche Respekt vor dem Phänomen, wie es sich zeigt, ist der Angelpunkt, der einen Ausstieg aus dieser kreisenden Interpretationsspirale bietet. Die Einfachheit der Gestalt kann als naiv bezeichnet werden. Aber das ist nicht die therapeutisch relevante Frage:

Vielmehr muss man sich  grundsätzlich entscheiden, ob man dafür ist, dass alle die geistigen und körperlichen Phänomene, vom banalsten bis zum großartigsten: Tisch, Mikrofon, hörende Menschen, Luft, die man gemeinsam atmet etc. Ob es das alles gibt und ob man dafür ist, dass es das gibt. Das geringste Bedauern in unserer Seele darüber, dass alles rings um uns in einem Kreislauf der Destruktion steht, banal und materiell ist, bringt uns in einen Kreislauf, der krank macht. An dieser Stelle kann man die psychotherapeutisch relevante Ethik sehen und ansetzen. Es ergeben sich eigentlich zwei einfache Fragen. Gehe ich in eine Richtung der generellen Bejahung oder der generellen Verneinung? Die Bejahung führt zur Existenz und Leben, die Verneinung führt ins Tötende.

Man kann kein Gestalttherapeut sein – und das ist fast ein Glaubensbekenntnis – wenn man nicht aus ganzem Herzen, mit allen Kräften des Leibes und der Seele alles, was es gibt, wirklich bejaht.

Diese Grundhaltung ist ein ursprünglich religiöses Verhalten, so wie die Antike (in ihren besten Vertretern. Plato, Vergil u.a.) das Wort „fromm“ oder „religiös“. verstanden hat Ich erwähne als heute aktuelles Beispiel dafür die Fernsehdokumentation „Gestalttherapie - Lore Perls“. (Ihr habt das Video sicher schon gesehen) Die dort  vorgeführte Traumarbeit ist eigentlich ein relativ fades Ding, denn dem wachen Zuschauer ist schon bald klar, dass die von einer Wohngemeinschaft verlassene Psychologin, Menschen sucht, mit denen sie zusammenleben kann. Besonders wünscht sie sich einen Freund. (No na! Dreimal darf man raten!) Nicht so reagiert aber Lore Perls. Sie lässt sich den Traum schildern und bei jeder Sequenz und jeder neuen Figur sagt sie, mit ihren schon damals behinderten Augen auf die Klientin blickend: „Ja“. Und wiederholt immer wieder „Ja“ und verwehrt sich den Satz der alten lebenserfahren Therapeutin „Na was wirst du schon wollen, du junges Ding?“. Sondern ist erstaunt, dass es diesen Wunsch nach Menschen, besonders einem Menschen, immer wieder so klar gibt. Hier seht Ihr ganz genau die Frucht ihrer lebenslangen Bemühung am Phänomen zu bleiben. Der Kommentar des Rundfunkreporters am Ende der Traumarbeit ist läppisch: „Durch diese Therapie hat Lore Perls der Klientin zu einer Einsicht verholfen!“ Diese Einsicht mag ja wirklich gekommen sein, falls sie der Klientin fernegelegen war, aber vor allem hat Lore Perls der jungen Psychologin eine Stunde der konzentrierten Wahrnehmung ihrer Lebensexistenz geschenkt. Witzig, verlegen, spielerisch, mit allen Facetten ihrer Person begegnet sie dem Traum. Das ist eine wirkliche Traumarbeit gewesen, nicht so ein methodisches Etwas, das herbeigerufen wird, damit „man sich besser im Leben entscheiden kann“.

Wenn man also jenen entscheidenden Punkt, von dem vorher zu handeln war - an den man entweder zur wissenschaftlichen Arbeit wechseln kann oder aber bei dem bleibt, was man „existenzielle Betroffenheit der Wahrnehmung“ genannt hat – wenn man diesen Punkt akzeptiert und zugunsten der persönlichen Betroffenheit entscheidet, ist es sehr eindrucksvoll, was nun mit der religiösen Qualität dieses Vorgangs wird.

       Man müsste sie also wirklich finden, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde!

 Ich bin in der Folge zu der Ansicht gekommen, dass man als Gestalttherapeut entweder ein aufrichtiger Christ oder ein aufrichtiger Agnostiker sein kann . Buddhistische oder stoische Wege lassen sich schon viel schwerer mit Gestalttherapie vereinbaren

Das betrifft besonders die Transpersonale Psychotherapie. Es liegt mir wirklich fern die Arbeit von Kolleginnen und Kollegen einfach vom Tisch zu wischen. Aber es bleibt als Ausbildner für Gestalttherapie die Frage, wie die transpersonale Psychotherapie mit Gestalttherapie zusammenfinden kann. . Ich finde,  sie kann das nicht. Mein Grund dafür ist der große analytische Anteil der Deutungen, wie sie Stanislav Groof entwickelt hat, und die Art, wie er die Erzeugung der inneren Bilderwelten bewerkstelligt: Mittels Suggestion, mittels Musik und in der Startphase auch durch LSD. Daraus wurde in der Praxis ein Auslöseverfahren zur Umgehung des üblichen Widerstandes und zur Vertiefung der köpertherapeutischen Sitzungen; eine Art stoischer Religiosität mit Versatzstücken aus allen großen Weltreligionen inklusive den antiken, ohne aber der Ernsthaftigkeit dieser verschiedenen religiösen Wege Genüge tun zu können. Es ging den Gründern der Transpersonalen Psychotherapie zeitbedingt vor allem um Abkürzungen zur religiösen Weiterentwicklung („Erlösung“, „Erleuchtung“) um mittels einem  Kombinationsverfahren der wirkungsvollsten Methoden sich den religiösen Bereich, nun sag ich einmal „unter den Nagel zu reissen“. Ich finde dieses Vorgehen eigentlich ausbeuterisch den großen Religionen gegenüber, wenngleich das Ziel einer Aussöhnung der Religionen untereinander notwendig und unbestritten bleibt.

An dieser Stelle möchte ich auch einige Bemerkungen zu Bert Hellingers systemischer Familienaufstellung machen. Ich beziehe mich auf das erste Drittel von Hellingers Arbeit mit Aufstellungen die ich durchaus im positiven Sinne als eine Phase der Gestalthaftigkeit des Aufstellungsphänomens sehe, der Hellinger folgt. Dann aber setzte ein erstaunlicher Boom ein, der dazu führte, dass man jedes Problem von Hund und Katz bis Kosovo und Tschetschenien aufzustellen begann. Von dort weg entwickelt mein alter Freund Bert die „Bewegungen der Seele“ und ersetzte die Einsicht des Patienten durch seine eigene innere inspirierte (?) Schau des Phänomens. Das führte dazu, dass das dialogische Element, das für jede Gestalttherapie grundlegend ist, zugunsten eines extrem interpretatorischen Vorgehens eliminiert wurde. Eigentlich muß man den aufstellenden Therapeuten lieben um auch seiner Interpretation folgen zu können. Denn es kann ja nicht anders sein: Dieser Aufsteller rückt in die Nähe einer absoluten Prophetenfigur. Im ersten Drittel von Bert Hellingers Arbeit war das nicht so. Dort wurde sorgfältig erkundet, was die aufgestellten Repräsentanten in ihrer Position erfahren haben. Jetzt aber wird also diese Erfahrung glattwegs übersprungen und der Therapeut macht aus seinen eigenen inneren Bildern die wirklichen Interpretation, die er über die Aufgestellten drüberstülpt. Als Ausbildner für Gestalttherapie halte ich die Anwendung eines solchen Verfahrens für nicht gut. Es widerspricht dem ursprünglichen Gestaltansatz. Sätze wie, „Bleib bei deiner eigenen Wahrnehmung“ haben darin keinen Platz mehr. Man müßte vielen Aufstellern sagen: „Maße dir nicht eine Position an, die dir nicht zusteht.

Weder bist du ein Prophet noch ein Erzengel oder dergleichen!

Du bist ein schlichter Psychotherapeut, der sich irren kann, der verantwortlich“ ist. der seine Vorgehensweise auch argumentieren muß,

der nicht einfach sagen kann, er betreibe eigentliche keine Psychotherapie, denn es sei eine Art Kunst die sich hier abspiele und ein Künstler sei in unserer Gesellschaft praktisch durch niemanden zu belangen..........

Bert Hellingers Videoeinspielungen sind sehr ehrlich. Sie zeigen seine privilegierte, machtvolle, freie Position. Ein Gestalttherapeut aber darf keinen Guru machen und muß bei der Realität bleiben, wie sie von Menschen erfahrbar ist. Dass die Verzauberung der Realität möglich ist, zeigt die Geschichte der Magie, die Geschichte der Ideologie, der Medien und auch die Geschichte der Kunst. Für Gestalttherapeuten gilt der Satz: Alles ist möglich in einer halluzinierenden Welt. Was aber ist real wirklich? Das ist die entscheidende Frage in der Psychotherapie.

Deshalb müsste man sie neu finden, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde.

Das sind zwei Beispiele für Irrwege. Vielleicht bin ich zu rigide. Ich möchte aber nicht, dass diese Vorgänge innerhalb und unter „Gestalttherapie“ geführt werden. An sich kann die sie aufgrund der basalen Gestalttheorie, die tief und weit genug ist, mit jeder Methode arbeiten, die ihre Grundannahmen akzeptiert.. Man kann mit Gestalt therapeutisch alles machen – ob jemand mit kreativen Medien oder mit Fahrrädern, Filzstiften, Videos, Ton als Medium arbeitet ist unerheblich. Man muss lediglich begriffen haben, was Vordergrund, Hintergrund, Prägnanz, Blockade und Fluss der Gestaltprozesse bedeutet. Man muss sich dazu vor den Phänomenen in der Therapie tief verneigen und darf sich um nichts in der Welt zum Herrn des Geschehens machen. Sowie man sich zum Herrn des Kosmos erklärt, kann man den Phänomenen nur mehr usurpartorisch begegnen: Zerkleinern, zertrümmern, analysieren, durch die Statistik einordnen oder sonst irgendetwas...

Ich möchte auch noch ein paar Worte zu anderen Phänomenen sagen, die der Gestalttherapie gefährlich werden können: Das ist in allererster Linie einmal die Bürokratie: Österreich hat damit eine besondere Erfahrung aus einem ganz einfachen Grund, weil nämlich seit der aufklärerischen Reform des Kaisers Josef II bürokratische Mechanismen und Bürokraten (das sind Menschen, die durch sie  berufsgeschädigt sind) – in den Praxen Hilfe suchen. Es ist eine Art von Staatsklerus entstanden, der in seiner Identität ebenso bedroht sind wie alle anderen klerusähnlichen Stände. Jede Menge Einengung der Wahrheit, der Freiheit und des Ausdruckes ist die krankmachende Bedingung. Vielleicht liegt es auch daran, dass das alte von den Griechen herkommende Kriterium „Wahrheit, Güte, Schönheit“ ausser Gebrauch gekommen ist. Man braucht nur die Menschen ansehen, die einem begegnen: Fehlt ihnen auch nur ein Kriterium dieser drei, dann sind sie unstimmig und Verblendung beginnt um sich zu greifen...

Wenn ihr durch Ministerien oder Pfarrkanzleien oder Politikerbüros geht, könnt ihr sie haufenweise sehen. Es geht nicht darum, dass man sich über diese Menschen erhebt, man braucht sich ja nur selber in der Früh in den Spiegel sehen und sich Rückmeldungen holen, dann hat man genug mit sich zu tun.... .Aber es als Elend zu benennen und eine Suche zu fordern, um herauszukommen aus dieser Entwicklung, das ist der Gestalttherapie zu eigen.

Man müsste sie wirklich neu finden, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde.

Es ist mir immer aufgefallen, da ich ja lange Zeit Angehöriger einer psychoanalytischen Vereinigung war (und sogar noch eine in Linz mitbegründet habe), traue ich mir das zu sagen: Wenn man bei Gestaltleuten sitzt, ist es erstens einmal einigermassen bunt – in etwa ist es auch heute noch so – und zweitens (vielleicht etwas naiv, weil ja die multifaktorielle Wirklichkeit auf die prägnanten reduziert wird!) irgendwie optimistisch der Stimmung nach.. Wenn man in psychoanalytischen Vereinssitzungen sich bewegt, so enden die leider nur allzu oft stereotyp: „Was wir da jetzt über den Klienten A gehört haben – ja was soll man da schon machen ?– wir haben ja jetzt unter uns dasselbe erlebt, was wir schon anhand des Klienten besprochen haben“. Mein eigener Abschied aus einem Arbeitskreis hat sich ganz ähnlich vollzogen: „Du meinst vielleicht“, sagte jemand „wir sitzen alle im falschen Dampfer und schauen schlecht aus?“ Damit hatte er recht gehabt. Ich sagte daher zu ihm: „Das ist der Fall!“ Er war etwas schockiert. Und sagte dann: „Weißt du, für uns ist wichtig, dass es den vor allem den Patienten gut geht!“ Eine simple Sackgasse, die jeder durchschauen kann.

Das alles, um aus diesem Brei der zirkulären Gefangenschaft, die irgendwie begründbar und sogar staatlich abgestempelt sind, herauszukommen, war der ursprünglich Motor der Gestalttherapie. Er sollte es bleiben.

Man müsste sie schon allein deswegen finden, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde!

Um zu einem Schluss zu kommen: Ich habe den Hauptteil meiner beruflichen Arbeit hinter mich gebracht. Ich bin in Pension und das ist eine ziemliche Freiheitstrompete, die  zu tönen beginnt. Ihr aber steht in der Hauptphase Eurer Arbeit. Das Ministerium wird Euch reglementieren, nicht weil es böse ist, sondern weil es Juristen angestellt hat und diese benötigen Arbeit. Obendrein ist das Unglück passiert, dass einige Juristen auch noch ein therapeutische Ausbildung begonnen haben, dort wo es am allereinfachsten geht, wo man eben ohne allzu grosses existentielles Trara schnell durch ist und das beginnt Früchte zu zeigen. Ich selbst hatte mich noch amtlicherseits mit dem Ansinnen auseinanderzusetzen, es müsse doch möglich sein, dass man jeden Klienten oder jede Klientin dahingehend berät, welcher Kollege am ehestens mit der jeweilig auftretenden Symptomatik vertraut ist und welche Methode am schnellsten dabei helfen könnte. Daraus ergibt sich für jeden Patienten ein Therapieplan, nach dem vorzugehen ist. Das muss man sich einmal vorstellen. Was wirklich schauerlich war, war die Tatsache, dass das nicht sofort zurückgewiesen wurde, sondern dass wir rund ein Stunde lang darüber diskutieren mussten, bis zu guter letzt Raoul Schindler sagte: „So ein Verfahren können wir weder gut heissen noch redlicherweise zusagen! Es wäre ein glatte Lüge, weil niemand von uns trotz mancher fachärztlicher Zusatzqualifikationen in der Lage ist, es durchzuführen!“ Ich sage nochmals, das alles ist nicht böse. Ich treffe gelegentlich auf meinem Büroweg Ministerialbeamte und wir sprechen sehr nett miteinander: „Wie geht es Ihnen denn?“ Und was machen denn Ihre Kinder?“ Das freut mich alles sehr, aber es ändert nichts daran, dass die bürokratische Schlinge sich über uns zuzieht.

Wenn Ihr also die Gestalttherapie wissenschaftlich und staatlich anerkannt betreiben wollt, glaube ich, müsst Ihr Euch splitten: Ihr müsst das Spiel mitspielen, weil Ihr sonst glattwegs ins Out gedrückt werdet, aber Ihr müsst wissen, dass die wirkliche Gestalttherapie mehr in Privatarbeitskreisen oder Privatinstituten eine Chance hat, denn in öffentlich kontrollierten Einrichtungen. Das ist nicht nur meine Meinung, sondern auch diejenige meines grossen Lehrers Igor A. Caruso gewesen, der in einer erregten Diskussion gesagt hat: „Lassen Sie die Hände weg vom Psychotherapiegesetz, machen sie kein Psychologengesetz und schaffen Sie das Ärztegesetz ab.“ Als ordentlicher Universitätsprofessor für Psychologie in Salzburg musste er wohl wissen, wovon er sprach. Ganz ähnlich äußerste sich auch Hans Strotzka anlässlich einer Besprechung im Bundeskanzleramt zum damals drohenden Psychologengesetz erster Fassung: „Herr Picker, sie machen sich da so stark – glauben Sie, dass nach Gesetzwerdung es noch eine Psychoanalyse, eine wirkliche Psychotherapie auf den Universitäten geben wird?“ Natürlich könnte man sagen: „Da hat jemand immer noch nicht begriffen, wie die Welt lauft!“ Aber es ist nicht so! Es haben  Menschen, die in ihrer internationalen Bedeutung wirklich gross zu nennen waren genau dieselbe Einsicht geäussert. Nur ohne jede Möglichkeit Mehrheiten für sie zu finden.

Man müsste sie deshalb dringend finden, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde!

Ich warne Euch also: Ihr könnt den bürokratischen Zwängen nicht entgehen. Ihr müsst Euch irgendwie mit ihnen anfreunden. Das ist auch meine Logik gewesen. Weil ein Gesetz nicht zu verhindern war, habe ich mich für ein Psychotherapiegesetz eingesetzt. Aber Ihr sollt wissen: Das alles hat mit Gestalt im ursprünglichen Sinne nicht mehr viel zu tun. Die tiefe Erschütterung, ein Mensch zu sein, der Welt und dem Kosmos zu begegnen, diese Erschütterung, die uns dazu bringt, Gesundheit nicht als luxuriöse Ware anzusehen, Depressionen und andere psychischen Krankheiten als wirkliches Elend zu sehen, und nicht nur als etwas, was man halt medikamentös verwalten muss. [6], die gehört zu jeder realen Therapie und vor allem zur Gestalt.

Ich komme jetzt zum Schluss.

Wenn man sich das alles überlegt, dann kann man noch hinzufügen: Wenn es für Gestalttherapie eine Spiritualität geben muss – das fordern unsere Patienten wie auch wir selbst, wenn wir an unsere Grenzen kommen – dann kann das nur eine Spiritualität sein, die vollkommen einverstanden damit ist, dass es einen Kosmos, eine Schöpfung gibt. Es kann und darf keine Spiritualität sein, die in ihrer Tiefe bedauert dass es Frauen, Erotik und Sexualität gibt. Wer immer entsprechend denkt und zu empfinden versucht – und es gibt eine Menge Spiritualitäten dieser Art[7] - steht vor einer Entscheidung. Auch wenn mönchisch-östliche Abwertung der Schöpfung in gewisser Weise modisch ist: Der Dalai- Lama in Ehren!, aber entweder man ändert die jede Materie abwertenden Grundeinstellungen des Buddhismus, oder dieser ist für die Psychotherapie nicht gut. Wer in der Mitte des sich drehenden Weltenrades sitzend meditiert und dabei zusieht, wie es auf der Peripherie in Leid und Freude auf und ab geht, der mag ein guter Buddhist sein, ist  aber ein schlechter Gestalttherapeut. Dort also, an der Aussenseite des Rades ist der Gestalttherapeut interessiert. Dort wo Menschen geboren werden, sich freuen, sich verlieben, sich verlieren, leiden, in Schuldigkeit und Grossartigkeit ihr Leben zu führen versuchen, dort ist der Aufenthaltsort der Gestalt. Denn dort gibt es die Bildung der Gestalten, ihre Blockierung, ihre Unterstützung, ihr Vergehen und ihre vielfältige neue Bildung.

Es gibt für diesen Topos[8] eine stimmige Spiritualität. Das ist eigentlich die christliche. (Natürlich führen wir alle unsere Kirchentraumata im Gepäck mit. Klar ist auch, dass der Vatikan wie auch der Weltkirchenrat keinen besonders anziehenden Eindruck macht (für Historiker ausgenommen), das ändert aber überhaupt nichts daran, dass die christliche Spiritualität die einzige ist, die sich im positiven Sinne mit dem Auf und Ab der Alltäglichkeiten einlässt, dass sie sich grundsätzlich nicht mit Kain, dem tüchtigen Killer, identifiziert, sondern mit Abel, dem Opfer der Gewalttat.[9]

Oder man wählt und hat die Tapferkeit zu sagen: „Ich weiss überhaupt nichts zu den Menschenschicksalen zu sagen. Aber als Therapeut weiss ich, dass es gut ist, dass es überhaupt etwas gibt. „Das wäre in Kurzfassung der Standpunkt der „Agnostiker“[10]. Vermutlich war er auch derjenige Freuds und Fritz Perls. Ein sehr ehrlicher und stimmiger Standpunkt, den zahlreiche Therapeuten und Therapeutinnen teilen.

Ich möchte zum Schluss Euch auch noch warnen, das Ergebnis von historischen Forschungen zur Lebensmarkierung zu nehmen. Es ist ziemlich unerheblich, ob Perls oder Freud oder sonst jemand ein guter oder ein schlechter Mensch gewesen ist um sein Lebenswerk zu würdigen. Es ist ebenso unerheblich, ob Mozart ein „fäkalisierender Herumhupfer“ war oder nur ein Geldverschwender. Es hängt nicht an dem. Sondern es hängt alles daran, wie ihr persönlich der Gestalttherapie begegnet seid, und was Ihr aus dieser Begegnung macht, was Ihr aus der Tiefe macht, die diese Therapie vermittelt. Diese hier genannte Tiefe ist nicht diejenige der „autonomen Körperreaktionen“ im köpertherapeutischen Tiefungsschema. Die menschliche Tiefe, die hier gemeint ist, könnte Ihr bei Martin Buber, Gabriel Marcel, Romano Guardini, Ferdinand Ebner.[11] beschrieben und bedacht finden.

Ich mache noch eine ganz kleine Anmerkung zum guten Ende: Es war schlecht für die humanistischen Psychotherapien insgesamt, dass die Missbrauchsdebatte zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Körperpsychotherapie geführt hat. Weil körperliche Berührung juridisch riskant geworden ist. Es kann keine wirklich juridisch unbedrohte Körpertherapie mehr geben. Das ist ein Ausweichen von einer verdammt notwendigen Haltungskorrektur auf eine juridische Ebene. Wenn Ihr das innerhalb Eurer Lebensspanne wiederum überwinden könntet, wäre viel gewonnen. Ich stelle mir das sehr schwierig vor und es braucht sicher einen längeren Zeitraum. Jedenfalls ist ein Psychotherapie mit Rechtsanwalt und Gericht im Hintergrund keine Psychotherapie.

Eine „reine“ Psychotherapie, die glaubt, dass körperliche Berührung schlechter ist als Worte, ist keine. Psychotherapie. Eine, die Erotik einfach ausblendet, ist auch keine. Eine, die den Missbrauch mit schlechten Argumenten abzustellen versucht, ist aber auch nicht.

Es ist richtig, dass eine erotisch-sexuelle Beziehung nicht mit Psychotherapie einhergehen kann. Es geht einfach nicht. Das stimmt. Entscheidend aber ist der Grund: Es geht nicht, weil die erotische Beziehung qualitativ auf einer anderen Ebene, oftmals sogar über der der Psychotherapie steht und nicht darunter. Wir müssen zugeben, dass wir in korrekter therapeutischer Arbeit für Patienten weniger tun können, als in menschlich-erotischer Beziehung möglich wäre. Aber das macht ja gar nichts. Es ist ja auch das „Etwas Weniger“ etwas ausgezeichnet Gutes.

Ich möchte also warnen, diese Perspektive nicht zu sehen, nur weil sie zur therapeutischen Bescheidenheit mahnt.[12]

Ich ziehe die Summe meiner Überlegungen und bleibe dabei:

Man hätte sie finden müssen, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon gegeben hätte. Denn sie ist in ihrer plausiblen Schlichtheit eine wirklich gute Therapie. [13].

Ich schliesse mit zwei Sätzen:

Was ich hatte, das habe ich und hätte ich Euch gerne weiter gegeben.

Was ich nicht hatte, das konnte ich Euch nicht geben.^

Ich danke für Eure Aufmerksamkeit.

.



[1] Österreichischer Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik

[2] (die zu den ersten Ausbildungsgruppen des Gestalt propagierenden FPI-Düsseldorf-Mainz und des in Österreich gleich aktiven IGWürzburg gehörten)

[3] durch Hans Strotzka, Raoul Schindler und Stefan Rudasch

[4] Nach dem Zielparagraphen des Österreichischen Psychotherapiegesetzes von 1990

[5] Davon sprachen z.B auch einige Referenten (wie z.B.Reinhard Fuhr) auf dem Gestaltkongress in Cambridge .

[6] Ich vergleiche das oft auch mit dem Schicksal der Kirche. Der Historiker Loisy hat schon um 1900 gesagt: „Beachten Sie: Gepredigt wurde das Reich Gottes und was dabei herausgekommen ist dabei die römisch-katholische Kirche!“

[7] Also alle, die davon leben, dass „der Geist gut und die Materie schlecht“ ist

[8] Griechisch-philosophischer Fachausdruck für den stimmigen, gesollten Ort der Anwesenheit.

[9] Vgl den biblischen Bericht in 1 Mos 4 .

[10] zu Deutsch: „Nichtwisser“

[11] Wesentliche Entdecker und Vertreter der dialogischen Philosophie, die interessanterweise im selben Zeitraum (ab 1920 etwa) unabhängig voneinander das „Ich und Du“ formuliert und bedacht haben.

[12] Selbstverständlich ist jeder Missbrauch  mit Recht gesetzlich verboten und therapeutisch etwas übles.

[13] Eines Tages wird sicher auch Herr Grawe ein neues Buch schreiben, indem diese Sätze stehen könnten

                           
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