Man müsste sie neu finden, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde. Ein Vortrag auf dem Symposion des IGWien
Oktober 2002 in Wien. Die besten Dinge im
Leben sind oft die, die man sozusagen aus der linken Hand
schüttelt und das trifft auch auf den Titel meines
Vortrages zu. Wohlgemerkt: Es heißt darin nicht
erfinden sondern finden müsste
man die Gestalttherapie Schon Fritz Perls hat sich eben
nicht als Erfinder sondern als
Finder, als ein Wiederentdecker der
Gestalt verstanden. Ein Hinweis von großer
Tragweite! Die von ihm so propagierte Gestalttherapie,
von der ich zu sprechen habe, ist demnach nicht wie eine
normale therapeutische Methode unter anderen anzusehen,
sondern eher als ein unterirdischer Strom, der in allen
anderen Therapien verborgen und wirksam ist, der
gelegentlich immer wieder zutage tritt. Gestalt ist ein wirkliche Basistherapie. Das
liegt an der Grundsätzlichkeit des Gestaltbegriffes und
der daraus folgenden Theoriebildung für den
therapeutischen Prozess. Mittels ihrer Kenntnis kann man
alle anderen Therapiemethoden verstehen und übersetzend
beschreiben. Umgekehrt ist das nicht möglich. Sie ist
ein therapeutischer Schlüssel zum
Wissen Schon allein deshalb müsste man sie neu finden, die
Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde! Dieser
unterirdische Strom hat unter anderen Instituten auch das
IGWien befruchtet, zu dessen erstem Symposion ich einige
Blickpunkte (als die Summe aus dreissigjähriger
Bemühung um Gestalt) beisteuern will. Ich beginne mit
einem Hinweis auf den konkreten Ort des Vortrags: Wir
befinden uns hier in jenem Teil Wiens, in dem auch
Primarius Günther Pernhaupt gelebt und gewirkt hat. Er
war für den Anfang der österreichischen Gestalttherapie
mit mir zusammen durch ein kurzes Telefonat
verantwortlich. Wir beide wurden einig, eine
Sektion Gestalttherapie am besten im ÖAGG[1] in die Wege zu
leiten. Vorhergegangen war ein Gestalt-Symposion in
seinem Therapiezentrum Kalksburg/Wien, das wie ein
Startvorgang wirkte. Leider ist Günther viel zu früh
verstorben. Was uns gemeinsam
mit unseren Freundinnen und Freunden der Gründergruppe[2] von Anfang an
bewegt hat, war nicht ein akademisch-wissenschaftliches
Interesse an Psychotherapie überhaupt. Ganz im
Gegenteil: Wir hatten die Nase voll von dem üblichen
wissenschaftlichen Betrieb. Wir hatten sie wirklich so
gründlich voll, dass wir eilig voranhasteten und unser
zukünftiges Ziel mehr spürten, als dass wir es genau zu
formulieren wussten. Gestalt war eine Bewegung, weit
entfernt von Psychogesetzen, Krankenkassen und
Ministerien. Wenn ich als jemand, der über 25 Jahre lang
in der Ausbildung tätig bin, auf den Unterschied von
einstmals und heute achte, so erscheint die anfängliche
Periode als ein Phase von chaotischen Experimenten und
curricularer Unsicherheit, aber sie war erfasst von dem
was man später den Geist der 68-Jahre
genannt hat: Neuentwurf einer friedlichen
Weltgesellschaft, Flower-Power, Kennedy und Chrustschow,
das 2. Vatikanische Konzil, in Österreich Christian
Brodas Strafrechtsreform und der Aufbau eines
Psychosozialen Netzes[3]) für alle,
anstelle einer chronifizierenden Anstaltspsychiatrie.
Wenn man sich die Breitenwirkung dieser Bewegung
klarmacht, versteht man auch den Satz: Man müsste sie neu finden, die
Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde. Aus der
Gestalt-Bewegung ist inzwischen ein geordnetes,
wissenschaftlich und staatlich anerkanntes Verfahren
geworden. Nach den Pionieren von einstmals ist eine
Generation geduldiger Verhandler und ordentlicher
therapeutischer Verwalter auf den Plan getreten. Deshalb
macht der Titel, der mein Referat bestimmt, jetzt erst
recht einen guten Sinn: Zwischen Entdeckung
und blosser Verwaltung liegen Welten! Schon deshalb muss man immer wieder zur
Gestalttherapie finden, ja man müsste sie sogar neu
erfinden, wenn es sie nicht schon geben würde. Sonst verdörrt und erstarrt die
Psychotherapie, sonst wird sie in ihrer Wirkung lediglich
erfolgreich angepasst, wie vieles im Psychobetrieb.
Gestaltphilosophie gehört zu den Lebensvorgängen der
Europäischen Geistesgeschichte seit der Antike. In der
Gestalttherapie hatte sie auch die neugebildete
psychotherapeutische Szene voll erreicht. Ihr alle, die ihr
Euch auf den Weg einer geordneten Gestalt-Ausbildung
begeben habt, tut auch aus der ursprünglichen
Perspektive gesehen, etwas durchaus Sinnvolles und
Wertvolles. Ihr müsst nur wissen, dass das curriculare
Erfordernis Eurer Ausbildung nicht einfach mit der
Gestalttherapie deckungsgleich ist. Denn Gestalt ist
mehr als ein praktikabler therapeutischer Abschluss. Sie
ist eine Haltung dem Leben gegenüber, sie ist eine
Lebenslehre, eine Art von Weisheit. Und sie ist der
Zugang zu Perspektiven, aus der die Wirklichkeit besser
gesehen werden kann. Sie bewirkt aber auch eine
Verbundenheit untereinander, eine Art von
Mitmenschlichkeit, die durch die Wegmarken von
Kontakt, Dialog und existentieller
Betroffenheit gekennzeichnet ist. Das ist eine
nähere Umschreibung dessen, was man eine menschlich
tiefe Beziehung nennen kann. Natürlich ist das
alles mehr ein Ziel, eine kräftige, bunte Vision, als
wie viele, viele Erfahrungen zeigen die
Wirklichkeit von Gestalttherapeutinnen und
Gestalttherapeuten. (Das gilt - wie für alle
Ausbildungsinstitute - auch für das IGWien). Manchmal
möchte man glauben, dieses Ziel überfordert uns alle.
Für kurze Zeit blitzt seine Realisierung da und dort
auf, in glücklichen Augenblicken kann man begreifen, was
Gestalt bedeutet. Im Amerikanischen ist der
deutsche Begriff vielleicht auch deshalb unübersetzt
geblieben. Gestalt ist so das Kennwort für
den Beginn eines Weges zum ausdrücklichen Leben geworden.
Eine Markierung, eine Erinnerung an ein
therapeutisch-menschliches Vorhaben. Denn es gibt viel
zu viele gegenläufige Dynamiken, die es schwierig
machen, Gestalt zu leben, nicht zuletzt gibt es die
Dynamiken welche die Gesellschaft insgesamt prägen:
Macht, Rivalität, Abwehr des wirklich lebendigen
Phänomens zugunsten der konstruierten Wirklichkeiten.... Besonders deutlich
werden diese gesellschaftlichen Kräfte in den
Erscheinungen von Politik, Philosophie, Pädagogik,
Psychologie, Medizin und in der Reaktion der
Psychotherapie auf die Leidenszustände[4], die
gesellschaftlich ausgelöst werden. Es braucht, wie die
Erfahrung gezeigt hat, unbedingt immer wieder
Reformschübe, die die abweichenden Tendenzen
zurückbringen zum ursprünglichen heilenden Ansatz. Darum: Man müsste sie erneut finden, die
Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde.... Ein schönes
Bespiel dafür ist Freiherr Christian von Ehrenfels, der
hier in Wien-Rodaun viele Jahre zugebracht hat, ehe er in
Graz 1890 seine epochemachende Schrift Über
Gestaltqualitäten verfasst hat. Er wurde später
in Prag Professor und hat eigentlich trotz vieler anderer
Werke, nur diese Grundschrift nochmals (auf drei
Druckseiten) vor seinem Tod im Jahre 1936, als wesentlich
zusammengefasst. Sein Text war wie ein Zündfunken, der
die europäische Philosophie aus der Blockade in die sie
durch den Positivismus gelangt war, herausgeführt hat. Endlich wurde
deutlich, dass es eine hinlängliche
Erkenntnis-Gewissheit geben könnte, dass man nur der
speziellen Form der Wahrheitskenntnis eines Phänomens in
Form der gestalthaften Wahrnehmung folgen müsste.
Plötzlich war wieder klar, dass das Ganze mehr ist als
die Summe der Teile, dass ein Mensch mehr ist als die
Anzahl seiner Moleküle, eine Melodie mehr als die Töne
und Liebe, mehr als die Bewegungen des Hormonspiegels.
Dieses Mehr ist in der ursprünglichen
Wahrnehmung der Gestalt mitgesetzt. Es enthüllt sich,
wenn ein Phänomen sich zeigt. Freiherr von
Ehrenfels hat mit seiner Entdeckung, die er anhand der
Melodie, die das Prozesshafte eines Lebensvorganges in
sich hat (trotz seines trockenen Textes), so etwas wie
einen Orientierungspunkt formuliert. Der war auch
notwendig, weil in den großen Umbrüchen des 19. und 20.
Jahrhunderts viele sinnstiftende Institutionen
(Monarchien, Kirchen) ihre Geltung minimiert sahen. Die
Gestalttheorie gab die Wahrheit, die von der Wahrnehmung
kommt den Menschen wiederum zurück in den Bereich seiner
eigenen Freiheit und Verantwortung. Das war nicht alles,
was zur Bewältigung der Krisen notwendig war, aber
immerhin ein ganz wesentlicher Ansatz. Obwohl also
Ehrenfels diesen Ansatzpunkt an dem so einfachen Beispiel
der Melodie gefunden hat, kann jeder von uns ihm folgend
in ein nicht enden wollendes Erstaunen geraten, was es
alles an Gestalten gibt und dass es uns darin gibt, (samt
den Tiefen des Kontaktes dazu), die ein Leben lang
nährend und sinnstiftend wirken. Wahrhaftig man müsste sie neu
finden, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon
geben würde.... Die Lust der
Wahrnehmung hat Goethe diesen Vorgang genannt. Er
liegt als philosophische Einsicht und Grundlage der
gestalttherapeutischen Formulierung der Psychotherapie
zugrunde. Fritz Perls hat einige wenige Kriterien von
Ehrenfels zusammengefasst und hatte allein dadurch
bereits zu einem großen Reformschub über die
Psychoanalyse hinaus angesetzt. Das alles sind sehr
wichtige Hinweise, so meine ich, die weiter entwickelt
werden müssen. Aber für das
IGWien ist ein näherer, Aspekt wichtig. Ich wende mich
daher im nächsten Abschnitt noch konkreter der
sogenannten österreichischen Gestalttherapie
zu. Dieser Ausdruck stößt sicher auf einen Chor von
Ablehnungen, die dieses Ansinnen immer ein wenig
kindisch-provinziell gefunden haben. Tatsächlich hat die
deutsche Tradition der Gestaltpsychologie
besonders seit Köhler, Wertheimer und Lewin den
Ehrenfelsansatz in seiner phänomenologischen Brisanz
wiederum verspielt Die Mathematisierung der
Prozesse von der nach Lewin geträumt wurde, führt
direkt zu einer empirisch flachen
Sozialpsychologie und zur Einmahnung jener
Hausaufgaben, die wir vorgeblich noch zu
erledigen hätten.[5] So wurde uns oft
und oft gesagt. Da werden sicher auch Stösse von
Hausaufgaben nicht helfen können! Die vermiedene
und bekämpfte Tiefe des Phänomens der Gestalt ist
meiner Meinung nach der treibende Grund für diese
Forderung. Es gibt also
verschiedene Stile Gestalttherapie zu betreiben und diese
Stile hängen an Akzenten, die Menschen als ihren eigenen
Anteil in ihr therapeutisches Handeln und ihre
therapeutische Haltung einbringen. Natürlich gibt es
daher auch eine deutsche oder italienische
Gestalttherapie und natürlich auch die amerikanische,
die uns allen über das IGWürzburg bekannt geworden ist.
Die Tradition des IGWien aber entstammt ursprünglich der
österreichischen Gestalttherapie im Bedenken des
Christian von Ehrenfels. Sie hat das Glück
gehabt, innerhalb einer Bevölkerung entwickelt worden zu
sein, die eben österreichisch-süddeutsch
geprägt ist Sie ist durch unzählige Niederlagen,
Umgruppierungen und politische Abhängigkeiten gegangen.
Vielleicht ist diese Bevölkerung dadurch vorsichtig und
weise geworden, auch maßvoll und von mancher
Großartigkeit bewahrt, was einer
Psychotherapiebemühung nur gut tun kann. So kam es, dass
typischerweise zuallererst einmal die Entdeckung von
Ehrenfels in ihrer Bedeutung nicht richtig erfasst wurde.
Als jedoch die Auseinandersetzungen um den Faschismus, um
die Psychoanalyse, um die zunehmende Bürokratisierung
des staatlichen psychosozialen Netzes deutlich spürbar
wurden, gewannen die Schriften von Fritz und Lore Perls
an Aktualität. (Und somit auch wiederum Christian
Ehrenfels). Man hat uns entgegengehalten, dass wir ja von
Perls hier in Österreich nicht viel wissen könnten.
Kaum jemand von Euch hat ihn jemals persönlich
gesehen. Das ist ein eindrucksvoll falsches
Argument. Schließlich hat nie jemand von uns Joseph
Haydn persönlich gesehen und auch nicht Johann Strauss
oder Napoleon. Auch nicht Mao Tse - Tung
natürlich. Und trotzdem können wir zu den Phänomenen,
die sie bedeuten, Kontakt haben. Und auf diesen Kontakt
zu den geistigen Phänomen der Gestalttherapie und den
Grundschriften Paul Goodman, von Fritz und Lore Perls kam
es zunächst an. Sie alle mündeten in die sinngemässe
Aussage von Fritz: Ich kann niemanden als
Gestalttherapeuten wirklich anerkennen, der nicht
imstande ist sein Vorgehen und die Methoden die er dabei
anwendet, entsprechend der konkreten Situation zu
entwickeln. Fritz Perls war also sicher niemand,
der mit einem Rucksack voll heißer Stühle
gereist ist, um flotte Techniken auf Kongressen zu
verkaufen. Er war überhaupt kein Mann der programmierten
Vorgänge, sondern ein Mann der Ereignisse. Er konnte im
Hier und Jetzt der Situation verstehen, was sie für alle
daran Teilnehmenden gerade bedeutet. Den springenden
Punkt konnte er klar formulieren. Daraus ist das
Theorie-Dreieck entstanden: 1. das Phänomen, also die
Gestalt, 2. die existenzielle Betroffenheit und 3. das
dialogische Prinzip. Diese drei
Schwerpunkte der gestalttherapeutischen Theorie
könnt ihr doch niemals miteinander in einem
konsistenten System verbinden! hielt man uns
hier im kleinen Österreich entgegen. Es
freut mich wegen des beständigen therapiepolitischen
Gewichts dieses Einwandes ganz besonders, dass im
österreichischen Psychotherapiegesetz Gestalttherapie
dennoch voll anerkannt ist. Wir konnten es also doch, und
die entsprechenden (kritischen) Gremien des Ministeriums
haben das bestätigt. Man musste sie nur finden, die
Gestalttherapie, die es bereits gegeben hatte. Es kommt, wie so oft in Therapie und Leben
auf das Experiment und den Versuch an und jeder, der sich
auf dieses Tun einlässt, kann diesen Versuch für sich
nachvollziehen. Bleibe beim Phänomen, bleibe bei
dir selbst, wehre nicht den Kontakt mit den tieferen
Schichten deines Lebens ab, den sogenannten
existenziellen Bezug. Bleibe also bei der Gestalt.
Gestalt steht in der damals österreichischen Version der
Gestalttherapie weiters für Prozesse als Musik des
Kosmos. Natürlich ist das eine höchst subjektive
Sichtweise von mir. Aber man muss doch zugestehen, dass
diejenige Gestalt die am leichtesten prozesshaft zu
verstehen ist, die musikalische ist. Sie hat einen
Beginn, einen Höhepunkt, einen Schlusspunkt, hat
Spannung und Prägnanz. Alles Teile der
Ehrenfels-Kriterien, die Perls seiner philosophischen
Beschreibung des therapeutischen Prozesses zugrundegelegt
hat. Ich verweise auf
diese Zusammenhänge, weil sie den Hebel ergeben, mit dem
man aus dem so oft beklagtren Elend einer
unbefriedigenden Psychologie und Psychoanalyse
herauskommen konnte. Zum Elend der
Psychoanalyse noch ein paar Worte: Aus
therapiepolitischen Gründen, gibt es heute viele Leute,
die nichts lieber hätten, als dass man uns
Gestalttherapeuten als Oberpsychoanalytiker verstehen
würde. Das geht aber nicht lange gut, denn die
Gestalttherapeuten waren gerade keine überzeugten
Analytiker, sie wollten keine Archäologie der Seele,
keine Zerstörung der konkreten Wahrnehmung durch mehrere
Ebenen professioneller Deutung. Durch letztere Vorgänge
ist ja nicht nur eine Weltanschauung sondern auch eine
psychoanalytische Religion entstanden. Sie gleicht einer
antiken Zweigötterlehre: Eros und Thanatos als
transzendente Gottheiten kämpfen in der Seele jedes
Menschen durch Triebrepräsentanten vertreten, wobei der
Thanatos endgültig über Eros siegt. Die
Gestalttherapeuten waren aber ihrer Herkunft nach
religionskritisch und wollten deshalb auch keine
psychoanalytische Religion akzeptieren. Es gab ja bereits
genug Religionen auf dem Planeten und alle traten in
ihren Praxen in Erscheinung. Ihnen ging es auch bei
religiöser Wahrheit um die Wahrheit aus einer konkreten,
gestalthaften Wahrnehmung. Nicht eine Wahrnehmung, die
durch die Interpretationen von Religionsfunktionären und
sei es von Analytikern ersetzt wird. Es gibt trotz dieser
Einsicht viele und wunderbare therapeutische Methoden,
die leider in dem Augenblick bedenklich geschwächt, ja
sogar manipulativ geändert wurden, indem der
psychoanalytisch (also analytisch-religiöse)
Bedeutungsrahmen auf das therapeutische Geschehen
draufgesetzt wurde. So z.B. bei der Tanztherapie, bei der
Musiktherapie, beim Katathymen Bilderleben oder auch in
den frühen Formulierungen der transpersonalen
Psychotherapie gut zu beobachten. Man kann mit
einiger Intelligenz alles und jedes psychoanalytisch
deuten. Man muss aber sehen, wohin man damit gerät. Denn
die Interpretation ist nicht das erste. Das erste ist die
unmittelbare Wahrnehmung. Die erste Interpretation ist
eigentlich nichts anderes als die sprachliche Fassung der
unmittelbaren Gestalt-Wahrnehmung. An dieser Stelle
ich mache jetzt einen grossen Sprung, der
wesentlich ist entscheidet sich gegenwärtig alles
in der Gestalttherapie. Wann immer Ihr folgendes sagen
werdet: Die erste Interpretation der Gestalt ist
unsicher, denn nach der Konstruktivismusthese ist es
völlig unentscheidbar, ob irgendetwas an Objektivität
im Grunde des Kosmos unserer Wahrnehmung entspricht Alles
entspricht lediglich dem Konsens der Gesellschaft über
den Kosmos. Man könnte auch sagen: Alles entspringt der
Weltbildung der reflektierenden Menschheit. Es gibt
keinen Schöpfer und es gibt keine Schöpfung ausser
unserer eigenen Selbstsetzung und Selbstentwicklung. Der
Zopf des Baron Münchhausen ist daher unser
aller Zopf, an dem wir uns aus dem Sumpf der
vormenschlichen Entwicklung herausziehen müssen....
! Wann immer Ihr also
derartige Thesen übernehmt und sie zur Basis Eures
therapeutischen Handeln macht, akzeptiert Ihr als Folge
den Zerfall der Grossgesellschaft Menschheit in kleine
Konsens-Inseln, die nach innen hin übereinstimmen, aber
nach aussen hin im Dissens sind, weil sie sich auf
keinerlei Grundwahrheit des Kosmos beziehen können. An
dieser Stelle entscheidet sich ob die Gestalttherapie
gründlich ruiniert wird oder nicht. Mit dem Slogan
Wir müssen zuallererst unsere wissenschaftlichen
Hausaufgaben machen beginnt der Prozess der
Übernahme derartiger konstruktivistischen Thesen. Eine
bloß zeitgeistige Wissenschaftsform fordert Euren
Tribut. Ihr bewegt Euch weg von den Phänomenen und hin
zu deren Analyse was Zerteilung heißt
und das endet nach einiger Zeit mit der
gänzlichen Zerstörung der Phänomene. Es erscheint
nichts mehr, weil nichts mehr unter der Bedingung der
selbstverursachten Gestaltzerstörung zu erscheinen
vermag. Wenn Ihr an zum
Beispiel an eine Psychosentherapie denkt, so seht Ihr
deutlich, wie sehr diese in sich kreisenden
Interpretations- und Analysephänomene den
intrapsychischen Prozess zu bestimmen und ins Destruktive
zu verzerren beginnen. Zuerst erkrankte schon der Patient
daran, dann der Therapeut in der Therapie und in der
Folge auch die Theoriebildung der Methode. Es ist mir
selbstverständlich ganz klar, dass man sich nicht so
ohne weiteres vom Zeitgeist der jeweiligen Gesellschaft
oder von der Mühe um die vernünftige Wissenschaft
verabschieden kann. Das ist ein Mühe, die genauso nötig
ist wie die des Geschirrabwaschens im Alltag. Aber es
muss uns klar sein, dass die Wissenschaft (für sich
genommen) den Menschen nicht heil und glücklich machen
kann. Dazu ist die Disziplin ihres Vorgehens viel zu
abstrakt, ihre Zielsetzung anders.. Unsere Patientinnen
und Patienten wollen etwas heiler, also etwas
glücklicher werden. Weil sie irritiert und verrückt
geworden sind. Dazu benötigen sie viel mehr die
inhaltlich konkrete Unterstützung (Support) und viel
weniger die abstrakte wissenschaftliche Sichtweise. An
dieser Stelle der Überlegung waren wir zum Beispiel in
Österreich auch 1988 angelangt. Anlässlich einer
Diskussion im Rahmen der damaligen Gestaltsektion
zwischen Hilarion Petzold und mir, die auf Video
dokumentiert ist ich habe ein Band davon
hat Hilarion sinngemäß gemeint: Ihr müsst zuerst
die gesellschaftlichen Bedingungen der Wahrnehmung
studieren...... Ein nicht unlogischer Hinweis.
Aber wie immer man
die erfreulichen Seiten der gegenwärtigen
Auseinandersetzung um Gesellschaftsbedingungen sehen mag,
es bleibt auch das Phänomen der Metatheorie zu
beobachten, ja sogar der Meta-Meta-Meta-Theorie, die
immer weiter von der ursprünglichen Theorie wegrückt.
Man landet also in ganz kurzer Zeit bei einem
konstruktivistisch relevanten System und man gerät vor
die Frage, wohin man eigentlich in so kurzer Zeit
gekommen ist? Litaneiartig werden Verwicklungen zwischen
ausbeutenden gesellschaftlichen Strukturen und der
wirtschaftlichen Interessen aufgelistet. Kein uns
bekannter Name eines Weltkonzerns samt Untergruppierungen
fehlt. Alle Firmen-Logos, die in unseren
Großkaufhäusern zur täglichen Bedarfsdeckung eine
Rolle spielen, sind dort versammelt. Nichts Heiles und
Positives bleibt am Ende mehr übrig und eigentlich fragt
man sich, warum die Welt nicht überhaupt schon längst
untergegangen ist. Eine plausible Erklärung für das
Überleben gibt es nicht, es sei denn, man kehrt zum
ursprünglichen Phänomen zurück. Und das ist diese
schreckliche Ausbeutung auf der Basis des noch viel
großartigeren Lebens, das sich im Phänomen der Gestalt
zeigt. Dieses ganze
Geschehen der Vereinnahmung der offensichtlichen
Positivität durch die leicht konstruierbare Negativität
wird durch die Gestalttherapie konterkariert. Die
ursprüngliche Ehrfurcht und der ursprüngliche Respekt
vor dem Phänomen, wie es sich zeigt, ist der Angelpunkt,
der einen Ausstieg aus dieser kreisenden
Interpretationsspirale bietet. Die Einfachheit der
Gestalt kann als naiv bezeichnet werden. Aber das ist
nicht die therapeutisch relevante Frage: Vielmehr muss man
sich grundsätzlich entscheiden, ob man dafür ist,
dass alle die geistigen und körperlichen Phänomene, vom
banalsten bis zum großartigsten: Tisch, Mikrofon,
hörende Menschen, Luft, die man gemeinsam atmet etc. Ob
es das alles gibt und ob man dafür ist, dass es das
gibt. Das geringste Bedauern in unserer Seele darüber,
dass alles rings um uns in einem Kreislauf der
Destruktion steht, banal und materiell ist, bringt uns in
einen Kreislauf, der krank macht. An dieser Stelle kann
man die psychotherapeutisch relevante Ethik sehen und
ansetzen. Es ergeben sich eigentlich zwei einfache
Fragen. Gehe ich in eine Richtung der generellen Bejahung
oder der generellen Verneinung? Die Bejahung führt zur
Existenz und Leben, die Verneinung führt ins Tötende. Man kann kein
Gestalttherapeut sein und das ist fast ein
Glaubensbekenntnis wenn man nicht aus ganzem
Herzen, mit allen Kräften des Leibes und der Seele
alles, was es gibt, wirklich bejaht. Diese Grundhaltung
ist ein ursprünglich religiöses Verhalten, so wie die
Antike (in ihren besten Vertretern. Plato, Vergil u.a.)
das Wort fromm oder religiös.
verstanden hat Ich erwähne als heute aktuelles Beispiel
dafür die Fernsehdokumentation Gestalttherapie -
Lore Perls. (Ihr habt das Video sicher schon
gesehen) Die dort vorgeführte Traumarbeit ist
eigentlich ein relativ fades Ding, denn dem wachen
Zuschauer ist schon bald klar, dass die von einer
Wohngemeinschaft verlassene Psychologin, Menschen sucht,
mit denen sie zusammenleben kann. Besonders wünscht sie
sich einen Freund. (No na! Dreimal darf man raten!) Nicht
so reagiert aber Lore Perls. Sie lässt sich den Traum
schildern und bei jeder Sequenz und jeder neuen Figur
sagt sie, mit ihren schon damals behinderten Augen auf
die Klientin blickend: Ja. Und wiederholt
immer wieder Ja und verwehrt sich den Satz
der alten lebenserfahren Therapeutin Na was wirst
du schon wollen, du junges Ding?. Sondern ist
erstaunt, dass es diesen Wunsch nach Menschen, besonders
einem Menschen, immer wieder so klar gibt. Hier seht Ihr
ganz genau die Frucht ihrer lebenslangen Bemühung am
Phänomen zu bleiben. Der Kommentar des Rundfunkreporters
am Ende der Traumarbeit ist läppisch: Durch diese
Therapie hat Lore Perls der Klientin zu einer Einsicht
verholfen! Diese Einsicht mag ja wirklich gekommen
sein, falls sie der Klientin fernegelegen war, aber vor
allem hat Lore Perls der jungen Psychologin eine Stunde
der konzentrierten Wahrnehmung ihrer Lebensexistenz
geschenkt. Witzig, verlegen, spielerisch, mit allen
Facetten ihrer Person begegnet sie dem Traum. Das ist
eine wirkliche Traumarbeit gewesen, nicht so ein
methodisches Etwas, das herbeigerufen wird, damit
man sich besser im Leben entscheiden kann. Wenn man also jenen entscheidenden Punkt,
von dem vorher zu handeln war - an den man entweder zur
wissenschaftlichen Arbeit wechseln kann oder aber bei dem
bleibt, was man existenzielle Betroffenheit der
Wahrnehmung genannt hat wenn man diesen
Punkt akzeptiert und zugunsten der persönlichen
Betroffenheit entscheidet, ist es sehr eindrucksvoll, was
nun mit der religiösen Qualität dieses Vorgangs wird. Man
müsste sie also wirklich finden, die Gestalttherapie,
wenn es sie nicht schon geben würde! Ich bin in der Folge zu der Ansicht
gekommen, dass man als Gestalttherapeut entweder ein
aufrichtiger Christ oder ein aufrichtiger Agnostiker sein
kann . Buddhistische oder stoische Wege lassen sich schon
viel schwerer mit Gestalttherapie vereinbaren Das betrifft besonders die Transpersonale
Psychotherapie. Es liegt mir wirklich fern die Arbeit von
Kolleginnen und Kollegen einfach vom Tisch zu wischen.
Aber es bleibt als Ausbildner für Gestalttherapie die
Frage, wie die transpersonale Psychotherapie mit
Gestalttherapie zusammenfinden kann. . Ich finde, sie
kann das nicht. Mein Grund dafür ist der große
analytische Anteil der Deutungen, wie sie Stanislav Groof
entwickelt hat, und die Art, wie er die Erzeugung der
inneren Bilderwelten bewerkstelligt: Mittels Suggestion,
mittels Musik und in der Startphase auch durch LSD.
Daraus wurde in der Praxis ein Auslöseverfahren zur
Umgehung des üblichen Widerstandes und zur Vertiefung
der köpertherapeutischen Sitzungen; eine Art stoischer
Religiosität mit Versatzstücken aus allen großen
Weltreligionen inklusive den antiken, ohne aber der
Ernsthaftigkeit dieser verschiedenen religiösen Wege
Genüge tun zu können. Es ging den Gründern der
Transpersonalen Psychotherapie zeitbedingt vor allem um
Abkürzungen zur religiösen Weiterentwicklung
(Erlösung, Erleuchtung) um
mittels einem Kombinationsverfahren der
wirkungsvollsten Methoden sich den religiösen Bereich,
nun sag ich einmal unter den Nagel zu
reissen. Ich finde dieses Vorgehen eigentlich
ausbeuterisch den großen Religionen gegenüber,
wenngleich das Ziel einer Aussöhnung der Religionen
untereinander notwendig und unbestritten bleibt. An dieser Stelle möchte ich auch einige
Bemerkungen zu Bert Hellingers systemischer
Familienaufstellung machen. Ich beziehe mich auf das
erste Drittel von Hellingers Arbeit mit Aufstellungen die
ich durchaus im positiven Sinne als eine Phase der
Gestalthaftigkeit des Aufstellungsphänomens sehe, der
Hellinger folgt. Dann aber setzte ein erstaunlicher Boom
ein, der dazu führte, dass man jedes Problem von Hund
und Katz bis Kosovo und Tschetschenien aufzustellen
begann. Von dort weg entwickelt mein alter Freund Bert
die Bewegungen der Seele und ersetzte die
Einsicht des Patienten durch seine eigene innere
inspirierte (?) Schau des Phänomens. Das führte dazu,
dass das dialogische Element, das für jede
Gestalttherapie grundlegend ist, zugunsten eines extrem
interpretatorischen Vorgehens eliminiert wurde.
Eigentlich muß man den aufstellenden Therapeuten lieben
um auch seiner Interpretation folgen zu können. Denn es
kann ja nicht anders sein: Dieser Aufsteller rückt in
die Nähe einer absoluten Prophetenfigur. Im ersten
Drittel von Bert Hellingers Arbeit war das nicht so. Dort
wurde sorgfältig erkundet, was die aufgestellten
Repräsentanten in ihrer Position erfahren haben. Jetzt
aber wird also diese Erfahrung glattwegs übersprungen
und der Therapeut macht aus seinen eigenen inneren
Bildern die wirklichen Interpretation, die er über die
Aufgestellten drüberstülpt. Als Ausbildner für
Gestalttherapie halte ich die Anwendung eines solchen
Verfahrens für nicht gut. Es widerspricht dem
ursprünglichen Gestaltansatz. Sätze wie, Bleib
bei deiner eigenen Wahrnehmung haben darin keinen
Platz mehr. Man müßte vielen Aufstellern sagen:
Maße dir nicht eine Position an, die dir nicht
zusteht. Weder bist du ein
Prophet noch ein Erzengel oder dergleichen! Du bist ein
schlichter Psychotherapeut, der sich irren kann, der
verantwortlich ist. der seine Vorgehensweise auch
argumentieren muß, der nicht einfach
sagen kann, er betreibe eigentliche keine Psychotherapie,
denn es sei eine Art Kunst die sich hier abspiele und ein
Künstler sei in unserer Gesellschaft praktisch durch
niemanden zu belangen.......... Bert Hellingers Videoeinspielungen sind sehr
ehrlich. Sie zeigen seine privilegierte, machtvolle,
freie Position. Ein Gestalttherapeut aber darf keinen
Guru machen und muß bei der Realität bleiben, wie sie
von Menschen erfahrbar ist. Dass die Verzauberung der
Realität möglich ist, zeigt die Geschichte der Magie,
die Geschichte der Ideologie, der Medien und auch die
Geschichte der Kunst. Für Gestalttherapeuten gilt der
Satz: Alles ist möglich in einer halluzinierenden Welt.
Was aber ist real wirklich? Das ist die entscheidende
Frage in der Psychotherapie. Deshalb müsste man sie neu finden, die
Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde. Das sind zwei
Beispiele für Irrwege. Vielleicht bin ich zu rigide. Ich
möchte aber nicht, dass diese Vorgänge innerhalb und
unter Gestalttherapie geführt werden. An
sich kann die sie aufgrund der basalen Gestalttheorie,
die tief und weit genug ist, mit jeder Methode arbeiten,
die ihre Grundannahmen akzeptiert.. Man kann mit Gestalt
therapeutisch alles machen ob jemand mit kreativen
Medien oder mit Fahrrädern, Filzstiften, Videos, Ton als
Medium arbeitet ist unerheblich. Man muss lediglich
begriffen haben, was Vordergrund, Hintergrund, Prägnanz,
Blockade und Fluss der Gestaltprozesse bedeutet. Man muss
sich dazu vor den Phänomenen in der Therapie tief
verneigen und darf sich um nichts in der Welt zum Herrn
des Geschehens machen. Sowie man sich zum Herrn des
Kosmos erklärt, kann man den Phänomenen nur mehr
usurpartorisch begegnen: Zerkleinern, zertrümmern,
analysieren, durch die Statistik einordnen oder sonst
irgendetwas... Ich möchte auch
noch ein paar Worte zu anderen Phänomenen sagen, die der
Gestalttherapie gefährlich werden können: Das ist in
allererster Linie einmal die Bürokratie: Österreich hat
damit eine besondere Erfahrung aus einem ganz einfachen
Grund, weil nämlich seit der aufklärerischen Reform des
Kaisers Josef II bürokratische Mechanismen und
Bürokraten (das sind Menschen, die durch sie berufsgeschädigt
sind) in den Praxen Hilfe suchen. Es ist eine Art
von Staatsklerus entstanden, der in seiner Identität
ebenso bedroht sind wie alle anderen klerusähnlichen
Stände. Jede Menge Einengung der Wahrheit, der Freiheit
und des Ausdruckes ist die krankmachende Bedingung.
Vielleicht liegt es auch daran, dass das alte von den
Griechen herkommende Kriterium Wahrheit, Güte,
Schönheit ausser Gebrauch gekommen ist. Man
braucht nur die Menschen ansehen, die einem begegnen:
Fehlt ihnen auch nur ein Kriterium dieser drei, dann sind
sie unstimmig und Verblendung beginnt um sich zu
greifen... Wenn ihr durch
Ministerien oder Pfarrkanzleien oder Politikerbüros
geht, könnt ihr sie haufenweise sehen. Es geht nicht
darum, dass man sich über diese Menschen erhebt, man
braucht sich ja nur selber in der Früh in den Spiegel
sehen und sich Rückmeldungen holen, dann hat man genug
mit sich zu tun.... .Aber es als Elend zu benennen und
eine Suche zu fordern, um herauszukommen aus dieser
Entwicklung, das ist der Gestalttherapie zu eigen. Man müsste sie wirklich neu finden, die
Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde. Es ist mir immer
aufgefallen, da ich ja lange Zeit Angehöriger einer
psychoanalytischen Vereinigung war (und sogar noch eine
in Linz mitbegründet habe), traue ich mir das zu sagen:
Wenn man bei Gestaltleuten sitzt, ist es erstens einmal
einigermassen bunt in etwa ist es auch heute noch
so und zweitens (vielleicht etwas naiv, weil ja
die multifaktorielle Wirklichkeit auf die prägnanten
reduziert wird!) irgendwie optimistisch der Stimmung
nach.. Wenn man in psychoanalytischen Vereinssitzungen
sich bewegt, so enden die leider nur allzu oft stereotyp:
Was wir da jetzt über den Klienten A gehört haben
ja was soll man da schon machen ? wir haben
ja jetzt unter uns dasselbe erlebt, was wir schon anhand
des Klienten besprochen haben. Mein eigener
Abschied aus einem Arbeitskreis hat sich ganz ähnlich
vollzogen: Du meinst vielleicht, sagte jemand
wir sitzen alle im falschen Dampfer und schauen
schlecht aus? Damit hatte er recht gehabt. Ich
sagte daher zu ihm: Das ist der Fall! Er war
etwas schockiert. Und sagte dann: Weißt du, für
uns ist wichtig, dass es den vor allem den Patienten gut
geht! Eine simple Sackgasse, die jeder durchschauen
kann. Das alles, um aus
diesem Brei der zirkulären Gefangenschaft, die irgendwie
begründbar und sogar staatlich abgestempelt sind,
herauszukommen, war der ursprünglich Motor der
Gestalttherapie. Er sollte es bleiben. Man müsste sie
schon allein deswegen finden, die Gestalttherapie, wenn
es sie nicht schon geben würde! Um zu einem Schluss
zu kommen: Ich habe den Hauptteil meiner beruflichen
Arbeit hinter mich gebracht. Ich bin in Pension und das
ist eine ziemliche Freiheitstrompete, die zu tönen
beginnt. Ihr aber steht in der Hauptphase Eurer Arbeit.
Das Ministerium wird Euch reglementieren, nicht weil es
böse ist, sondern weil es Juristen angestellt hat und
diese benötigen Arbeit. Obendrein ist das Unglück
passiert, dass einige Juristen auch noch ein
therapeutische Ausbildung begonnen haben, dort wo es am
allereinfachsten geht, wo man eben ohne allzu grosses
existentielles Trara schnell durch ist und das beginnt
Früchte zu zeigen. Ich selbst hatte mich noch
amtlicherseits mit dem Ansinnen auseinanderzusetzen, es
müsse doch möglich sein, dass man jeden Klienten oder
jede Klientin dahingehend berät, welcher Kollege am
ehestens mit der jeweilig auftretenden Symptomatik
vertraut ist und welche Methode am schnellsten dabei
helfen könnte. Daraus ergibt sich für jeden Patienten
ein Therapieplan, nach dem vorzugehen ist. Das muss man
sich einmal vorstellen. Was wirklich schauerlich war, war
die Tatsache, dass das nicht sofort zurückgewiesen
wurde, sondern dass wir rund ein Stunde lang darüber
diskutieren mussten, bis zu guter letzt Raoul Schindler
sagte: So ein Verfahren können wir weder gut
heissen noch redlicherweise zusagen! Es wäre ein glatte
Lüge, weil niemand von uns trotz mancher fachärztlicher
Zusatzqualifikationen in der Lage ist, es
durchzuführen! Ich sage nochmals, das alles ist
nicht böse. Ich treffe gelegentlich auf meinem Büroweg
Ministerialbeamte und wir sprechen sehr nett miteinander:
Wie geht es Ihnen denn? Und was machen denn
Ihre Kinder? Das freut mich alles sehr, aber es
ändert nichts daran, dass die bürokratische Schlinge
sich über uns zuzieht. Wenn Ihr also die
Gestalttherapie wissenschaftlich und staatlich anerkannt
betreiben wollt, glaube ich, müsst Ihr Euch splitten:
Ihr müsst das Spiel mitspielen, weil Ihr sonst glattwegs
ins Out gedrückt werdet, aber Ihr müsst wissen, dass
die wirkliche Gestalttherapie mehr in
Privatarbeitskreisen oder Privatinstituten eine Chance
hat, denn in öffentlich kontrollierten Einrichtungen.
Das ist nicht nur meine Meinung, sondern auch diejenige
meines grossen Lehrers Igor A. Caruso gewesen, der in
einer erregten Diskussion gesagt hat: Lassen Sie
die Hände weg vom Psychotherapiegesetz, machen sie kein
Psychologengesetz und schaffen Sie das Ärztegesetz
ab. Als ordentlicher Universitätsprofessor für
Psychologie in Salzburg musste er wohl wissen, wovon er
sprach. Ganz ähnlich äußerste sich auch Hans Strotzka
anlässlich einer Besprechung im Bundeskanzleramt zum
damals drohenden Psychologengesetz erster Fassung:
Herr Picker, sie machen sich da so stark
glauben Sie, dass nach Gesetzwerdung es noch eine
Psychoanalyse, eine wirkliche Psychotherapie auf den
Universitäten geben wird? Natürlich könnte man
sagen: Da hat jemand immer noch nicht begriffen,
wie die Welt lauft! Aber es ist nicht so! Es haben
Menschen, die in ihrer internationalen Bedeutung wirklich
gross zu nennen waren genau dieselbe Einsicht geäussert.
Nur ohne jede Möglichkeit Mehrheiten für sie zu finden. Man müsste sie deshalb dringend finden, die Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon geben würde! Ich warne Euch
also: Ihr könnt den bürokratischen Zwängen nicht
entgehen. Ihr müsst Euch irgendwie mit ihnen anfreunden.
Das ist auch meine Logik gewesen. Weil ein Gesetz nicht
zu verhindern war, habe ich mich für ein
Psychotherapiegesetz eingesetzt. Aber Ihr sollt wissen:
Das alles hat mit Gestalt im ursprünglichen Sinne nicht
mehr viel zu tun. Die tiefe Erschütterung, ein Mensch zu
sein, der Welt und dem Kosmos zu begegnen, diese
Erschütterung, die uns dazu bringt, Gesundheit nicht als
luxuriöse Ware anzusehen, Depressionen und andere
psychischen Krankheiten als wirkliches Elend zu sehen,
und nicht nur als etwas, was man halt medikamentös
verwalten muss. [6], die gehört zu
jeder realen Therapie und vor allem zur Gestalt. Ich komme jetzt zum
Schluss. Wenn man sich das
alles überlegt, dann kann man noch hinzufügen: Wenn es
für Gestalttherapie eine Spiritualität geben muss
das fordern unsere Patienten wie auch wir selbst,
wenn wir an unsere Grenzen kommen dann kann das
nur eine Spiritualität sein, die vollkommen
einverstanden damit ist, dass es einen Kosmos, eine
Schöpfung gibt. Es kann und darf keine Spiritualität
sein, die in ihrer Tiefe bedauert dass es Frauen, Erotik
und Sexualität gibt. Wer immer entsprechend denkt und zu
empfinden versucht und es gibt eine Menge
Spiritualitäten dieser Art[7] - steht vor einer
Entscheidung. Auch wenn mönchisch-östliche Abwertung
der Schöpfung in gewisser Weise modisch ist: Der Dalai-
Lama in Ehren!, aber entweder man ändert die jede
Materie abwertenden Grundeinstellungen des Buddhismus,
oder dieser ist für die Psychotherapie nicht gut. Wer in
der Mitte des sich drehenden Weltenrades sitzend
meditiert und dabei zusieht, wie es auf der Peripherie in
Leid und Freude auf und ab geht, der mag ein guter
Buddhist sein, ist aber ein schlechter
Gestalttherapeut. Dort also, an der Aussenseite des Rades
ist der Gestalttherapeut interessiert. Dort wo Menschen
geboren werden, sich freuen, sich verlieben, sich
verlieren, leiden, in Schuldigkeit und Grossartigkeit ihr
Leben zu führen versuchen, dort ist der Aufenthaltsort
der Gestalt. Denn dort gibt es die Bildung der Gestalten,
ihre Blockierung, ihre Unterstützung, ihr Vergehen und
ihre vielfältige neue Bildung. Es gibt für diesen
Topos[8] eine stimmige
Spiritualität. Das ist eigentlich die christliche.
(Natürlich führen wir alle unsere Kirchentraumata im
Gepäck mit. Klar ist auch, dass der Vatikan wie auch der
Weltkirchenrat keinen besonders anziehenden Eindruck
macht (für Historiker ausgenommen), das ändert aber
überhaupt nichts daran, dass die christliche
Spiritualität die einzige ist, die sich im positiven
Sinne mit dem Auf und Ab der Alltäglichkeiten einlässt,
dass sie sich grundsätzlich nicht mit Kain, dem
tüchtigen Killer, identifiziert, sondern mit Abel, dem
Opfer der Gewalttat.[9] Oder man wählt und
hat die Tapferkeit zu sagen: Ich weiss überhaupt
nichts zu den Menschenschicksalen zu sagen. Aber als
Therapeut weiss ich, dass es gut ist, dass es überhaupt
etwas gibt. Das wäre in Kurzfassung der Standpunkt
der Agnostiker[10]. Vermutlich war er
auch derjenige Freuds und Fritz Perls. Ein sehr ehrlicher
und stimmiger Standpunkt, den zahlreiche Therapeuten und
Therapeutinnen teilen. Ich möchte zum
Schluss Euch auch noch warnen, das Ergebnis von
historischen Forschungen zur Lebensmarkierung zu nehmen.
Es ist ziemlich unerheblich, ob Perls oder Freud oder
sonst jemand ein guter oder ein schlechter Mensch gewesen
ist um sein Lebenswerk zu würdigen. Es ist ebenso
unerheblich, ob Mozart ein fäkalisierender
Herumhupfer war oder nur ein Geldverschwender. Es
hängt nicht an dem. Sondern es hängt alles daran, wie
ihr persönlich der Gestalttherapie begegnet seid, und
was Ihr aus dieser Begegnung macht, was Ihr aus der Tiefe
macht, die diese Therapie vermittelt. Diese hier genannte
Tiefe ist nicht diejenige der autonomen
Körperreaktionen im köpertherapeutischen
Tiefungsschema. Die menschliche Tiefe, die hier gemeint
ist, könnte Ihr bei Martin Buber, Gabriel Marcel, Romano
Guardini, Ferdinand Ebner.[11] beschrieben und
bedacht finden. Ich mache noch eine
ganz kleine Anmerkung zum guten Ende: Es war schlecht
für die humanistischen Psychotherapien insgesamt, dass
die Missbrauchsdebatte zu einer erheblichen
Beeinträchtigung der Körperpsychotherapie geführt hat.
Weil körperliche Berührung juridisch riskant geworden
ist. Es kann keine wirklich juridisch unbedrohte
Körpertherapie mehr geben. Das ist ein Ausweichen von
einer verdammt notwendigen Haltungskorrektur auf eine
juridische Ebene. Wenn Ihr das innerhalb Eurer
Lebensspanne wiederum überwinden könntet, wäre viel
gewonnen. Ich stelle mir das sehr schwierig vor und es
braucht sicher einen längeren Zeitraum. Jedenfalls ist
ein Psychotherapie mit Rechtsanwalt und Gericht im
Hintergrund keine Psychotherapie. Eine
reine Psychotherapie, die glaubt, dass
körperliche Berührung schlechter ist als Worte, ist
keine. Psychotherapie. Eine, die Erotik einfach
ausblendet, ist auch keine. Eine, die den Missbrauch mit
schlechten Argumenten abzustellen versucht, ist aber auch
nicht. Es ist richtig,
dass eine erotisch-sexuelle Beziehung nicht mit
Psychotherapie einhergehen kann. Es geht einfach nicht.
Das stimmt. Entscheidend aber ist der Grund: Es geht
nicht, weil die erotische Beziehung qualitativ auf einer
anderen Ebene, oftmals sogar über der der Psychotherapie
steht und nicht darunter. Wir müssen zugeben, dass wir
in korrekter therapeutischer Arbeit für Patienten
weniger tun können, als in menschlich-erotischer
Beziehung möglich wäre. Aber das macht ja gar nichts.
Es ist ja auch das Etwas Weniger etwas
ausgezeichnet Gutes. Ich möchte also
warnen, diese Perspektive nicht zu sehen, nur weil sie
zur therapeutischen Bescheidenheit mahnt.[12] Ich ziehe die Summe
meiner Überlegungen und bleibe dabei: Man hätte sie finden müssen, die
Gestalttherapie, wenn es sie nicht schon gegeben hätte.
Denn sie ist in ihrer plausiblen Schlichtheit eine
wirklich gute Therapie. [13]. Ich schliesse mit zwei Sätzen: Was ich hatte, das
habe ich und hätte ich Euch gerne weiter gegeben. Was ich nicht
hatte, das konnte ich Euch nicht geben.^ Ich danke für Eure
Aufmerksamkeit. .
[1] Österreichischer Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik [2] (die zu den ersten Ausbildungsgruppen des Gestalt propagierenden FPI-Düsseldorf-Mainz und des in Österreich gleich aktiven IGWürzburg gehörten) [3] durch Hans Strotzka, Raoul Schindler und Stefan Rudasch [4] Nach dem Zielparagraphen des Österreichischen Psychotherapiegesetzes von 1990 [5] Davon sprachen z.B auch einige Referenten (wie z.B.Reinhard Fuhr) auf dem Gestaltkongress in Cambridge . [6] Ich vergleiche das oft auch mit dem Schicksal der Kirche. Der Historiker Loisy hat schon um 1900 gesagt: Beachten Sie: Gepredigt wurde das Reich Gottes und was dabei herausgekommen ist dabei die römisch-katholische Kirche! [7] Also alle, die davon leben, dass der Geist gut und die Materie schlecht ist [8] Griechisch-philosophischer Fachausdruck für den stimmigen, gesollten Ort der Anwesenheit. [9] Vgl den biblischen Bericht in 1 Mos 4 . [10] zu Deutsch: Nichtwisser [11] Wesentliche Entdecker und Vertreter der dialogischen Philosophie, die interessanterweise im selben Zeitraum (ab 1920 etwa) unabhängig voneinander das Ich und Du formuliert und bedacht haben. [12] Selbstverständlich ist jeder Missbrauch mit Recht gesetzlich verboten und therapeutisch etwas übles. [13] Eines Tages wird sicher auch Herr Grawe ein neues Buch schreiben, indem diese Sätze stehen könnten |
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