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          IDEOLOGEN UND EIN KARDINAL

Die Aufregung um Kardinal Schönborns Artikel in  der NewYork Times wird sich nicht so rasch legen. Das Problem der Weltentstehung wird ja schon seit 2500 Jahren diskutiert; ist also ziemlich alt. Der Kardinal verdeutlichte, was die Christenheit schon immer dazu zu sagen und zu glauben hatte – und auf einmal gibt es weltweite Aufregung! Warum?

Eine Ursache liegt im Fundamentalismus  von Bibelfanatikern.  „Es steht im Buch! Vernunft hin oder her!“ Fundamentalismen sind eine gefährliche emotionale Pest, ihr Carcinom endet zuletzt im Terror.

Eine zweite Ursache liegt bei Charles Darwin. Als er 1859 „Über die „Entstehung der Arten“ schrieb, handelte  er zwangsläufig auch über sich selbst. Man könnte  deshalb gleich direkt auf den zugrunde liegenden  Punkt zusteuern. Der lautet:

Was ist jemandes Interesse zu sagen: „Es gibt einen Gott“ und was ist das Interesse zu sagen: „Es gibt keinen Gott?“ Und wie kann jemand die Welt und sich selbst alleine, ohne Gott, aushalten?

Möglicherweise spielt dieses Interesse die treibende Rolle bei  der unübersehbaren Häme, die sich über den Kardinal ergiesst? Man nennt ihn einen Irrläufer der Evolution, die er hinterfragt, man habe „sogar 30 Jahre lang geforscht und nichts Göttliches gefunden“ – lässt man ihn wissen.(Man erinnert sich: Gagarin ist mit dem Sputnik ins All geflogen und hat dort „keinerlei Gott gesehen“, wie er nach geglückter Rückkehr sagte.)

 Hat die Ideologie ihre Adresse geändert und ist zur Wissenschaft hin übersiedelt? Woher kommt die  Begeisterung für  Sätze wie: “Nur der Fitteste überlebt“ oder  „die Evolution ist eine blindwütige Würfelei, das Ergebnis von Katastrophen und verworfenen Fehlkonstruktionen“? Vielleicht steuert die Macht dieser Agitation unsere Augen, vielleicht sperrt sie uns den Zugang zur Nachdenklichkeit der Tradition?

 Müssen sich Eltern behinderter Kinder angesichts dieser Weltdeutungen nicht  zur Bibel flüchten, die sich von Anfang an auf die Seite der „Unfittesten“ – also der Opfer mörderischer Gewalt (Abel, die Propheten, Jesus, die Mühseligen und Beladenen..) stellt?

Welches Interesse verfolgen jene, die „Gott“ für einen  schauerlichen Regenten der Welt halten durchaus von Menschen erfunden, aber von  Freiheit und Verantwortung logischerweise  wenig hören lassen … Fragen über Fragen.

Vielleicht hilft Martin Buber – jüdischer Philosoph aus Jerusalem weiter: „Wenn ich wissenschaftlich denke, kann ich den Gott nicht finden, der zu mir „Du“ sagt.“. Oder Boethius – römischer Philosoph aus dem  Kerker:  „Wenn es einen Gott gibt, woher dann das Leid? Wenn es keinen Gott gibt – woher dann das Glück?“

Oder noch existentieller: Es kommt sehr auf die Augen an, mit denen jemand „die Fakten“ der Welt – vom eigenen Lebenslauf bis zur Evolution – zu lesen vermag. 

Und da wir alle einvernehmlich den Planeten versaut haben: Wie können wir es überhaupt wagen, nach seinem ursprungslosen Ursprung zu greifen?

                           
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