HOME AKTUELL SCHWERPUNKTE PROJEKTE PUBLIKATIONEN BIOGRAPHIE LINKS KONTAKT
                                       
                                       
         

DIE NAPOLA – EINWEISUNG IN DIE MYTHOLOGIE DES WELTTERRORS:

(Der Text zum Symposion enstammt meinem Buch „Zusammenrottungen“ - Gefahren aus Dämonie, Ideologie, Religion erschienen 2002 im Va - Bene Verlag Wien - Klosterneuburg)

DIE PLANMÄSSIGE BÜNDELUNG VON ZUSAMMENROTTUNGEN ZWECKS POLITISCHER MORDTATEN

Ein Beispiel für unzählige:

DIE NAPOLA - HITLERS NATIONALPOLITISCHE ERZIEHUNGSANSTALTEN 

Das Thema und seine Bearbeitung verlangt zwei Vorbemerkungen:

Einmal: Die National-Politische Erziehungsanstalt (Napola) war (in Anlehnung an die Tradition der kaiserlichen Kadettenschulen) als Ausbildungsstätte für die zukünftigen Eliten des Nationalsozialistischen Staates konzipiert Ab 1944 unterstanden die Napolas praktisch der SS Reichsführung.

Neben ihnen entwickelten sich die „Adolf-Hitler-Schulen“ aufgrund der Initiativen der SA. Die „Ordensburgen“ und die „Reichsschule Feldafing“ waren als höchste Parteischulen der NSDAP gedacht. 1944 gab es ausserhalb des „Altreiches“ (also in der Ostmark, dem heutigen Österreich und anderen angeschlossenen Gebieten) dreizehn Napolas. Insgesamt bestanden zu Kriegsende etwa 40 Napolas im Bereich des Deutschen Reiches. Eine einzige davon war für Mädchen vorgesehen.

Die Napola Traiskirchen in der Nähe Wiens wird als Beispiel für die Dynamik dieser pädagogisch-militärischen Institution genommen. [1]

Dann noch: Das Geschehen in einer Napola entzieht sich heute jeder direkten gruppentherapeutischen Beobachtung und Erschliessung, denn mit Kriegsende 1945 war dieser Typus einer nationalsozialistischen Elite-Schule beendet Die Erzieher und die Zöglinge (in der Anstalt „Jungmänner“ genannt) sind sehr oft bereits verstorben oder bereits im Pensionsalter Zum Verständnis des folgenden Gruppenprozesses muss man auch wissen, dass die Napola unter Berufung auf Hitlers Erziehungsvorstellungen gegründet wurde und deren strengste Einhaltung sicherstellen sollte. [2]Schon 1925 publizierte Hitler seine Vorstellung in „Mein Kampf“: „Die gesamte Erziehungsarbeit (sei) in erster Linie nicht auf das Einpumpen blossen Wissens einzustellen sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. Hier aber wieder an der Spitze die Entwicklung des Charakters besonders die Förderung der Willens- und Entschlusskraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit und erst als letztes die wissenschaftliche Schulung.“ Was der heldische Soldat im Krieg sein würde, das bereitete nach Hitlers Vorstellung die Leibesübung und besonders Boxen als Kampfsport schon in der Jugend vor. Er wollte kriegstaugliche Charaktereigenschaften haben wie

Treue bis in den Tod,

vollkommene Opferwilligkeit und

bedingungsloser Gehorsam. Der gesamte Ausbildungsrahmen sollte beim Schüler ein Herrenbewusstsein entwickeln.

Im Anstaltsleben sollten die Schüler in „Züge“ ident mit Klassen in „Hundertschaften“ (ident mit den Kompanien der Kadettenanstalten) eingeteilt leben. Dem „Zugführer“ (ident mit Klassenvorstand) waren die jeweiligen Jungmann-Zugführer unterstellt. Alles äusserliche Zeichen für die militärische Durchstrukturierung des gesamten Internatslebens. Allmählich gewann der Reichsführer SS Heinrich Himmler Interesse und Einfluss über das pädagogische Geschehen.

Im Vergleich mit der etwas später konzipierten „Adolf-Hitler-Schule“ und der „Ordensburg“ ist die Napola die weitaus grössere und bedeutendere Gruppierung geblieben.

Das Phänomen der Napola erschliesst sich gut entlang konkreter Schilderungen des Alltages.

Beginnen wir bei der Frage: Wie kam man in eine Napola? Folgen wir dem Bericht eines Zöglings.[3]Lassen wir uns dabei von den Strophen typischer Napola-Lieder führen

„Nun lasst die Fahnen fliegen

in das grosse Morgenrot

das uns zu neuen Siegen leuchtet oder brennt zum Tod!“ .[4]

Ein Jungmann berichtet: „Eines Tages erschien ein Dr. Drexel. in der Uniform eines „Politischen Leiters“ mit dem Ehrendolch an der Seite und einigen politischen Funktionären als Begleitung in unserer Volksschule und holte mich in das Lehrerzimmer. Ich wurde einer Vor-Auswahl unterzogen, deren Kernpunkt eine Mutprobe war. Es ging darum, sich in aufrechter, gestreckter Haltung vornüber auf den Boden fallen zu lassen und erst im aller-, allerletzten Augenblick mit den Händen den Fall aufzufangen. Offenbar war ich mutig genug. Das war im Frühjahr 1942. Ich wurde, mit 600 anderen Volksschülern zur Aufnahmsprüfung in die Napola eingeladen oder besser: abkommandiert. Denn es bedurfte politischen Geschickes und einigen Mutes, sich dieser „Einladung“ zu widersetzen. Ich war plötzlich in eine Bahn geraten, auf der es kein leichtes Zurück mehr gab. Schnell war man drinnen – aber kam man wiederum heraus?

Die Aufnahmsprüfung

dauerte eine Woche und fand, so glaube ich im Juli 1942 statt. Sie erschloss wie in einem Panorama sofort die Anstalt und ihre Strukturen. Es war für alle 600 Kandidaten klar, dass es um die Ehre ausgewählt worden zu sein ging, die man verteidigen musste, und dass man -koste es, was es wolle, durchzukommen hatte“ Es ging hier wie immer um das „Morgenrot“ des Nationalsozialismus, „das uns zu neuen Siegen leuchtet oder brennt zum Tod“ wie der Liedtext sagt. Und wie sie fortan hundertemal im Jahr sangen.

Man kann die Struktur der NS-Pädagogik nur verstehen, wenn man sich die „emotionale Ladung“ des Geschehens verdeutlicht. Hinter jedem Bewerber wartete, so schien es, nicht nur die Heimatstadt, die Ortsgruppe der Partei oder das Fähnlein der HJ auf ein positives Ergebnis der Aufnahmsprüfung, sondern natürlich auch die Ehre der Eltern und ihre Absicht, ihrem Sohn eine glänzende Karriere nach erfolgtem Endsieg zu sichern, galt es zu bewahren. Und ganz ähnlich war es bei den „Kameraden“ (wie die Mitschüler zu nennen waren). Das zeigt sich auch daran, dass auf die intellektuellen Fächer, wie Mathematik, Heimatkunde etc. weit weniger Wert gelegt wurde als auf die Erziehung zur soldatischen heldenmütigen Charakterstruktur, auf die Eignung für das Fach Leibeserziehung und die „nordisch-germanische Rassenzugehörigkeit“.

Was letztere betrifft, so mussten alle Bewerber in langer Reihe nackt einzeln an einer gemischten Kommission aus Ärzten und Erziehern vorbeidefilieren. Im Behandlungsraum des Krankenpavillons sassen sie, den weissen Arztkittel über der Uniform und befanden über jeden einzelnen. So zum Beispiel: „Nordisch-dinarischer Mischtyp“. Der Langschädel hatte so manchen Bewerber ins „Nordische“ gerettet. das war ein notwendiger Gutpunkt. Ein „östlich-slawischer Kurzschädel“ wäre da viel schlechter gewesen. Familiennamen sollten auf –er enden, ein lupenreiner Ariernachweis musste selbstverständlich beigebracht worden sein. Unter der Hand erzählte man sich viele Geschichten von Nationalsozialisten, die plötzlich auf jüdische Vorfahren gestossen waren. Die Opfer dieser stillen Tragödien verschwanden eines Tages ohne jede Begründung. Es war üblich, dass immer wieder Menschen, die man gekannt hatte, „abgeholt“ worden waren und man wusste, dass es besser war, nicht allzu viele Fragen zu stellen. Das galt auch für Kameraden.

Also galt es vor allem, die Grundregeln des erwünschten Verhaltens schnell herauszufinden. Sie waren sehr oft informeller Natur. Man musste den Nationalsozialismus mehr spüren, denn laut Parteiprogramm wirklich intellektuell kennen. Sie lauteten im wesentlichen:

Grundregeln des erwünschten Napola-Verhaltens

Regel 1:

„Maul halten, wenn du nicht gefragt wirst!“ das war eine der eisernen Maximen schon bei der Aufnahmsprüfung und sie hielt die Jahre in der Napola an!

Bei Regelbruch trat die Drohung mit Disziplinarstrafen von der Aufnahme an in Kraft: „Freundchen, wenn Du erst einmal bei uns bist, wird dir der Übermut schon abgekauft! Darauf kannst Du Gift nehmen!“

Regel 2:

„Das Denken überlasse den Pferden! Die haben die grösseren Köpfe!“ Das war eine wirkungsvolle Aburteilungsformel für Intellektualität, und ein Hinweis auf die Gehorsamspflicht.

Das ergibt in Summe: Still sein – sich anpassen – nicht nachdenken! Das ist der richtige Weg zur NS-Treue! Sie wird dem Führer Adolf Hitler immer wieder versprochen - manchmal sogar feierlich geschworen.

Schon allein diese beiden emotionalen Steuerungsmechanismen der Napola führten zu einem Kadavergehorsam, der sich mit dem germanischen Treueideal verklärte! Man war nicht irgendein unkritischer Trottel, wenn man aufs Wort jedem höheren Dienstgrad gehorchte, sondern so etwas wie ein treuer Germane, ein Siegfried etwa oder ein Soldat an vorderster Front. Die Ideologie unterstütze rundum diese neue Interpretation menschlicher Unterwerfung. Denn in der Napola war das Gefühl der Demütigung überwunden das die „verjudeten Westmächte“ den Deutschen nach 1918 beim Schandfrieden von Versailles zugemutet hatten.

Die Zugehörigkeit zur Napola hatte demnach etwas Stolzes, Selbstbewusstes an sich. Es war wie das Wiederfinden einer uralten deutschen Tradition, das sie vermittelte. So hatte schon der junge Friedrich der Grosse seinem Vater, dem Soldatenkönig Friedrich I auch dann gehorcht, als dieser seinen besten Freund Katte wegen Ungehorsam öffentlich hinrichten liess, denn Katte hatte gegen den Befehl des Königs die Freundschaft mit seinem Sohn Friedrich aufrecht erhalten. Die Szene aus dem Film „Der alte und der junge König“ wurde im Anstaltskino vorgeführt und blieb gegenwärtig. So stark ist die Treue, so unerbittlich der Gehorsam,. So sicher der Heldentod. Wie das Lied auch weitersingt:

Denn mögen wir auch fallen – wie ein Dom steht unser Staat

Ein Volk hat hundert Ernten und geht hundertmal zur Saat.

Tief ist die Tragik des nordischen Menschen! In dieser Gestimmtheit sollte die Napola leben. Sie war der Hintergrund der erwünschten Gruppendynamik.

Einer Initiation gleich eröffnet sie das mythisch-heilige Geschehen:

Deutschland, sieh uns, wir weihen dir den Tod als kleinste Tat,

grüsst er einst unsre Reihen, werden wir die grosse Saat.

Die Zugehörigkeit war die grosse Frage der Aufnahmsprüfung.

Wer wird ausgewählt?

Einen Schockzustand löste für sehr viele Bewerber die Aufnahmsprüfung im Schwimmbad aus. Alle zusammen hatten splitternackt zu erscheinen. Jeder musste dort, ob Schwimmer oder Nichtschwimmer vom 1-Meter, 3-Meter und 5-Meterbrett ins tiefe Wasser springen. Dort schwammen „Kameraden des 8. Zuges“ (wie die Klasse zu bezeichnen war), die alle Badehosen trugen, was sie als etwas Höheres in der Versammlung der 600 Nackten hervorhob und zogen die Nichtschwimmer nach dem Sprung vom 5-Meterbrett an den Beckenrand, damit sie nicht „absoffen“. Wer nicht zu springen wagte, wurde postwendend nach Hause geschickt, was der befürchteten totalen Niederlage gleichkam. Denn der Führer, so hiess es, benötigt Jungen, die „zäh wie Leder, flink wie Windhunde und hart wie Kruppstahl“ wären. Unter dem Druck und Schub dieser Anforderung liefen alle beim Fünf-Kilometer-Dauerlauf wie um ihr Leben, denn Nur die ersten Zehn wurden besonders gewertet. Anschliessend musste man boxen und so wenig die meisten von uns ein Schwimmbad gekannt hatten, (wie viele Ortschaften hatten schon 1942 ein Schwimmbad?), sowenig kannten die meisten Bewerber Boxhandschuhe oder eine Sprunggrube bei der mindestens 2,70 an Weite „geschafft“ werden musste. Aber damit war es noch nicht genug. Man musste über die Hindernismauer in einer gestoppten Zeit klettern. (Diese war ungefähr 2,50 Meter hoch und aus Ziegeln gemauert.) War man einmal glücklich oben, musste man der Stoppuhr wegen rasch hinunter springen und über die darauf folgende Holzwand, die noch ein Stück höher war klettern und das alles einzeln wie auch in der Gruppe! (Wehe, wenn man diese durch eine schlechte Leistung um den Sieg brachte!)

Schon nach drei Tagen waren wir aus dem mitgebrachten familiären System durch Dauerstress und Erschöpfung herausgekippt. Das war der Anfang.

Die neue Identität.

Die Identitäten, die die meist zehnjährigen Kinder mitgebracht hatten waren solche, die sie von „Scheiss-Zivilisten“, also von ihren Eltern ererbt hatten. „Scheisse“ waren sie im Vergleich zur strahlenden, heldenhaften Gruppenidentität eines zukünftigen Jungmannes in der Napola, oder gar SS-Mannes. Das schien so klar und selbstverständlich wie nur! Deshalb hiess es immer wieder „Durchhalten!“ Nicht zurückfallen in den Status eines „Zivilisten“ (mit und ohne „Scheisse!“) das war eine durchaus ernste Drohung. Sie entsprach einer Maxime des Führers. „Denn“ spottete Adolf Hitler drohend „wir brauchen keine Kinder, keine Muttersöhnchen. Deswegen übernehmen wir sie mit 14 Jahren in die Hitlerjugend, dann mit 18 Jahren in den Arbeitsdienst, anschliessend in die Wehrmacht und wenn sie dann noch nicht geschliffen genug sind bei ihrer Heimkehr in den NSKK [5] oder einen anderen der Verbände der Partei. Nie wieder werden sie frei!“ schließt er triumphierend seine Rede [6]

Eine sehr harte Durchhalteprobe war die Prüfung im Geräteturnen. Sie testete den Siegeswillen bis zur Grenze des möglichen Zusammenbruches Obwohl 80% der Bewerber nie vorher einen Turnsaal betreten hatten (nochmals: Wie viele Schulen hatten 1942 bereits Turnsäle?) so wurde verlangt, dass jeder zehn Mal nacheinander auf die Kletterstangen hinauf und hinunter und anschliessend noch zehn Mal auf die Klettertaue hinauf und hinunter klettern musste. (Wer unvorsichtig war und dachte, er könnte einfach herunterrutschen um schneller zu sein, zog sich an Händen und Füssen Brandwunden zu, die alle folgenden Übungen vollends zu Qual machten) Immer ging es um den „Sieg über den inneren Schweinehund!“ und deshalb folgten flott weitere Übungen: Felgaufschwung, Felgumschwung, Grätsche und Hocke am Reck, Rolle, Grätsche, Flanke am Barren, am Bock und am Pferd und natürlich musste man sich dazu stundenlang diszipliniert in einer geordneten Reihe anstellen.

Der natürliche Impuls der Müdigkeit oder sogar Erschöpfung galt nicht. „Durchhalten“ war die Parole. Zivile Höflichkeiten wurden wegreglementiert: „Darf ich austreten, Herr Erzieher?“ war nicht die korrekte Frage. Man musste vortreten, „Haltung annehmen“ und mit lauter Stimme rufen „Bitte austreten zu dürfen“.

Diese militärischen Rituale (immer in der korrekten Haltung „Stillgestanden“ auszuführen) lagen wie eine Checkliste über dem Alltag. Es galt, sie perfekt zu erfüllen. Das war schwer. Man konnte deshalb jederzeit wegen eines Fehlers bestraft werden.

Die einstmals familiäre, private Welt der Kindheit vielleicht sogar mit Liebe, Herzlichkeit und Zärtlichkeit wurde immer unwirklicher. Die Paukenschläge der Anstaltsdisziplin standen im Vordergrund der Aufmerksamkeit aller und wohl auch der Pädagogen. Sie fragten sich – wenn überhaupt – nur im Stillen: „Wie war das eigentlich gewesen? Hatte irgendwann einmal die Grossmutter ihre Enkelkinder gestreichelt? War die Mutter ihnen durchs Haar gefahren, hatte je der Vater sie umarmt?“ Aber die Erinnerung daran gefährdete das Napola-System und konnte daher nicht zugelassen werden.

Gelegentlich erreichte das Verdrängte die Oberfläche des Bewusstseins und der Öffentlichkeit. Selbst in der Napola konnte die Anstaltsordnung nicht lückenlos funktionieren. Beim abendlichen Anstellen zum Duschen standen die Jungmannen daher im Waschraum mit nacktem Oberkörper hintereinander und streichelten einander den Rücken. Das war ein wunderbares Gefühl. Das Rückenstreicheln kam in Mode und verschwand aus unbekannter Ursache sehr bald wieder. Man müsste den Erzieher (in der Anstalt „Zugführer“ genannt) fragen, wie er diese „Verweichlichung“ derart elegant wieder abzustellen vermocht hatte? Denn es kam ja auf etwas ganz anderes an:

Drum lasst die Fahnen fliegen in das grosse Morgenrot,

das uns zu neuen Siegen leuchtet oder brennt zum Tod.

Wer da nicht mitmachen wollte, wurde bestraft. Aber wollte jemand wirklich nicht mitmachen? War es denkbar, gegen einen derartigen kanalisierten Sturm an Energie und Emotion Stand zu fassen? Auf jeden Fall kanalisierte die Strafregelung alle Napola-Schüler in die gewünschte Richtung! „Drum lasst die Fahnen fliegen!“

Strafen für abweichendes Verhalten

Je nach der Schwere der Verfehlung wurde folgendermassen bestraft:

Strafe 1:

Einen 50 m langen Schulgang entlang in der Hocke „Häschen Hüpfen“ oder

Strafe 2:

50 Liegestütze (ohne mit dem Bauch den Boden zu berühren natürlich) oder

Strafe 3:

„Zehn Runden um den Appellplatz“. Wenn man bedenkt, dass er geschottert war und (ausgenommen die damals strenge Winterzeit von November bis März) mit der Begründung: „Unsere Soldaten an der Ostfront brauchen Leder! Eure Fusssohlen heilen von selber!“ blossfüssig zu betreten war, so bleibt die Frage, wie das neun-- oder zehnjährige Buben alles verkraften konnten?.

Derlei Strafen gab es für alles und jedes, zum Beispiel wenn beim Appell an der Uniform ein Knopf, fehlte oder vom Mittagessen ein Suppenfleck zu sehen war. oder die Fingernägel dreckig waren.

Strafe 4:

„Exerzieren!“ Mehrmals wöchentlich stand es am Dienstplan. „Dienst“ hiess alles, was vor allem nachmittags zu geschehen hatte. Sehr oft war Strafexerzieren angesetzt. Viele ehemalige Napola-Zöglinge beteuern, sie könnten heute noch eine Parade einer deutschen oder österreichischen Heereseinheit korrekt mitmachen oder sogar kommandieren.

Strafe 5:

„Watschenkampf“

Hatte man einen guten Freund gefunden und mit diesem, zum Beispiel während der Flaggenhissung beim Morgenappells getratscht, so musste man vor angetretenem Zug mit diesem guten Freund den sogenannten „Watschenkampf“ ausführen Er bestand aus einer wechselseitigen Abohrfeigung. Diese endete erst, wenn einer der beiden zu weinen begann. Wohl dem,. der gut Theater spielen konnte!

Auch dafür gab es Liedstrophen Zum Beispiel:

Ich hatt einen Kameraden, einen bessern findst du nit.

Die Trommel schlug zum Streite, er ging an meiner Seite in gleichem Schritt und Tritt.[7]

Strafe 6:

„Salzergasse“

Es gab noch eine Steigerung, das war die sogenannte „Salzer-Gasse“ oder der „Spiessrutenlauf“. Der Zug hatte dabei in zwei Reihen einander zugewendet zu stehen, die Delinquenten mussten durch die Reihe laufen und erhielten von jedem Schläge auf den Rücken. Dieses Ritual stammt aus der Disziplin der preussischen Armee des 18.Jahrhunderts.

Wie auch das folgende Beispiel

Strafe 7:

„Decke!“

aus diesem Fundus kam: Der Tag hatte um 6 Uhr zu beginnen. Ein Pfeifsignal samt dem Ruf: „Guten Morgen! Aufstehen! In fünf Minuten antreten zum Morgensport!“ weckte die schlafenden Jungmannen. Schon lauerte das erste grosse Problem des Tages, denn Unpünktlichkeit und jegliche Unkorrektheit in Uniformierung oder Reinlichkeitspflege hatte Strafe zu Folge. Diese wurde meistens in der Form einer Zugsstrafe ausgesprochen, so dass der Delinquent anschliessend aus Zorn über die Zugsstrafe von allen zusätzlich geprügelt wurde (Man nannte das die „Decke“, die er am Abend eines solchen Tages von den erbosten Kameraden dabei übergezogen bekam.)

Strafe 8:

„Degradierung!“

Wenn sich ein beförderter Zögling, (man konnte zum Beispiel „Jungmann-Zugführer“ werden, bekam eine grüne Kordel – (Pfeiferlschnur) und musste also die eigenen Kameraden, durch den Tag kommandieren), wenn so jemand sich etwas zu schulden kommen liess, wurde er öffentlich degradiert. Es wurden ihm dabei vor aller Augen die Rangabzeichen von der Uniform gerissen. Er galt fortan als der Letzrangige im Zug.

So wurde durch Drill und Schliff die Anstalt auf ein Ziel zu bewegt, das ein Jungmann damals so umschrieben hatte: „Ich werde nach dem Endsieg zwar einen Beruf ergreifen, aber dann im Alter für Führer Volk und Vaterland in den Krieg ziehen und mein Leben als Held abschliessen.“ [8]

Will mir die Hand noch reichen, derweil ich eben lad.

„Kann dir die Hand nicht geben, bleib du im ew’gen Leben

mein guter Kamerad.

Die Vorstellung, dass man in einem gewöhnlichen Bett wie ein ganz normaler Mensch sterben könnte, war einfach inexistent! .Diese Aussagen führen uns zur Frage nach der Effizienz dieser Ordnung.

Die Effizienz dieser Anstaltsordnung

Dieses Erziehungssystem war erschreckend erfolgreich. So z.B. konnten sich viele ehemalige Zöglinge der Napola 50 Jahre später nur allmählich und in ganz kleinen Dosen an diese Umstände ihres Lebens erinnern Sie zogen es bei Klassentreffen ehemaliger Napola-Schüler vor zu schweigen oder irgendwelche lausbubenartigen Streiche zum besten zu geben die „trotz allem lustig gewesen“ wären. Das stille Idol einer besonders guten Schule schlug sich bei diesen Treffen auch darin nieder, dass einige Teilnehmer an die Republik herantreten wollten um in Traiskirchen wiederum eine Eliteschule zu errichten. Sie fanden, dass „unsere Ausbildner und unsere Lehrer die besten gewesen wären, die man sich nur denken könnte.“

Wahr daran war folgendes: Es gab einen grossartigen Aquarellisten und Kunsterzieher namens Sallak, der wie alle anderen die politische Leiteruniform trug, aber unter dem listigen Titel „Krieg“ die Schüler alles malen liess, was immer sie wollten. Sie mussten nur verstehen, alles und jedes auf das Thema „Krieg“ zu beziehen. Die Überschrift: „Der Vater kommt auf Fronturlaub und sitzt im Garten“ war ein derartiger Vorgang. In diesem Falle durften man Privates malen: Bäume, Blumen, friedliche Landschaften, den Vater als Zivilisten. Ansonsten ging es nur darum die Schlachten im Osten, die Einnahme von Dünkirchen und vor allem die siegreichen Vormärsche in alle Himmelsrichtungen zu malen.

Der Kunsterzieher Sallak. wäre auch heute noch als sehr guter Pädagoge anzusehen. Gerade aber an seinem Beispiel zeigt sich auch die unheimliche Vielgestaltigkeit der effizienten Anstaltsordnung samt Ideologie. Man sieht daran auch den schleichenden Prozess der Verfremdung, der alles durchdrang.

Neben dem Kunsterzieher Sallak gab sicher noch den einen oder anderen guten Lehrer – etwa in Mathematik Professor Jaworek. und natürlich die Riege der Sportlehrer – aber nichts berechtigt dazu, der heutigen Republik Österreich vorzuschlagen, eine „bewährte Eliteschule wie die Napola eine gewesen war“ vorzuschlagen. Vielmehr ist allein die Idee dazu ein Beweis für das hohe Ausmass der Indoktrination durch das effiziente pädagogische System in der Anstalt. Der Vorschlag ist völlig irreal. Das ist das Schreckliche daran.

Es gab noch einen zweiten, musischen Bereich in der Anstalt, der ein Beispiel für die Effizienz des Systems liefern kann: Er war repräsentiert durch die Singschar und den praktischen Musikunterricht (vor allem: Blockflöte, Trompete, Fanfare, kleine und grosse Landsknechtstrommel). Notgedrungen musste für die Blockflöte auch frühbarocke Musik, für die Singschar Volksliedsätze und Lieder der deutschen Jugendmusikbewegung (Hans Baumann, Georg Götsch, Werner Gneist, u.a..) herhalten. Für die Bläser und Trommler sollte Militärmusik von den mythischen „alten Germanen“ über Friedrich den Grossen bis zum Präsentiermarsch geübt werden. Man konnte sämtliche Marschlieder der Friederichianischen Armee

„Ich habe Lust im weiten Feld zu streiten mit dem Feind

wohl als ein tapfrer Kriegesheld der’s treu und ehrlich meint.

Wohlan die Fahne weht, wohl dem, der zu ihr steht!

Die Trommeln schlagen weit und breit: Frisch auf zum Streit! [9]

Man kannte auch die Marschlieder der Deutschen Wehrmacht mit allen Strophen, etwa den „Westerwald“ oder „Auf der Heide“. Natürlich kannte man auch die sogenannten „Lieder der Bewegung“. Etwa

Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit!

Reisst die Fahnen höher Kameraden!

Wir fühlen nahen unsere Zeit, die Zeit der jungen Soldaten!

Vorwärts marschieren mit sturmzerfetzten Fahnen

die toten Helden der jungen Nation,

und über uns die Heldenahnen, Deutschland ,Vaterland, wir kommen schon! [10]

Oder anlässlich von Feierstunden:

Lobet der Berge leuchtende Firne, rauschenden Wald und blinkenden Born!

Lobet das Meer im Glanz der Gestirne, lobet die Traube, das Erz und das Korn.

Lobet das Land darüber wir schreiten, hoch zu den Sternen die Stirne gewandt,

Lobt es in allen Ewigkeiten, Deutschland, du unserer Mütter Land! [11]

Dann gab es das schier unverzichtbare Lied

Deutschland heiliges Wort, du voll Unendlichkeit!

Über die Zeiten fort seist du gebenedeit!

Heilig sind deine Seen, heilig dein Wald

Und der Kranz deiner stillen Höhn,

bis an das grüne Meer! [12]

Bleibt nur noch der mit dem „Deutschland, Deutschland über alles“ [13] zusammen zu singende Gassenhauer der Nation zu erwähnen:

Die Fahne hoch! Die Reihen dicht geschlossen!

SA marschiert mit ruhig festem Schritt.

Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen, marschiern im Geist in unsren Reihen mit! [14]

Da ununterbrochen irgendjemand im Deutschen Reich marschierte, so marschierte auch in der Napola immer irgendein Zug. Folglich hatte man heiser gebrüllte Kehlen, weil fast jede Wegstrecke, die ein Zug von der Unterkunft in die Klassenräume zu bewältigen hatte im eben kommandierten Gleichschritt mit einem Lied zu geschehen hatte. Das gab beim Chorsingen Probleme mit den ausgeschrieenen Stimmen und einen Kampf zwischen den Wehr-Pädagogen und den Musischen Pädagogen. Sie kamen sehr oft aus der Tradition der Bündischen Jugendbewegungen. [15] Der grosse Staubsauger der Hitler-Pädagogik hatte sie allesamt aufgesogen und zusammen mit den kirchlichen Jugendbewegungen, den politischen und sportlichen zu einem Paket verfestigt, das ab jetzt „Hitlerjugend“ „Napola“, Adolf Hitler-Schule“ etc. hiess.

In der Napola war besonders Chorsingen und Instrumentalmusik ein Überlebensmittel. Man benötigte Flötisten zu „Fest und Feier“ und auch die Singschar war dazu wichtig. Vor allem gab es viele Singbewerbe, die von jedem „Bann“ (heute würde man sagen Bezirk) zu beschicken waren. Das bedeutete natürlich Ausgangszeiten aus der Anstalt, vielleicht auch bessere Verpflegung am Ort.

Es gab noch den wöchentlichen Heimabend, der von jedem Zug gestaltet werden musste. Weder Helden noch Ringkämpfer konnten das wirklich gut. Das war die Chance der körperlich Schwächeren jedes Zuges. Man versuchte sich als Gaukler, Spassmacher, Conferencier und Musiker. Ganz wie im Altertum. Neben der formellen Befehlshierarchie in der Anstalt gab es natürlich auch die informelle Ordnung.

Die informelle Hackordnung in den Zügen.

Die körperlich stärksten waren die Erstrangigen, die schwächsten waren die Letztrangigen (und wenn sie klug waren, vermieden sie Raufhändel miteinander um nicht klar zu machen, wer nun wirklich der Allerschwächste war) Diese Ordnung wurde pädagogisch akzeptiert, denn schliesslich konnte man in den wöchentlichen Filmvorführungen auch sehen, wie im deutschen Wald der Förster kranke oder missratene Bäum ausriss und nur gesunde akzeptierte.

Nach diesem Gesetz konnte sich jeder überlegen ob er sich zum gesunden neuen Menschen Adolf Hitlers weiterentwickeln wollte oder zurückfiel, ein Scheiss-Zivilist blieb oder gar in die Nähe so ehrloser Menschen wie Italiener und Franzosen oder feiger Menschen wie Tommys und Amis geraten wollte. Russen galten überhaupt als brüllende Unmenschen und Juden waren das Allerletzte. Gleichsam die lächerliche Quintessenz von allem was moralisch schlecht war. Ein schmieriger „Jud-Süss“ jedenfalls!

Durch diese Strukturierung entstand ein Terrorregime der Kraft und Gewalt, das aus dem schier unerschöpflichen Reservoir der Aggression schier unerschöpflich viel Energie beziehen konnte. Ein Teil davon wurde zum Dekor dieses pädagogischen Terrors verwendet, zur Verführung und Täuschung. Aufgewühlte Gefühle, Verdrängung und Faszination durch das Zwillingsduo Sieg und Tod

Wie konnten Zöglinge mit unteren Rängen auf der informellen Liste der Gruppen-Hierarchie überhaupt überleben? Dafür gab es eine naheliegende Lösungen:

Identifizierung mit dem Aggressor

Oder einen stillen, unauffälligen Widerstand aufbauen.

Das vermochte bestenfalls der eine oder andere Bauernsohn kraft seiner jahrhundertealten Familien-Tradition, die ihn möglicherweise zu stärken vermochte.

Wie gefährlich aber die Aufdeckung einer derartigen Oppositionshaltung war, zeigt das Beispiel eines Jungmannes, der zufällig entdeckt hatte, dass sein Vater befehlsgemäss jüdische Musik aus seinem Notenkasten entfernt hatte, nicht aber den Klavierauszug des Oratoriums „Elias“ von Mendelssohn-Bartholdy. Sein Kommentar lautete: „Das einzig Gute an der Kirche war die Musik“. Diesen Satz erzählte der Jungmann in seinem Zug weiter. Das löste gefährliches Befremden aus. Erschrocken schwieg er über Vaters Notenkasten fortan. Das war nicht selbstverständlich, denn die Denuntiation auch der Familienmitglieder war selbstverständlich, wenn der Endsieg es erforderte. Das unscheinbar wirkende Beispiel ist eines von vielleicht Hunderten, die jedes auf seine Weise die beeindruckende Kontrolle oppositionellen Verhaltens belegen.

Ein versuchter Aufstand und sein Ende.

Der Zug 2b war einer der ganz wenigen, die je einen Aufstand gegen dieses System versuchten.

Der Stamm-Erzieher des Zuges war wie fast alle anderen auch als Mitglied der SS an die Front kommandiert worden. Ein jüngerer, weicherer Erzieher aus Siebenbürgen sollte ihn ersetzen. Er gab dem informellen Zugsobersten, dem Alphatier sozusagen, eine Ohrfeige. Daraufhin beschlossen die Starken des Zuges eine Art Streik. Der Zug marschierte nicht im Gleichschritt, er sang nicht, wenn er singen sollte usw. Die Anstaltsleitung war überrascht und derart geschockt, dass praktisch jeden Tag ein anderer Führer einen flammenden Appell an den Zug richtete. Schliesslich griff man ein. Man kommandierte eines Abends um 10 Uhr überfallsartig „Zug 2b auf den Appellplatz!“ und spielte dann die

Strafe 8:

„Maskenball“. Die Regeln dafür waren bekannt: In jeweils fünf Minuten musste man die Bekleidung wechseln: „Sporttracht“ – „Winteruniform“ – „Ausgehuniform“ – „Sommeruniform“ – „Hausuniform“ – „Badehose“. Und natürlich war diese Uniformierungen streng genormt. Ebenso genormt war die Ordnung in den Spinden. Der Erzieher ging zu guter letzt durch die Stuben (wie die Zimmer genannt wurden) und stellte fest, dass in den Spinden keinerlei Ordnung nach Vorschrift war, (was natürlich zu erwarten war), kommandierte dann ein letztes Mal: „Winteruniform!“ sodann „Linksum! Im Gleichschritt marsch!“ So marschierte der aufsässige Zug 2b nun doch im Gleichschritt aus Traiskirchen hinaus, weiter im Gleichschritt über Tribuswinkel nach Baden Richtung Vöslau und über Pfaffstätten wieder zurück in die Anstalt. Ankunft: Vier Uhr früh. Dabei musste pausenlos gesungen werden. Natürlich hatten wegen der Eile viele Jungmänner des Zuges nicht einmal Socken in die Schuhe angezogen und daher an den Füssen über und über Blasen und Schwellungen aller Art. Das bedeutete das Ende des Streikversuches. Der Zug 2b war physisch und psychisch zusammengebrochen. Die Ordnung war wiederhergestellt. Die Kommandoreihe funktionierte klaglos. Der Versuch einer Identitätsbildung am Rande oder gar ausserhalb der Machtreihe der Anstalt funktionierte nie wieder.

Man könnte in dieser Art noch viele Beispiele nennen. Sie brächten aber nichts Neues sondern nur die immer neue Bestätigung des Systems: „Drill und Druck zum Hitlerschen Übermenschen hin!“ [16]

Wie war dieser immense Leistungsdruck auszuhalten?

In den ersten Zügen waren zu Schulbeginn in der Regel 40-50% Bettnässer festzustellen. Täglich in der Früh wurden ihre gelb befleckten Leintücher über die Matratzen zum Trocknen gespannt und öffentlich verlacht, ja es gab sogar einen gesonderten Schlafsaal für alle Bettnässer. Er stank ganz fürchterlich. Als besondere Schikane hatte man ihn mit Stockbetten versehen. Ein Bettnässer musste den anderen annässen! Eine Quelle der Demütigung, Beschämung und der Abscheu war dieser Saal. Die Übersiedlung dorthin stellte eine arge Demütigung dar.

Weiter: 70-80% der Jungmänner waren anfänglich von schwerem Heimweh geschüttelt. Die gesamte emotionale Vergewaltigung der Zehnjährigen suchte sich darin ihr Ventil. Aber: „Ein Mann weint nicht“! Und: „Denkt an unsere Soldaten, wie weit weg die von unsere Heimat sind („Heimat, deine Sterne...“ ertönte immer wieder im „Wunschkonzert“ des Deutschlandfunks.).

Diese beiden offensichtlichen Symptome sprengten das soldatisch-makellose Bild der Jungmannschaft beträchtlich. Man muss sich den heldischen Siegfried als Bettnässer vorstellen, oder den Panzergeneral Rommel mit Heimweh! Diese beiden Symptome sprengten nicht nur, sie kränkten geradezu das Idealbild der Napola!

Stimmung ist alles!

Deshalb musste die heldenhafte Stimmung immer wieder hergestellt werden. Dass natürlich „Les Preludes“ von Franz Liszt als Kennmelodie der täglichen Sondermeldungen des Oberkommandos der Wehrmacht und zahlreiche gespielte Wagner-Zitate (z.B. der „Walkürenritt“) oder auch aus Beethovens Eroica (der 2. Satz), aus seiner Schicksals Symphonie (der 1.Satz.), oder auch Bachs Toccata in D bei Feiern immer wieder ertönten, wird dadurch verständlich. Dazu kamen die „Lieder der Bewegung“: Vorneweg „Deutschland, Deutschland. über alles...!“ mit der wunderbaren Haydn-Melodie in der schauerlich-bombastischen Fassung für Blasmusik. Und „Die Fahne hoch!“ (auf die freche Melodie eines Berliner Gassenhauers zu singen). Blut- und opferbrünstig ertönte dann noch “Deutschland, heiliges Wort, du voll Unendlichkeit!“ oder zu Weihnachten das Kultlied: „Hohe Nacht der klaren Sterne“. Dazwischen zwitscherten Paul Linkes zahlreiche Schlagermelodien und die „Lilly Marlen“ über den Äther. In Summe eine schaurige Mischung aus Erotik und tödlicher Aggressivität.

Erziehung bedeutet Atmosphäre!

Dieses Mischungsverhältnis könnte man auch das faschistische nennen, weil es weit über das biologisch Verständliche hinaus einen mörderisch-aggressiven Anteil in sich enthält. Es prägte auch diejenigen Teile des Alltages, die durchaus heimatlicher, privater hätten sein können.

So z.B. wenn im Feierraum bei Weihnachtsfeiern in der ersten Reihe holzgeschnitzte Eichenstühle mit dem deutschen Kreuz als Lehne und dem Namen eines bereits an der Front gefallenen Jungmannes aufgestellt waren. Gegen Kriegsende standen schon 13 Stühle dort, denn ab dem sechsten Zug wurden die so gut ausgebildeten Jungmänner als Flackhelfer oder Meldegänger bereits zum Fronteinsatz herangezogen. Die Anstalt hatte praktisch nur mehr fünf Züge.

Tragisch war auch, dass ab dem fünften Zug statt der privaten Kleidung für Konzertbesuche die Uniform eines Politischen Leiters öffentlich getragen werden durfte. (Dazu gehörte ein Ehrendolch, an der Seite zu tragen mit eingravierter Inschrift „Mehr sein als scheinen!“) Tragisch wirkte sich damit verbunden auch die tätowierte Kennziffer plus Blutgruppe am linken Oberarm aus. (Der stete Zugriff der SS auf die Napola wurde spürbar.) Die Alliierten hielten grossgewachsene Sechstklassler daraufhin für aktive SS-Leute, was nach Kriegsende schwere Folgen für sie hatte. Denn in Wirklichkeit lebte die Anstalt in einer Art von pubertären Halbtrance-Zustand mit öffentlichem Charakter sozusagen. Das bedeutete: Niemand kannte die Frontverläufe des Krieges verlässlich, niemand wusste von Judenverfolgungen oder Verhaftungen politischer Gegner offiziell oder aus eigenem Augenschein. Es kam auf die Stimmung an. Auch auf die stets entfachte heldisch-nationale Emotion. Lupenreines Parteibewusstsein war die Folge davon. Es prägte das Anstaltsbewusstsein.

Dazu gehörte auch die virtuelle Propagandawelt des Dr. Josef Goebbels und der „Mythos des 20. Jahrhunderts“ des Alfons Rosenberg! Anstelle privater Träumereien.

Die Bibel der Napola aber war „Mein Kampf“ von Adolf Hitler. Er war der Führer und seine Wahrheit war die Wahrheit des Volksganzen.

Wohin aber ist die Erotik gekommen ?

Könnte man spätestens an dieser Stelle fragen. Programmgemäss war sie vor allem zur Zeugung heldischer Nachkommen bestimmt und hatte daher auf spätere Fronturlaube zu warten. Daher galt es schon als erotisch sensationell, bei einem HJ Treffen im Bann 512 (Baden bei Wien) die Singschar des BDM (Abkürzung für Bund Deutscher Mädchen) zu sehen. Die Singscharleiterin war eine BDM-Führerin mit glockenheller Stimme und einer hübschen Figur. Sie sang mit ihren Mädchen aus Mozarts „Zauberflöte“ das Knabenterzett: „Bald prangt den Morgen zu verkünden“. So etwas war stimmungsmässig neu, ja geradezu unerhört!

Noch ärger kam es für die Anstalt, als die Singschar (in voller Uniform natürlich) nach Wien ins Palais Lobkowitz zum Vortrag altdeutscher Liebeslieder abkommandiert wurde („Ännchen von Tharau, ist’s, die mir gefällt...“). Anschliessend gab die schöne Singleiterin vom Bann 512 mit zwei blonden HJ–Jungen in Rokokotracht das Bandlterzett von Mozart zum besten: „Liebes Mandl, wo is’ Bandl? Drin im Zimmer ruht’s mit Schimmer!“ Unerhört diese private Rokoko-Stimmung!

Bei der Heimfahrt von Wien nach Traiskirchen - an unzähligen Bombenruinen vorbei - erfasste die Singschar der Anstalt ein wehmutiges Gefühl: Die Jungmädchen aus Baden sassen neben den Jungmannen in der Badner-Bahn. Sie waren wie Wesen aus einer anderen Welt. Jungmannen hatten im Alltag des Dienstes fast nichts mit Mädchen oder Frauen zu tun. Allerdings gab es eine Ausnhame:

Die „Hausmutter“ der Anstalt war ja neben der Krankenschwester die einzige Frau im Erzieherteam. Ihr Sohn war als Soldat gefallen. Ihr Mann hatte sie verlassen. Sie trug niemals eine Uniform und war ein gänzlich privates Wesen. Den Nicht-Bettnässern teilte sie gelegentlich zur Belohnung Süssigkeiten aus einer grossen Bonbonniere aus. Sie war gut zu den Jungmannen. Ihr konnten sie sich anvertrauen Bei guter Gelegenheit jedoch stahlen sie ihr 50 Schulhefte hervorragender Qualität aus der Vorratskammer. Sie war als Pädagogin blamiert Und die Züge 3abc mussten strafweise mit Küchemessern in der Freizeit ein Monat lang das Unkraut auf den geschotterten Wegen herauskratzen. Ein fast hoffnungsloses Unterfangen. Und warum wurde überhaupt gestohlen? Weil man germanische Faustkeile aus dem Lehrbuch abpausen wollte und das ging nicht mit dem dicken, graufasrigen Kriegspapier der üblichen Schulhefte!

Die Krankenschwester war das andere private Wesen in der Anstalt. Sie rauchte beständig und war eine handfeste Person mit einer rauen Stimme. Aber auch sie war gut zu den Zöglingen, besorgte ihnen Extraportionen zu den Mahlzeiten, so dass es ein Privileg war in den Krankenpavillon zu geraten. Dort wurde das beständige leichte Hungergefühl, das den Anstaltsalltag begleitete jählings unterbrochen. Nicht, dass es grundsätzlich zu wenig zum Essen gegeben hätte, aber man musste im Wettbewerb sehen, dass man zu seinem Quantum kam. Eine Schnitte Brot hiess „Beu“ und durfte auf keinen Fall geworfen werden, auch nicht mit dem Motiv, dass die auch die „Unteren Kameraden“ an den langen Esstischen noch ein grösseres Stück abbekämen. Darauf stand jedenfalls die

Strafe 9:

Eine schallende Ohrfeige (vom diensthabenden Erzieher zu verabreichen). Besonders Glückliche bekamen öfter „Fresspakete“ von zu Hause per Post zugeschickt. Wiederum trat der Diensthabende in Aktion. Der Inhalt wurde im Zug verteilt, eine grössere Portion durfte der Eigentümer selber behalten, der Rest kam in den Fressspind und wurde dort einmal am Tag zugänglich gemacht. Diese Regelung war abermals eine Quelle des Heimwehs – schliesslich erinnerten die Marmeladen, Kuchenstückchen und vielleicht sogar ein Speck an das Elternhaus – und so schnell war alles wiederum wegverteilt. Die Stärkeren in der Hackordnung konnte man durch Zuwendungen für sich einnehmen, wer niemals ein Fresspaket von zu Hause bekam, hatte auch nichts im Austauschweg zum Aufbessern. So jemandem blieb der begehrte Traubenzucker oder ein Tigerl Kunsthonig, oder die gelben „Panflavit“-Tabletten aus der Ortsapotheke. Auch das waren Schätze. Wer nicht einmal die hatte, der musste es wagen, bei den Küchenmädchen an der Durchreiche zum Speisesaal erfolgreich zu sein. Vielleicht schaute ein Marmeladebrot dabei heraus? Aber wenn auch das nichts nützte, dann musste man ständig herumstreunen, um irgendetwas Zusätzliches zu ergattern. Das alles unterstütze die Maxime „Härte schadet niemals!“ Eben.

Die grosse Schweinerei

Aber da war noch ein bedeutsamer Vorfall. Er war privater, versteckter Natur und doch wiederum nicht! Im Zug 2a gab es eine „Schweinerei“. Der SS-Untersturmführer, der dort Zugführer war, hielt ein furchtbares Gericht ab. Es war öffentlich unklar, was wirklich passiert war. Er drohte, er würde am Blick eines jeden Jungmannes sofort erkennen, ob er die Wahrheit spräche. Jedenfalls wurden fünf Mann in das Krankenrevier eingewiesen. „Schweinereien machen krank, schwächen den Kämpfer, sind durch drei Runden um den Häuserblock abzustellen! Ab sofort!“ Vielleicht war es Gruppenonanie, die dort passiert war? Angeblich konnte man das sogar vor den Stuben dieses Zuges deutlich riechen.

Die SS jedenfalls sorgte für Reinheit. Die Gattinnen der Erzieher, bekam man selten zu Gesicht. Sie schoben meist einen Kinderwagen, hatten alle vier bis acht Kinder, deren Väter in der Anstalt herumkommandierten.

So war das mit „Ännchen von Tharau“ und den Folgen der Erotik.. Schaurig-schön war es, als eines Tages die ältere Mädchen-Singschar vom Bann 512 den siebenten Zug der Anstalt zu einem Heimabend besuchte. Die Phantasien der Züge die zum Abendappell angetreten waren, entfalteten sich gewaltig – weit weg von der Realität! Unvorstellbar war für angehende Soldaten-Helden, „wie ein so schöner Mann“ (wie die Kameraden des 8. Zuges) „einfach in den Schoss einer Frau fallen konnten? Dann ist er weg“! So der halb offizielle Kommentar, der die Zurückgebliebenen erreichte. Freundschaften, die erotisch werden könnten, gefährden die Kameradschaft und stören den Korpsgeist. Die Öffentlichkeit der Anstalt duldete derartige Privatheiten nicht.

Zweifellos aber war eines der Gerüste, das die Identität der Erziehergruppe stärkte der „Männerbund“ Und der wiederum fusste auf (mehr oder weniger deutlicher) latenter Homosexualität. Ebenso deutlich war, dass nach dem sogenannten Röhm-Putsch Homosexualität als staatsgefährdend galt (und es darüber null Informationen gab). Soweit zur Erotik. Wozu war sie also gut laut Napola? Die „perverse“ Variante der Homosexualität diente als emotionale Basis des Männerbundes SA und SS, die öffentliche heterosexuelle Variante der Zeugung von jungen Soldaten des Führers.

Was ist ein Jungmann? Antwort: Ein Kämpfer und Zeuger.

Was ist ein Jungmädchen? Eine angehende Mutter vieler Kinder. Die benötigte das Deutsche Volk zur Weltherrschaft. Etwa 200 Millionen Deutsche benötigt man, um unbesiegbar zu sein.

Auf diese Art entstanden, in sich emotional zusammengeschraubt und disziplinär verfestigt, folgte die Napola ihrem ursprünglichen Gründungsimpuls.

Der hing an der Zusammenrottung einiger machtlüsterner Menschen zur Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in München. Wie im Lehrbuch der Bandenbildung folgte darauf die brutale Niederknüppelung von Andersdenkenden, wo immer sie erfolgversprechend schien. Die unglaublich suggestive Vortäuschung alter Ideale im neune Gewande kann nur jemand ermessen, der den Übergang zur NS-Herrschaft erlebt hat.

Die grosse Einsaugpumpe

Wie durch eine Riesenpumpe wurde alles an ehrwürdigen Worten aus der Tradition eingesaugt und uminterpretiert:

Zum Beispiel: „Ordnung, Sauberkeit, Anständigkeit, Reinheit, Glaube, Heiligkeit, Unendlichkeit, Ewigkeit, Schönheit, Kraft, Freude Ehre, Pflicht, Tapferkeit, Schicksal, Ahnen, Helden, Mütter, Väter, Liebe, Opfertod, Vorsehung und Der Allmächtige als der Gott der Eisen wachsen liess und der keine „Knechte wollte““ Sogar das „Amen“ und die „Herrlichkeit“ vergass Hitler dabei nicht!

Der Gott, der Eisen wachsen liess, der wollte keine Knechte!

Drum gab er Säbel, Schwert und Spiess dem Mann in seine Rechte!

Drum gab er ihm den kühnen Mut, den Zorn der freien Rede,

dass er bestehe bis aufs Blut, bis in den Tod die Fehde! [17]

So sollte sich das Schicksal der Napola parallel zum Schicksal der deutschen Jugendlichen in dieser Riesenaufwirbelung verfangen.

Es begann mit der Phase 1, einer „Verführung“ [18] der Jugendlichen durch Eltern und Erwachsene, die Hitlers suggestiver Bemächtigung innerlich erlegen waren. Sie sahen zu, wie die „voranfliegenden Fahnen“ mit der pädagogischen Riesenpumpe sämtliche kirchlichen, politischen, jugendbewegten und sonstigen Jugendgruppen in sich hineinsog. Liedgut, Trommeln und Blockflöten, Jugendrituale, Uniformen, Wanderbräuche, Heimabendgestaltung und die Figur des Jugendführers, der nach dem Prinzip: „Die Jugend führt sich selbst“ den Weg aus der bürgerlichen Gesellschaft ins „Jugendreich“ führen konnte, das alles fand sich im angesaugten Gut. Es musste nur noch das „Jugendreich“ zum Dritten Reich mutiert werden. Das passierte in der Phase 2, der

Hingabe

„Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln!“ [19] Sie hatte endlich wieder ein Ziel, sie hatte eine Art neue Kirche – die Volksgemeinschaft – und einen neuen Gott. Der hieß Adolf Hitler. „Adolf Hitler, wir glauben an dich, ohne dich wären wir Einzelne, durch dich sind wir ein Volk. Du gibst uns das Erleben unserer Jugend.“ betete der Reichsjugendführer vor! [20] Und er setzte hinzu:

Das ist an ihm das Grösste: dass er nicht nur unser Führer ist und vieler Held, sondern er selber: grade, fest und schlicht, dass in ihm ruhn die Wurzeln unsrer Welt, und seine Seele an die Sterne strich und er doch Mensch blieb, so wie du und ich [21]

Wie man diesem Führer-Gott folgen sollte, das lehrte die Phase 3: „Zucht“

Sie kanalisierte zielstrebig und unerbittlich alles Aggressive, Mörderische, kurzum die ganze mögliche Zusammenrottung, die Gruppen aus sich entwickeln konnten auf das Ziel des Bösen hin. Das Böse war der Untermensch – besonders der Jude – und das Erziehungsziel war der Übermensch: Der nordisch-germanische Deutsche. Da durfte kein Spalt offen bleiben. „Nach der Wehrmacht nehmen wir sie (die Jugend) sofort wieder in die SA, SS und so weiter, und sie werden nicht mehr frei, ihr ganzes Leben!“ [22] das setzte sich in der konkreten Vision von Sieg, Opfer und Untergang und dem Gefühlen von Ehre, Treue, von Glaube und Liebe zu Führer und Volk fort. Deshalb ist die NS–Pädagogik in der Napola eine umfassende, gnadenlose Verhaltensmodifikation gewesen. (Wir haben oben ausführlich darüber berichtet.)

Sie führte zu erschreckenden Erfolgen: „Wir Buben haben gewusst, wir werden Soldaten und werden alle Befehle, die man uns gibt, befolgen. Alle. Den einen oder anderen vielleicht unter entsetzlichen inneren Kämpfen, aber ohne auch nur den Ansatz zu einer Diskussion...“! [23] Der Reichs-Inspekteur der Napolas August Heissmeyer bestätigt das in einem Brief an den Reichsführer SS H.Himmler ganz offiziell 1944: „Der junge Führernachwuchs aus den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten hat sich gerade jetzt vor dem Feind voll bewährt: Vier tragen das Eichenlaub zum Ritterkreuz, 33 das Ritterkreuz, 96 das Deutsche Kreuz in Gold, 1226 sind gefallen, vermisst usw.“ [24]

Damit sind wir schon in die Phase 4: „Krieg, Opferung und Untergang“ geraten.

Der Gott Tod meldet sich. Er meldete sich viel deutlicher als die Erotik sich jemals melden durfte. Der ganz reale Tod, der siegreiche Gegengott des Eros war plötzlich gegenwärtig.

Es begann mit einem Bombenteppich, der auf Traiskirchen niederging. Er verfehlte die Anstalt nur um 200 Meter und pflügte statt ihr einen Weingarten um. Der Luftschutzkeller schaukelte ganz gewaltig, das Licht ging aus und Staub erfüllte die Luft. Von nun an kamen die Bomber mehrmals die Woche. Als einmal die Singschar von einem Wettsingen aus Reichenau zurückfuhr, wurde plötzlich die Südbahn bombardiert. Es machte laut Plumb! und hinter dem Sonderwagen der Napola war der Gleisstrang unterbrochen. Die Nebelwerfer hatten vorsichtshalber das gesamte Industriegebiet in weisse Schwaden gehüllt, aber umsonst! Geschockt und verschreckt kletterte die Singschar am Wiener Aspang-Bahnhof aus dem Wagen und versuchte in die Anstalt zurückzukommen. Die Badner-Bahn fuhr an zahllosen Hausruinen vorbei aus Wien hinaus und kam Stunden verspätet in der Napola an.

Abends kletterten die Jungmannen auf das Dach ihrer Unterkunft, um anhand der Lage der Brandherde herauszufinden, ob die letzten Angriffe auf Wien etwa die Wohnbezirke ihrer Angehörigen getroffen haben könnten. Daraus wurde ein allabendlicher Vorgang. Wien brannte rot Nacht für Nacht. Ebenso brannte die Angst aus den tieferen Schichten der Seele nach oben, wo sie niemand in der Anstalt sehen wollte. Da kam nochmals ein Inspekteur aus „der Reichskanzlei in Berlin“ ganz direkt, um nach den Jungmannen zu sehen. Der Anstaltsleiter Dr. Schön meldete „die Züge eins bis sechs angetreten“ (weil ja sieben und acht schon an der Front waren). Er bat im Namen aller hier angetretenen Jungmannen und Erzieher der Anstalt „um die Erlaubnis, mit der Waffe in der Hand die Heimat verteidigen zu dürfen“. Der Mann aus Berlin winkte ab. „Der Führer will das nicht!“ sagte er. Ob das wahr war? Vielleicht wollte er nicht mitansehen, wie halbe Kinder in den sicheren Tod geschickt würden? Vielleicht war der Inspekteur aus Berlin bereits aus dem Wahn der Zusammenrottung ausgetreten und ins Freie gelangt?

Die Zusammenrottung wird zerpulvert!

Als schliesslich die Rote Armee schon vor Wiener Neustadt stand, wurde die Anstalt „nach Westen“ verlegt. Nervosität herrschte, die erwartete „Wunderwaffe des Führers“ hatte noch nicht in Moskau oder Washington eingeschlagen. Statt endloser Militärkolonnen in Richtung Front zogen jetzt Flüchtlinge und Verwundetentransporte in Richtung Deutsche Heimat endlos an der Napola vorbei.

Die Anstalt bekam „Dienstanweisung“ vor der Front zu fliehen und auf eine neue Einberufung zu warten. Man wurde mit einigen Stangen Wurst, einigen Scheiben Brot und einem Lichtbildausweis entlassen. Ein letztes Mal breitete der Deutsche Reichsadler die Flügel über seine Heldenjungen aus: „Alle Dienststellen der NSDAP sind angewiesen, dem Inhaber dieses Ausweises jede Hilfe zukommen zu lassen.“ Es nützte kaum mehr etwas.

Ein Jungmann schilderte sein konkretes Ende und das der Anstalt so:

„Als ich auf abenteuerliche Art am Karfreitag 1945 von St. Pölten nach Krems zu gelangen trachtete, erlebte ich das Ende der Napola.

Dreizehn englische Lightning-Doppelrumpfjäger griffen den Heereslastwagen an, den in betrunkener Soldat steuerte und wir Jungmänner mussten um unser Leben zitternd versuchen, rasch von der Strasse wegzurobben und in Deckung zu gelangen. Derlei konnten wir gut. Mein Freund Rosenberger und ich sassen in voller Uniform elf Jahre alt unter einem Weidenbusch während die Staffel englischer Tiefflieger zuerst Oberwölbling und dann Unterwölbling beschoss. „Der Krieg ist verloren“ sagte mein Freund, der Kamerad Rosenberger und das war der erste. Augenblick, in dem es auch mir möglich war, diesem Gedanken überhaupt ins Auge zu sehen. Es war das grosse Aus! Banal und gewöhnlich fühlte es sich an. Unglaublich, dass ein so grossartiges Schauspiel, wie das der Napola im Dritten Reich so mir nichts dir nichts enden sollte?

Es war unheimlich schwierig, die so glanzlose, so wenig faszinierende Aufbauarbeit der zweiten Republik als die reale, lebensbejahende Realität anzusehen, und das faszinierend-mörderische Getöse des Hitlerstaates als das illusionäre Gegenteil davon. Wie sollte man ohne neuerliche Zusammenrottung nur leben können? Umgeben von „ehrlosen Schuften“ wie den KZ-lern und den Vaterlandsverrätern wie Leopold Figl oder General Körner eine war?

40 Jahre später traf ich den einzigen Lehrer der Napola, der immer zivil gekleidet gewesen war und englisch unterrichtet hatte (was an sich schon verdächtig war). Es ergab sich ein Gespräch und ich sagte zu ihm: „Herr Professor, wieso schwammen sie nicht mit der Welle des Nationalsozialismus mit? Wieso wussten sie, wohin der Krieg führen würde?“ Er sagte:

„Kinderl, ihr hättet doch nur den Wirtschaftsteil in euerem Schulaltlas genau studieren müssen. Die Kohle- Erz- und Erdölvorkommen hätten euch klar gemacht, wer den Krieg gewinnen wird.“ [25]

Diese kleine Begebenheit zeigt, wie leicht es gewesen wäre, den Nationalsozialismus zu entzaubern. Zugleich aber zeigt sie auch die unglaubliche Einengung der Wahrnehmung, der Intellektualität, der Gefühlswelt, der Phantasie und durch das Weltbild, das die Hitlererziehung bewirkte.

Manche Zöglinge berichten, dass sie ungefähr drei Jahre benötigten, um zugeben zu können, dass Hitler tot und die Führer des Staates durch den Nürnberger Prozess abgeurteilt waren. Es war, wie wenn alles aus ihrem Inneren abdampfen müsste, buchstäblich auch organisch abdampfen müsste, was in diesen drei Jahren an Introjekten, Identifizierungen und Abwehrmechanismen eingeflösst worden war.

Ein Jungmann vermochte erst 55 Jahre später zu merken, wie gross die Täuschung war. Er hatte Albert Speers Biographie [26] gelesen und schrieb seinen ehemaligen Zugkameraden entsetzt ein E-Mail: “Wir sind alle getäuscht worden. Wisst ihr das?“. Und ein anderer schrieb: „Was mir aus der Napola positiv bleibt ist eine gute körperliche Konstitution infolge Härtetrainings und ein tiefes Entsetzen über die Macht der nationalsozialistischen Religion.“

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle darüber mehr zu sagen. Nur so viel noch: Das Nazi-Phänomen kann nicht anders als „religiös“ gewertet werden. Natürlich spielen auch wirtschaftliche und gruppendynamische Aspekte eine grosse Rolle. Aber das alles scheint viel zu schwach um diese Faszination zu begründen, die der Hitlerismus bis heute weltweit ausübt. Es ist unglaublich naiv zu meinen, man könne mit politisch korrektem Denken und Argumentieren dieser Faszination beikommen. Die therapeutische Praxis gibt genügend Hinweise, die diese Ansicht bestätigen. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit der Naziwahrheit eine Auseinandersetzung mit der gesamten europäischen Geschichte, zu der die römischen Legionen genauso gehören wie (nach Friedrich Heer) der katholische Glaube des Adolf Hitler [27]

So bleiben die Fragen:

Was hätte man tun können?

Die erste Antwort verdanken wir Dr. Leo Kober: Den Atlas aufschlagen und den Wirtschaftsteil vernünftig zur Kenntnis nehmen.

Zweitens: Zusammenrottungen von Anfang an genau beobachten. Nicht der emotionalen Erregung folgen, sondern nüchtern wahrnehmen. Rauschzustände abweisen. Planmässige Zusammenrottungen im Namen der Menschlichkeit als Vorstufe eines tötenden Massenwahnes diagnostizieren.

An dieser Stelle muss einer österreichischen Waldviertler Bäuerin gedacht werden. Sie hatte eine Tochter, die um 1932 herum nach Berlin geheiratet hat. Als 1936 in Berlin die Hitlersche Olympiade ausbrach, lud sie ihre Mutter zur Eröffnung in’s Stadion ein. Die Waldviertlerin fuhr also umständlich bis Berlin und hatte das Glück, von ihrem Sitzplatz aus dem Führer Adolf Hitler bei seinem festlichen Einzug direkt ins Gesicht sehen zu können. Sie sah genau hin und erhob sich sofort, um die Rückreise anzutreten. „Euer Hilter ist ein Räuber!“ befand sie knapp. Sie blieb bei ihrer Wahrnehmung und liess sich durch nichts einlullen. Ehre ihrer einsamen Nüchternheit!

Drittens: Wir können uns vor einem weiteren Ausbruch kollektiven Wahnsinns nur dann absichern, wenn wir unsere Wahrnehmungen persönlich verantworten und in Handlungen umsetzen. Nur so kann der Zusammenballung von Macht und Faszinierung Widerstand geleistet werden..

Der Versuch, die Zusammenrottung durch Militärordnungen zu kanalisieren war bedrohlich erfolgreich. Hitler ist nur durch den alliierten Sieg wirklich gestoppt worden. Es gab der Nazi-Zusammenrottung gegenüber offenbar keine andere effektive Lösung. Der zweite Weltkrieg musste geführt werden, weil der Faschismus Europa immer mehr in seinen Bann zog und jede andere reale Lösung blockiert war. Aber löste der Sieg auch das Problem des Mordens? Der Versuch, sich mit der Kraft und Dynamik der tödlichen Zusammenrottungsenergie zu verbünden, sie zu einem Militärapparat zu kanalisieren und mit ihr die Weltherrschaft anzutreten, kann selbstverständlich nur als mörderisch gewertet werden.


[1][1] . Weil unser Beispiel kein experimentelles, sondern ein reales ist, ist es auch im Internet unter dem Suchbegriff NAPOLA erreichbar. Empfehlenswert ist auch die dreiteilige Videoproduktion „Die Geschichte der Hitlerjugend“ in der Produktion „Mundus –die Welt auf Video“ Best Nr. 214,215,216. D-45356 Essen; sowie „Wir waren Hilters Eliteschüler“ von Johannes Leeb (Herausgeber) Heyne Verlag, München 1999 (3) Weiters: Guido Knopp: „Hitlers Kinder“. Goldmann Tb München 2001).

[2][2] Wir folgen der Darstellung von Elke Fröhlich in Johannes Leeb: 241 bis 254 sinngemäss oder auszugsweise

[3][3] Im wesentlichen folgt und ergänzt der Bericht Richard Picker: „Kindheitserinnerungen eines Psychotherapeuten“ in: Psychopraxis,3/2001 Springer Wien-New York.

[4][4] Worte und Weise von Hans Baumann aus: „Leid im Volk II“ Musikbuch für höhere Jungenschulen Leipzig 1943.

[5][5]Abkürzung für Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps

[6][6] Reichsparteitag Nürnberg 1935.

[7][7]Text:Ludwig Uhland 1809.Melodie Friedrich Silcher 1823. A.a.O. 4o

[8][8] Uhland/Silcher 3. Strophe a.a.O. 40

[9][9] Weise aus der Zeit Friedrich des Großen.Text aus dem Bergliederbuch 174o.A.a.O. 176.

[10][10] Worte und Weise: Werner Altendorf.A.a.O. 26

[11][11] Worte: Thilo Scheller.Weise: Georg Blumensaa