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          Nochmals Amstetten:
Vom Keller in den Abgrund und wohin noch?


Es gibt einige Punkte, die in dem unglaublichen Getöse, das rund um den Fall „Amstetten“ entstanden ist, und das jetzt durch den Prozess neu angefacht wurde, nicht überhört werden sollten. Es lässt sich daraus viel lernen- zum Beispiel von den Behördenstellungnahmen.
Wie erinnerlich war erstens natürlich „alles in bester Ordnung gewesen!“ Niemand von den Behörden ist von irgend einem Zweifel auch nur gestreift worden. Sagten sie zumindest. ( Es war ganz wie bei dem kleinen Luka, ganz wie bei den Kindern vom Pöstlingberg gewesen.) Es zeigt sich ein Gruppenmechanismus, der offenbar stärker ist, als hilfreiche Impulse, die im Gewissen eines Nachbarn aufgetaucht sein mögen. Eine Gruppe ist immer stärker, als ein Einzelner. Und Behörden sind gebündelte Gruppenenergien und Gruppenmechanismen. Man darf sich nicht mit ihnen anlegen – sonst gefährdet man sich selber oder auch Verbündete.
Das ist seit dem Ringtheaterbrand des 8. Dezember 1881 offensichtlich in das Bewußtsein eingegangen. Damals meldete der Polizeiverantwortliche dem Kaiser: „Majestät, alles gerettet“. In Wahrheit gab es 386 Todesopfer. (Bezeichnender Weise steht auf dem Grundstück des abgebrannten Theaters heute das Polizeipräsidium von Wien.)
Dieser beharrliche und starke Mechanismus behördlicher Selbstverteidigung behindert natürlich auch das Zutrauen der Bevölkerung. Wer wird schon einer mächtig und selbstgerecht gewordenen Behörde Vermutungen melden wollen, die zur  Aufdeckung eines Verbrechens führen könnten? Welcher Staatsbürger kann einem Heer von Juristen widerstehen, das die Behörde zur Verfügung hat? Deshalb also 24 Jahre Schweigen der Behörde gegenüber und 24 Jahre mehr oder weniger bewusstes Wissen um Hinweise, „dass im Keller etwas nicht stimmt“.
Ein zweites wesentliches Ergebnis ist, dass die Verdrängung krimineller Schuldigkeiten keineswegs ein österreichisches Privileg darstellt. Weltweit ist es für Menschen sehr schwierig eigene Schuldigkeiten zuzugeben. Österreich hat immerhin der Welt die Psychotherapie geschenkt. Und deren springender Punkt ist die Erschütterung der Meinungen durch die faktische Wahrheit und die Rücknahme der seelischen Abspaltungen und Projektionen, mit denen wir die Last unserer Verantwortung leichter machen wollen.  Das heißt in der Praxis: nicht der und jener ist allein ein Schuldiger, sondern auch ich habe durch das Wegphantasieren eigener negativer Impulse, Wünsche, Gedanken, zu einer tötenden Atmosphäre und Mentalität beigetragen. 
Bleiben wir beim Keller von Amstetten, dem treffenden Symbol für verdrängte Unmenschlichkeiten. Die Beteuerung, wie schön Amstetten im ersten Stock ist und wie lieb die Menschen am Hauptplatz sein können, stimmt. Das ist überall auf der Welt so. Aber wenn die Kellertüren alle einmal gefunden sind und geöffnet werden – was dann ans Tageslicht kommen wird, wagt man kaum zu denken. Im Grund verdrängen wir das alles. Und müssen es auch verdrängen, solange wir nicht wagen können, unserer eigenen Wahrheit zu begegnen. Deswegen ist sehr gut, sich im klaren zu sein, dass das zivilisatorische Eis sehr dünn ist, auf dem sich eine Gesellschaft bewegt.
Man kann einfach nicht alle Menschen vorsichtshalber von allen Menschen fernhalten, damit nichts Böses geschieht. Man kann auch nicht neben jeden Menschen einen Polizisten stellen. Die wirkliche Entscheidung, um die es geht, lautet: Sind wir alle dafür, dass es uns gibt und dass es den Kosmos gibt? Oder rufen wir mit Josef Weinheber aus: „Wenn ich, verstehst, was zu reden hätte, i schaffert alles ab. Is eh gnua da.“
Dass intellektuelle Menschen sich entsetzen, weil der „Boulevard“, also „Kreti und Pleti“ sich nun daran machen, „Amstetten“ auszuwalzen, ist bezeichnend. Besser als sich aufzuregen wäre es, all diesen einfacheren, oft weniger gebildeten Menschen beizustehen, den Weg des Geschwätzes zu verlassen und vernünftig der Wahrheit zu begegnen. Zur faktischen Wahrheit gehört auch die Einsicht, wie bedroht jeder von uns durch derartige Mechanismen ist und dass es nicht darum gehen kann, sich einfach durch Spott und Hohn auf Behörden und andere zu entlasten. 
Das freilich ist ein harter Weg und es ist keine gute Idee gewesen, die Klassenschülerzahlen hoch und das Bildungsbudget gering zu halten. Denn ein Abgrund, in den man blicken muss, lässt sich nicht wegerklären. Er ist und bleibt bedrohlich. Nur gemeinsam können wir – wenn überhaupt -  dieser Bedrohlichkeit standhalten. Und das muss gelernt und eingeübt werden.

                           
                                       
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