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NOTIZEN
ZU EINEM GESPRÄCH DEN FRIEDEN SCHAFFEN Dass
wir seit etwa 50 Jahren in unserem Land in Frieden leben
können, ist besonders der älteren Generation nicht so
selbstverständlich. Sie hat den 2. Weltkrieg gerade noch
erlebt und die bürgerkriegsähnlichen Zustände der 1.
Republik erzählt bekommen. Es ist also ein
außerordentliches Glück, eine so lange Friedensperiode
erleben zu dürfen, meinen sie.
Es ist vielen Menschen in Europa klar, wie kostbar der
Friede ist und dass er aktiv geschaffen werden muss.
Gleichzeitig aber lehrt uns die europäische Geschichte,
auch die Weltgeschichte, dass es nicht klar ist, worin
die Kunst des Frieden-Schaffens genau
besteht. Fehlt es einfach am guten Willen zur
Tat?
Zur Geschichte der Friedensbemühungen:
Die Deutung durch den alten Gloriatext in der
Messliturgie - pax hominibus bonae voluntatis
legt den Schluss nahe. Der gute Wille
fehlt einfach? Im biblischen Urtext heißt es aber viel
präziser: Frieden auf Erden den Menschen
Seines Wohlgefallens. (Lk 2,14) Es kommt also dort
nicht nur auf unser aktives Tun an, sondern vor
allem auf Gottes Gnadentat.
Der Friede ist also ein Geschenk, das Gott den Menschen
gewährt.
Sie reagieren auf Seine Aktivität. Das ist in der
europäischen Kirchengeschichte, z.B. bei den
Kirchenvätern oft und oft ein Thema gewesen, das sie
anhand der Pax Augustana der Friedensperiode zur
Zeit des römischen Kaisers Augustus (63 v. 14 n.)
darzustellen versuchten. Sie sahen da einen
Zusammenhang durch die Führung Gottes und deuteten
so die Weltgeschichte.
Zur näheren Erklärung:
Der Zusammenhang bestand darin, dass die Menschwerdung
Gottes in Jesus die Pax Augusta als Hintergrund
benötigte und ohne sie auch nicht denkbar wäre. Das
eine drückte sich im anderen aus, die Pax Augusta
bestätige die Friedenstat Gottes in Jesus sagten
jedenfalls die Väter. Aber damit bekamen sie auch
politisch-theologische Probleme.
Politische deswegen, weil die Herrschaft des Einen
Kaisers zur diktatorischen Unterdrückung tendierte
und theologische, weil die Heiden vermuteten, dass die
Abschaffung des Polytheismus das Römische Reich
eigentlich geschwächt habe (5.Jhdt).
Kurzfristig war zwar die Bevölkerung sicher des Friedens
froh, aber tendeziell musste der christliche Glaube
aus der Verkettung mit dem Imperium Romanum gelöst
werden. Denn der Glaube an den dreieinigen Gott betrifft
ein Geheimnis, das es nur in Gott selber gibt, aber nicht
in der Kreatur. Und der Friede Christi, der höher
ist als alle Vernunft kann nur deshalb geschenkt
werden. Weder Monarchie noch Demokratie noch Anarchie
können ihn gewähren. (So zB Gregor von Nazianz).
Daraus folgte:
Die aktive Bemühung Frieden zu schaffen ging trotzdem
weiter auf das Ziel hin, um zu nur einem Herrscher und
einer Religion zwecks Befriedung der Vielfältigkeit der
Völker zu kommen. (Zu beachten ist: Die Zahl Eins
von Einheit - ist für die Alten Frieden mit sich
selbst und mit Gott. Die Zahl Zwei ist der Beginn der
(sündigen Zerteilung des Einzelnen und der Gesellschaft)
Vielfalt ist immer in Gefahr eine Abfallbewegung von der
göttlichen Einheit zu werden.(Altes Weltbild)
Während wir unter der Ziffer1 eben nur eins
verstehen, so klang für die Antike mit diesem Wort
auchEinigkeit = Einheit mit. )
Diese Einheit ist vor allem personal gesehen. Es ist die
Liebe innerhalb der Dreifaltigkeit, die zur personalen
Einheit führt und die in der Folge natürlich den
Frieden gewährt. So z.B. bei Paulus ein Glaube,
eine Hoffnung, ein Gott und Vater unser
aller. Oder die oftmalige Wendung:
Gnade und Friede sei mit Euch! oder auch
der Gott des Friedens alles leider
abgegriffene Wortwendungen, die unbedingt neu
bedacht werden müssten.
Für den christlichen Glauben folgt daraus eine erste
Formulierung der Problematik in der Liturgie:
Ganz selbstverständlich war daher wegen der
schauerlichen Konflikte in der frühen Christenheit und
auch wegen der Leiden durch Kriege an den Rändern der
Pax Augusta die Bitte um den Frieden Christi. Sie wurde
immer in den Gottesdiensten gesprochen. Der so oft
bezeugte Friedensgruß Jesu, der Friedenswunsch bei
Segensformeln bis zu unserem Messtext vom Lamm
Gottes, gib uns den Frieden sind ein Beleg dafür.
Wenn sie die Vertonungen dieses Satzes in den klassischen
Messkompositioen sich in Erinnerung rufen, dann wird
ihnen auffallen, dass ganz außerordentliche
künstlerische und musikalische Leistungen mit dieser
Bitte um den Frieden verbunden waren (Bach: h-moll Messe,
Haydn: Paukenmesse, Mozart Krönungsmesse, Beethoven,
Missa Solemnis u.v.a.). Man kann also durchaus sagen,
dass zumindestens im kirchlichen liturgischen Bereich
diese Bitte um den Frieden immer gesehen wurde und
vollzogen wurde.
Daraus folgt für die Praxis:
Friede ist eine Gabe Gottes, eine
Abspiegelung und ein Bild Seiner selbst in den
Interaktionen und sozialen Bindungen der Gesellschaft.
Die in der Bergpredigt selig gepriesenen Friedensstifter
sind Menschen, die sich auf diese Gabe Gottes einlassen
und ihr zum Durchbruch in die Realität der menschlichen
Geschichte verhelfen. Das betrifft natürlich über den
politischen Bereich hinaus auch den Bereich der Familien.
Sie waren ein Ort extremer Machtausübung (Patriarchat)
und daher auch Ort hoher Kriminalität. Das ist bis heute
so geblieben. Der Familienfrieden ist immer
ein sehr gefährdeter gewesen. 80 % der schweren
Gewalttaten ereignen sich um familiären Bereich. Hier
müssen Friedensbemühungen ansetzen.
Was man leider nicht sehen und messen kann ist der
Erfolg aller Friedensbemühungen., Denn man kann nicht
einfach experimentell ein und dieselbe Situation mit und
ohne Friedensbemühung durchspielen um zu einer
Verifizierung des Erfolges zu kommen. So bleibt die
Situation wie sie ist und die Bemühungen aller Art (aber
auch die Unterlassungen) sind in sie eingegangen.
Erfolg ist kein Wort Gottes sagen die
Gläubigen besser wäre freilich zu sagen: Über
den Erfolg spiritueller Bemühungen entscheidet das
Gericht Gottes allein. Niemand ist vor der Schlussbilanz
imstande alle Fakten und Motivationen zu durchschauen.
Niemand kann sagen, was gewesen wäre
wenn...!
Es bleibt also nichts anderes übrig, als mit
steter Bemühung an einer Besserung der mörderischen,
kriegerischen Impulse zu arbeiten. Die griechische
Pädagogik ( und die stoische Philosophie,), die
Bewegung der europäischen Aufklärung, deren Kind die
Psychotherapie ist, sind nur zwei Beispiele dieser
Bemühung.
Wir bemerken, dass unter den Kriegsbegründungen der
Jahrhunderte schier alles vertreten
war, was mit Rivalität, mit Nachahmung, mit
Habgier und mit schierer Mordlust verbunden war. Dass war
so stark, dass zum Beispiel
das 1. Vatikanische Konzil mit seinen multinationalen
Bischöfen dennoch nicht den deutsch-französischen Krieg
und die Dynamik zum 1. Weltkrieg hin hat verhindern
können. Ganz ähnlich und noch viel tragischer ist die
Lähmung der Hierarchie trotz der diplomatischen Kontakte
vor dem 2. Weltkriegs zu sehen. (Die Parteinahme der
Päpste gegen den atheistischen Kommunismus mag
verständlich sein, aber war eigentlich kein Beitrag zu
einer Friedensschaffung.) Die fehlende Parteinahme
des Vatikans angesichts der Judenverfolgung durch die
Nazis ist bis äußerst umstritten geblieben, auch wenn
das Motiv die Minimierung der Naziopferzahlen gewesen
sein mag. Die Friedensbemühung der Laien also der
gewöhnlichen Christen ist in ihrer
Effektivität kaum wirklich fassbar und aufgearbeitet.
Ein anderes Beispiel: Wenn wir die aufstrebende
Pädagogik des 18./19. Jhdts. betrachten, war sie eine
ausgesprochene Strafpädagogik. Pestalozzi und Montessori
hatten sich noch nicht wirklich durchgesetzt gehabt. So
gibt es in ihr viele Motive zur Sicherung der nationalen
Eintracht, aber ebenso viele zur Stärkung der
militärischen Gehorsamspflicht und zu Begründung der
Strafe bei Gehorsamsverweigerung.. Der Friede konnte
nicht gegen die jeweiligen legitimen Autoritäten getan
werden. Sie hatten ja den Krieg ihren Untertanen
befohlen.
Ein Lichtblick: Friedensbemühungen von
unten.
Ein Gegenbeispiel: Dass in diesen unglaublichen
allgemeinen Kriegstaumel gegen Ende des 19.Jh.
überhaupt jemand zum Frieden rufen konnte, wie z. B. die
Österreicherin Bertha von Suttner, gleicht einem
göttlichen Wunder. Ihr Buch Die Waffen
nieder (erschien 1913). Inzwischen gibt es
Friedensmärsche, Friedensbewegungen (z.B. Pax Christi)
ohne dass man den Eindruck hätte, sie seien nach unserem
Bewusstsein besonders erfolgreich gewesen. Zurzeit
scheint es, als ob die jüngere Generation in unseren
Landen in der Eventkultur mehr beschäftigt sei, als in
der Friedensarbeit. Das mag ein Vorurteil der älteren
Generation sein aber es lässt sich sehr viel dafür
anführen, dass es so ist. obwohl zugestanden werden
muss, dass Loveparades allemal friedlicher sind als
Law-and Order-Bewegungen.
Die aufkommende Psychotherapie und ihre Bemühung:
Diese Gegenüberstellung mittels einiger Beispiele bringt
auch die Psychoanalyse und die ihr folgenden
Psychotherapien in das Blickfeld. Freud, aber auch die
humanistischen Therapien, haben bei allem Verständnis
für die therapeutische Akzeptanz von Triebstrebungen
trotzdem darauf hingewiesen, dass es darum geht
Friedenswerte auszubilden. Erich Fromm nennt das in
seinem Buch Die Kunst des Liebens Biophilie
Liebe zum Leben. Gegentendez: Die Thanatophilie
die Verliebtheit in de3n Tod und das Morden. Ich
glaube, dass dieser Beitrag der großen therapeutischen
Bewegung, ausgedrückt durch Erich Fromm ein ganz
wesentlicher Orientierungspunkt ist. Sie liefert die
Grundlage einer substantiellen Ethik. Sie kann nur von
fundamentalistischen Haltungen abgelehnt werden, ist aber
dennoch überregional, überkonfessionell und von einer
hohen praktischen Relevanz.
Woher kommt die Mordlust?
Wenn wir uns fragen, warum überhaupt so etwas wie
Tötungslust entsteht, so rückt sofort das Werk von
René Girard in den Vordergrund. Seine
Arbeiten zur Mythenbildung in Literatur und Geschichte
mündeten im Grunde in einer Aufdeckung der faktischen
Mordtaten unter allen Mythen und bestätigte die
traditionell katholischen Erbsündenlehre (als
Gruppenmordtendenz).
Der Hinweis auf den Sündenbock-Ritus folgte. Er
führt zwar zur gewissensmässigen Erleichterung,
muss aber stets erneuert werden, um Blutrachezyklen
zu verhindern. In Familien und weltpolitischen
Konstellationen ist er bis heute unvermindert stark zu
beobachten. Wir kennen alle die Sündenböcke.
Was diese Notizen für uns heute bedeuten?
Das heißt in die Alltagssprache übersetzt: Wir können
uns offensichtlich aus dem Verhängnis einer
überkommenen traditionellen Schuldigkeit durch
beständiges Morden nicht selbst lösen.
Es scheint so, als gäbe es tatsächlich keine
Selbsterlösung.
Wir können also zwar Krieg und Mord machen, nicht aber
den Frieden.
Es bleibt uns nichts anderes übrig als doch zu
versuchen, einzeln und gemeinschaftlich den Frieden
zu suchen und ihn zu tun so weit als nur möglich.
Wir landen also, wenn wir den Frieden schaffen wollen,
irgendwann anfangs oder gegen Ende unserer Bemühungen
beim Gebet, wenn wir nicht resignieren wollen.: Der Bitte
um den Frieden.
Der Versuch, nur durch persönliche Besserung, wie er in
der Pädagogik der Antike gemacht wurde, wie er im
Buddhismus stark vertreten ist, leistet nicht soviel, als
wir benötigen würden. Auch der Versuch negative,
tötende Gruppendynamik durch Ordnungen aller Art
wegzuregulieren (in staatlichen Ordnungen und
Ordensregeln vorzufinden), blieb kein sichtbarer
durchschlagender Erfolg gewährt. Allerdings haben wir
keine andere und bessere Möglichkeit bis jetzt gefunden.
(Ich habe mich mit diesen Versuchen im meinem Buch
Zusammenrottungen va bene Wien 2002
auseinandergesetzt).
Bleibt die Frage nach unserer Angst und unserem
Weltbildes. Die Angst wirkt wie eine Erpressung, die uns
Gewaltlösungen (Mord inklusive nahe legt Das Weltbild
ermöglicht uns die Formulierung unserer Situation.
Was die Angst betrifft, so stellt sie ein komplexes
therapeutisches Problem für jeden Einzelnen dar. Hier
ist nach einer Psychotherapie zu suchen und dieser Weg
ist auch bis zur Entängstigung zu gehen, Das benötigt
viel Zeit und genau diese scheinen wir nicht in
ausreichendem Masse zu besitzen. Keine Zeit
keine Zeit es ist viel zu spät, weil die Uhr weil
die Uhr immer weitergeht! sang vor 30 Jahren die
Kindertante im ORF diese Gerichtsankündigung. Facit:
Psychotherapie ist eine notwendige Möglichkeit.
Zum Weltbild: Welches wir auch wählen
mögen: Wir können uns keine Leben ohne Konflikte
und beständige Konfliktlösung vorstellen. Das sollte
nicht so sein, ist aber so. Ja, es wird ja direkt als fad
und langweilig empfunden, ein völlig friedliches Leben
zu führen. Dieses Ergebnis zeigt sich deutlich in der
Beliebtheit der Kriminalliteratur (Detektivromane,
Thriller, Filme etc.) und der Ratlosigkeit gegenüber
einem Zustand des Glückes nach erfolgter
Konfliktlösung. Aus therapeutischer Perspektive heraus
scheint es überdies so, als könne der europäische
Mensch viel leichter Unglück und Schwierigkeit meistern,
als Glück und Frieden. Jahrtausendalte Stereotypien
beherrschen uns und haben uns fest im Griff.
Fassen wir dieses einleitende Ergebnis, das natürlich
äußerst fragmentarisch ist und nur den Horizont
aufzeigt, der unsere Gespräche morgen und übermorgen
begleiten wird zusammen, so gibt es wirklich vieles in
uns zu tun.
1. Die sogenannte aszetische
Bemühung, die kirchenpädagogische auch die
therapeutische kommen nicht so leicht an ein Ende mit dem
Verwandeln aggressiver tötender Energien in uns selbst
in lebensbejahende, friedliche (erotische). Weit entfernt
naiven Konzeptionen eine Empfehlung zu geben, bleibt doch
nichts anderes übrig als dem Guten,(Wahren und Schönen)
in jeder Form unsere Aufmerksamkeit und unsere Bemühung
zu schenken. denn wir wissen nicht, was wir sein
werden, (wie es im 1. Johannesbrief 3,2 heißt)
was aus uns werden soll.
2. Also gehört es zu der
Anspannung der Friedensarbeit, sich auf diese
offene Zukunft hin auszustrecken. Entgegen der so
gängigen naiven, aufklärerischen Hoffnung auf die
Vernunft allein (und entgegen der Aufklärungsreligion,
die fest daran glaubt, dass die Eltern zu 100% die
Zukunft der Kinder bedingen,) gilt es, sich aus dieser
Resignation zu verabschieden. Der Friede muss wirklich
etwas Neues sein. Das, was alt war und das, was jetzt
ist, stellt bestenfalls eine Vorahnung des Friedens
dar.
3. Denn Frieden schaffen heißt
also in aller Bescheidenheit und mit emsigem Fleiß zu
tun, was wir tun können, um den Einbruch des Friedens
Christi in unsere zerstörerische Wirklichkeit möglich
zu machen. Wir müssen bei der Wahrheit der Fakten
bleiben. Und dem Kommen Christi
entgegenleben.
4. Jede Verharmlosung dieser
Problemlage führt geradewegs ins Out und hilft im Grunde
niemandem.
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