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Weltkongress der Psychotherapie Wien 2002 HAUPTVORTRAG Mittwoch, 17.Juli 2002: WAS KÖNNEN RELIGIONEN VON DER PSYCHOTHERAPIE LERNEN? Der Titel könnte leicht polemisch verstanden werden, denn Religionen sind oft Tausende Jahre älter als die junge Wissenschaft der Psychotherapie. Was will da die Therapie die Religion wirklich lehren? Handelt es sich um eine Anmaßung?
Wir möchten statt dieser oder ähnlicher Ausgangsbestimmungen von einem Blickpunkt ausgehen, der Religion wie auch Psychotherapie gemeinsam ist, nämlich den der konkreten Wahrheit der Lebenssituation, in der sie jeweils steht. Die so bezeichnete Wahrheit der Person ist am besten in der Form von Beschreibungen zu fassen: So und so sind die Lebensumstände als Mensch des 21. Jahrhunderts, so und so fühle ich mich als leidender Mensch und wenn ich an meine Heilung denke und die Digitaluhr weiterrückt, stehen Grundbedürfnisse des Lebens ungelöst vor mir: So das erste nach Orientierung in welcher speziellen Phase meines Lebenslaufes befinde ich mich? Wie viel Zeit habe ich noch? Und was ist vorrangig zu tun? Alle Antworten auf diese Grundbeschreibung sind einmalig, konkret, persönlich oder wenn man die Tiefe der Person mit ausdrücken will, die in dieser Situation sich befindet, existentiell. Die Psychotherapie hat auch zu diesem existentiellen Punkt der persönlichen konkreten Wahrheit der Fakten und Umstände dadurch gefunden, dass schon die Psychoanalyse in der Nachfolge Sigmund Freuds zunächst einmal den Menschen wie er wirklich ist, gelten ließ ohne sich durch abstrakte, philosophische Bestimmungen irritieren zu lassen (z.B. Sie sind doch ein freier Mensch, oder?!). In Wirklichkeit ist der Mensch ein konkreter, subjektiver, als Person einmaliger. Immer wieder versichern Patienten und das schon seit rund hundert Jahren, wie sehr sie im therapeutischen Bereich sich freier und ungedrückter von Vorschriften und Normen fühlen, verglichen mit ihrer Situation als Mitglied innerhalb einer Religionsgemeinschaft. Soweit eine erste Bemerkung zur konkreten Wahrheit. Sie besagt nicht mehr und weniger, als dass Religionen lernen müssen auch den konkreten Menschen zu sehen und nicht vorschnell auf den Menschen, den ihre Dogmatiklehrbücher im Sinne hatten. Eine zweite Bemerkung bezieht sich auf das Wort Religion. Dieses ist überhaupt nicht eindeutig bestimmt und im Vergleich zu der gewiss auch vielfältigen Psychotherapie überbordend von Figuren, Gestalten und Gruppierungen. Um überhaupt eine Aussage treffen zu können, gehe ich von der in den Industrieländern vorherrschenden christlichen Religion aus, obwohl diese 2000 Jahre alte Gruppierung eigentlich keine Religion im Sinne hinduistischer oder schamanistischer Religionsbildungen darstellt. Dennoch begegnen dem Psychotherapeuten in Europa hauptsächlich Gläubige der monotheistischen Religionen: Judentum, Christentum, Islam. Der Buddhismus, der für intellektuelle Menschen am ehesten als Religion akzeptierbar ist, sieht zwar wie eine Religion aus (Riten, Übungen) ist aber im Grunde eher eine philosophische Weltanschauung. Was also können diese Gruppierungen altehrwürdig und geschichtsmächtig, wie sie meist sind, von Psychotherapie hauptsächlich lernen? 1. Ich glaube, dass es vor allem die Atmosphäre der Akzeptanzist, die genannt werden muss. Die Psychotherapie hat sie in der Folge der europäischen Aufklärung, der Emanzipationsbewegung und der Demokratiebewegung entwickelt. Diese grundsätzliche Akzeptanz durch die Therapie allein ist schon ein Heilfaktor Er mindert Leidenszustände. Religionen sollten, wenn sie nicht destruktiv wirken wollen, alles von der Psychotherapie übernehmen, was auf Menschen heilsam wirkt. Damit haben besonders absolute Religionsformen Schwierigkeiten, wie es z.B. die drei monotheistischen sind. Wenn Gott mir befiehlt mich in die linke obere Ecke meines Zimmers zurückzuziehen, so muss ich mit allen Kräften versuchen, das zu tun sagte ein Patient. Und das auch dann, wenn ich absolut nicht weiß, wie das geschehen könnte! Der Einwand, es sei schlicht und einfach unvernünftig, sich in die linke obere Ecke eines Zimmers so mir nichts dir nichts zurückziehen zu wollen. Es sei einem Menschen ohne technische Hilfsmittel nicht möglich, seinem normalen Lebensvollzug auch nicht angemessen, gilt vor dem Anspruch eines absoluten Befehles göttlicher Autorität gar nichts. Gott ist groß und du bist ein Trottel! ist die absolute Formel, (die einmal Richard Strauss einem Musiker entgegen geschleudert haben soll, der eine Note von Mozart korrigieren wollte.) Diese, dem Menschen in seinem Grundbestand vernichtende Entgegensetzung hier Gott der Absolute und dort der Mensch, der diesem Absoluten nichts entgegensetzen kann durchzieht zahlreiche Religionen und gehört zum Handwerkszeug religionskranker Fanatiker. Sie sind eigentlich ein Symptom und keineswegs eine Doktrin, der man folge leisten darf, will man am Leben bleiben. 2. Die Psychotherapie vertritt in dieser Symptomatik die Position der europäischen Vernunft durch ihre Praxis. Aber noch viel mehr: Sie steht aufseiten des verletzten, lebensbedrohten Menschen, der weder durch andere Menschen noch durch die absolute Übermacht Gottes vernichtet zu werden droht. Und wenn der Mensch ein Opfer dieser Übermacht geworden ist, wird die Therapie lieber die atheistische Variante wählen, als den Menschen aufzugeben. Sie kann sich und darf sich nicht mit der jeweils stärkeren Macht verbünden, wenn sie heilsam bleiben will. 3. Religionen können von der Psychotherapie die Position des absoluten Engagements für den leidenden Menschen lernen. Wenn in einem fundamentalistischen Staat eine Ehebrecherin aufgegriffen wird, dann wird sie als Gesetzesübertreterin diagnostiziert, nicht als eine Frau, die vielleicht auf der Suche nach der Liebe war, die vielleicht auf diese Weise einer verletzenderen Ehe-Maschinerie, in die sie gestoßen worden war, für wenige Augenblicke entkommen wollte. Wenn die Volksmenge im Stadion den Zustimmungsruf zu ihrer Steinigung ausstößt: Gott ist groß! so mag sie religionskonform handeln aber die Religionsführer dieser Religion haben von der Psychotherapie zu lernen, dass die konkrete Wahrheit der Ehebrecherin der Gesetzeswahrheit ihrer Religion widerspricht. Und dass Gott niemals groß sein kann, wenn er die Steine bejahen sollte, die auf die Frau geschleudert werden. Akzeptanz heißt, das Leben in allen Erscheinungsformen zu bejahen und den Tod nicht als Methode der Disziplinierung zuzulassen. Eugen Drewermann hat auf den Basler Therapietagen 2001 ein klares Referat zum Thema Psychotherapie und Religion gehalten. Er fasst zusammen: Es genügt, dass man einem bestimmten Kirchenverband zugehört und man ist vermeintlich auf dem richtigen Weg, auf dem sicheren Weg. ... Es gibt einen Sack von Geboten und wer die ableistet, ist vor Gott begnadigt und gerechtfertigt, so soll man glauben. Und die ganze Schwierigkeit einer persönlich gelebten Existenz taucht als Aufregung nicht mal mehr auf, gilt in sich schon für das Verbotene. Wenn es so steht, ist die Konfrontation von Kirche oder Couch unvermeidbar und auf keinem Weg der Welt mehr schön zu reden. Dann haben die Psychotherapeuten die Aufgabe, diese Art von Bigotterie, von Aberglauben, von Tyrannei im Rahmen der Religion zu beseitigen, mit dem selben Ernst, mit dem sie im Alten Testament den Propheten Elia die Götzen Kanaans zerschmettern sehen. Vergegenwärtigen wir uns auch, dass die Revolution der modernen Psychotherapie, obwohl sie zahlreiche Faktoren der Wandlung voraussetzt, im Grunde auf einem einzigen moralischen Mut beruht, dem Sigmund Freud gefolgt ist. In seinen Worten klingt das so: Ich nahm mir den moralischen Mut, die Äußerungen der sogenannten Nervösen für sinnvoll zu erachten!. Die Kirche täte gut daran mit der Psychotherapie in ihren substantiellen Vertretern in einen aufrichtigen und kritischen Dialog zu treten. Denn es ist nicht möglich, die Detailpunkte in denen Psychotherapie und Religion differieren im einzelnen auszuräumen, vielmehr kann es nur so gehen, dass die Frage nach dem leidenden und kranken Menschen einfach und umfassend der Religion gestellt wird, so wie Gott in der Bibel den Mörder Kain knapp fragt: Kain, wo ist dein Bruder Abel? (Genesis 4, 9). Leider muss an den Punkten, an denen ein solch ein kritischer Dialog versucht worden ist bemerkt werden, dass die Härte des Dialogs dadurch gemindert wird, dass nicht selten die Theologen den Therapeuten versichern, sie selbst seien gewiss auch Therapeuten und in ihrer Seelsorgetätigkeit praktisch von beratenden Psychotherapeuten kaum unterscheidbar, so dass den Vorgaben der Psychotherapie kein Dialogpartner zur Verfügung steht und zentrale Themen der Religion daher auch nicht ihrem Gewicht nach zur Sprache kommen können. 4. Deshalb kann die Religion von der Therapie lernen sich selbst zu vertreten, so gut sie das nur vermag. Es könnte durchaus sein, dass die Jahrhunderte alten Schätze spiritueller Tradition für die gegenwärtige Psychotherapie, und das heißt für die sich wandelnde Industriegesellschaft, von großer Bedeutung sind. Auf dieses Erfahrungsgut nur deswegen zu verzichten, weil es religiösen Ursprungs ist, wäre voreilig und leichtsinnig. Die Kirche soll also die erstaunlichen Leistungen und Erfahrungen des frühen Mönchtums (1.-8.Jh n. Chr.) der Therapie entgegen halten. Es gab vermutlich noch nie in der Geschichte ein uns bekanntes Großgruppen-Experiment, das köpertherapeutisch verstanden werden könnte, wie es sich im Rahmen der 10.000 Mönche umfassenden Bewegung des 4. und 5. Jahrhunderts abgespielt hat. Selbstverständlich sind alle Angaben darüber historische Schätzungen aber deswegen trotzdem von großem Gewicht. So könnte die Kirche auch, wenn sie ihre eigene Tradition vertritt den Therapeuten die Frage stellen, was sie zu ihren zahlreichen Heiligen zu sagen habe. Die Psychotherapie hingegen käme nicht umhin ihre Diagnosen bekannt zu geben, z.B. religiöser Fanatismus bei Bernhard von Claireaux (+ 1153), psychosomatische Reaktionsbildungen bei Johannes vom Kreuz (+ 1591), Rationalisierungen für den Bereich der Erotik bei Theresia von Avila (+ 1582), regressive Abhängigkeiten bei Theresia von Lisieux (+ 1895) und Muttersymbiose und soziale Querulatorik bei dem eben heilig gesprochenen Pater Pio (+1968). Dieser Dialog wäre so wichtig, weil dahinter die Frage verborgen ist, wer eigentlich menschliche und religiöse Vollendung feststellt, und ob das was heute Heiligkeit heißt, schon morgen als psychisches Leiden definiert werden muss? Ob also die Religionen sich sagen lassen müssen, dass die Stimme des Volkes mitnichten die Stimme Gottes ist, ob die naiv anmutenden Vorgänge der Entscheidungsfindung bei Konzilien etc. nicht unter der Kenntnis ganz ähnlicher Entscheidungsfindungen der Gegenwart alles andere als Vorbildcharakter haben können. Die Religion und die Kirche müsste Vorsicht lernen und auch Standhaftigkeit begeisterten Volksmassen gegenüber. Spätestens seit Hitler, Stalin und Mao Tse Tung müsste die naive Freude über jubelnde Volksmassen sich daran erinnern, dass es schließlich auch jubelnde Massen gab, die für Jesus die Todesstrafe forderten. Sowohl die Religion wie die Psychotherapie müsste durch diesen Engpass einer Kritik selbstverständlicher Vorgänge von ehemals zu einer wahrheitsgemäßeren Vorgangsweise in der Gegenwart finden. Die Kirche könnte aus der Geschichte der so jungen Psychotherapie lernen, dass es nichts nützt Feinde zu bekämpfen, wenn man eine gefundene Einsicht behüten will. So ist die Struktur der psychoanalytischen Vereinigung zu Lebzeiten Sigmund Freuds von elitären, ja ordensähnlichen Ausprägungen nicht verschont geblieben. Es mag ja sein, dass viele Analytiker dachten, sie selbst seien diejenigen, in denen religiöse Strukturen unterdrückender Art ein Ende gefunden haben. Tatsächlich aber war die Macht der Wiederkehr der verdrängten Wahrheit stärker. In zahlreichen psychotherapeutischen Gruppierungen ergibt besonders zur Zeit ihrer Ausformung eine Analyse der Organisation verblüffende Ähnlichkeiten mit der hierarchischen Struktur der so oft kritisierten römisch-katholischen Kirche. Meist fehlt nur die absolute Führungsspitze ein Therapiepapst sozusagen aber vom Vatikan samt dem Kardinalskollegium abwärts gibt es jede Menge an Parallelen. Die Kirche und Religion kann also am Beispiel der Psychotherapie und ihrer Geschichte, wenn sie nur will, deutlich sehen, dass man der eigenen konkreten Wahrheit niemals wirklich auf die Dauer ausweichen kann. Der Mensch ist also offensichtlich ein Wahrheitswesen. Er muss diese seine Wahrheit ausdrücken. In den Traditionen der Religion gerät diese Ausdrucksgestalt seiner Wahrheit irgend wann mit Sicherheit unter das Gericht Gottes. Nach der überwiegend dem Konstruktivismus ergebenen psychotherapeutischen Ansicht gibt es kein Gericht sondern nur die Frage, ob die selbstgewählte Ordnung des Lebens dem wählenden Menschen heilsam sei oder nicht. An dieser Stelle können Religionen von der Psychotherapie lernen, dass die kürzeren Perspektiven der therapeutischen Dimension kontrovers sein können, aber eben darum vielleicht auf die geschichtlich viel längeren Perspektiven der Religion angewiesen sind. Schließlich muss ja allen Therapeuten das Schicksal jener Sektengruppierungen vor Augen stehen, die sich freiwillig in den Tod gestürzt haben, um einer Vision oder einer Verheißung oder einer Art von Treue ergeben zu sein. Das wäre eine sehr gefährliche Formel für Terrorismus aller Art! Religionen buchstabieren das Leben der Menschheit von der Geschichte bis in die Gegenwart nochmals. Sie rezitieren in zahlreichen Riten geschichtlicher wie gegenwärtiger Art und stehen so vor der so jungen Psychotherapie, die ihrerseits als Kind der bürgerlichen Revolution zu einer Befreiung aufruft. Ich glaube, dass nur aus dem wechselseitigen kritischen Einspruch so etwas entstehen kann, wie eine Wende in der menschlichen Geschichte, die ja darauf hinaus läuft, dass wir den Planenten Erde der Zerstörung zuführen und wegen unserer unbedachten Einseitigkeit nicht einmal mehr eine Art Lebensgarantie für unser Kinder abgeben können. Wenn es also nicht zu einer Trendwende kommt, dann ist uns offensichtlich nicht zu helfen. Psychotherapie treibt die Dämonen aus, so könnte man plakativ sagen die die Religion bisher übersehen hat. Dafür sollten Religionen ihr Gehör geben. Aus: Couch oder Kirche, Herausgeber: Lothar Riedel, Perspektiva 2001, Seite 55 Diese Detailpunkte sind allgemein bekannt: Die Frage der Sexualität und ihrer Wertung, die Frage des Gewissens und der Normen, die das Gewissen bilden sollen, die Frage des Gehorsams einer religiösen Institution gegenüber und die Frage, welche Rolle menschliche Bemühung und menschliche Vernunft einem Offenbarungsgeschehen über spielen kann. |
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