| DER
SÜNDENBOCK - SCHNITTSTELLE ZWISCHEN
PSYCHOTHERAPIE UND RELIGION. Auf diesem 2. Weltkongreß der Psychotherapie gibt es abermals das Subsymposion Psychotherapie und Religion. Der zeitliche Rahmen dieses Kongresses fällt mitten in den Kosovokrieg gleich in unserer Nachbarschaft und mitten in die Vorbereitung zu einem Atomschlag im indisch pakistanischen Grenzkonflikt. Wer weiß da Rat? Hat denn die Aufklärung und die Folgen nichts gebracht? Hatte Freud mit seiner Todestriebhypothese nicht viel mehr recht als uns allen lieb ist? Sind wir eine Bevölkerung von Todestriebtätern? Müssen wir nicht zugeben, daß die destruktive Gruppendynamik in unseren eigenen Gruppierungen trotz 5ooo Ausbildungsstunden nicht wirklich steuerbar ist? Müssen wir uns da wirklich über Großphänomene wie den Nationalsozialismus oder den Nationalismus am Balkan wirklich wundern? Gleichzeitig mit dem Eingeständnis unserer im Ganzen geringen Kenntnis sehen wir auch die Welle an Solidarisierung, an Hilfsbereitschaft immens anschwellen. Daß dazu noch eine Art von öffentlicher Scham angesichts medialer Offenlegung entsteht und auch politisch gefürchtet wird, ist ebenso zu sehen. Mein Vorschlag ist, den weltbildüberdauernden und allgemein bekannten Begriff des Sündenbockes zu nehmen und ihn ins Zentrum der Überlegung zu stellen. Mit dem Wort Sündenbock kann man auch die Legion an Opfern beschreiben, die, seit Menschengedenken Priesterschaften beschäftigen und Menschen, Tiere, Speisen und Pflanzen auf den Opferaltar bringen. Was man nicht opfert, ist nichts wert! sagen Kurden als Rechtfertigung ihrer Selbstverbrennung. Opfer bereichern das Leben! sagt noch um 195o die Deutsche Katholische Jugend in einer Jahresparole. Stellen wir also auf die eine Seite unserer Überlegung das Sündenbockopfer und auf die andere den Therapeutischen Sündenbock. Meistens Symptomträger genannt. Weil es mir schlecht geht, geht es wenigstens allen anderen gut! könnte die Maxime lauten. Psychotherapie hat es immer dann, wenn sie mit Systemen arbeitet Familien, Gruppen, Organisationen auch mit den Protagonisten der Symptome zu tun. Dieses Nebeneinandersetzen von religiösem und therapeutisch beschriebenem Sündenbock kann uns vielleicht ein Stück weiterbringen. Diese Vorgangsweise natürlich ist nicht selbstverständlich, ist doch für viele Psychotherapie eine Wissenschaft und Religion eben bloß ein Glaubenssystem und von daher stellt sich die Thematik gar nicht. (Ich gestehe ein, daß mir diese therapeutische Perspektive, so wie sie vermittelt wird, oft und oft zu eng und zu dürftig erschien. Deshalb mein übergreifendes Interesse.) Für andere stellt es sich möglicherweise ganz umgekehrt dar: Sowie die Wissenschaft ein später Abfall vom ursprünglichen religiösen Glauben darstellt, so ist auch Psychotherapie eine defizitäre Form des Religiösen überhaupt;. (Dieser Ansicht konnte ich wegen ihres traditionalistischenen Charakters nicht folgen). Schließlich finden diejenigen unter uns, die gewohnt sind, die bedrohliche Realität durch fein säuberliche Katalogisierungen zu bewältigen auch hier kein Problem: Religion erfordere ebenso wie Wissenschaft als Spezialgebiet eine Spezialkompetenz. Es komme daher nur auf die richtige Indikation und Diagnose an, um den Therapeuten/In oder den Pfarrer/In zum Patienten zu rufen. (Eine pragmatische Krankenkasse wird den effektiveren oder sogar beide schon bezahlen! Ein Standpunkt, der eher ein Symptom denn eine Lösung anbietet). Man denkt dabei auch an das grimmige Wort Freuds, falls ihm ein zweites Arbeitsleben geschenkt würde, würde er auch zeigen, daß der Liebe Gott nicht nur nicht im Himmel wohnt, sondern auch nicht im Keller...! Das wirkt auch heute noch nach. Im Himmel erweist sich Gott als Projektion oder Konstrukt der bedrängten Menschen, im Keller als Ort des kollektiven Unbewußten ist nach Freuds Vermutung der letzte Schlupfwinkel Gottes, den die analytische Psychologie ihm zugestanden hatte. Inzwischen ist ein halbes Jahrhundert ins Land gezogen .Die Psychotherapie hat schon in der Psychoanalyse eine Zwei Götter Lehre gebildet, dann sogar in Form der Transpersonalen ihre eigene Religionsform entwickelt. Was als LSD-Therapie begann entwickelte sich zu einer Art Neu stoischer Philosophie mit Ritual und gnostischem Einschlag. Ein faszinierendes Phänomen einer Religionsrenaissance. Aber kann es angesichts der Weltkrise, in der wir uns befinden, weiterhelfen? Die alten, therapeutischen Grundfragen aber bleiben also nach wie vor auf dem Tisch: Gibt es eine religiöse (spirituelle) Erfahrung , die sich nicht als Projektion oder Eigensuggestion wegerklären lassen muß? Gibt es neben dem wiederholt therapeutisch ausgewiesenen Schaden durch Religion ganz umgekehrt auch einen Nutzen? Gibt es einen Berührungspunkt eine Schnittstelle wo sich der therapeutische Aspekt sozusagen 1:1 mit dem religiösen trifft? Ich meine, daß der religiös wie therapeutisch beschriebene Sündenbock diese Schnittstelle darstellt. (Renee Girard als Literaturwissenschafter und Raimond Schwager als Theologe seien hier als Proponenten der Sündenbockhypothese stellvertretend für zahlreiche andere genannt. Ich verdanke ihrem Blickwinkel wesentliche Anregungen.) 1. Beginnen wir mit dem religiösen Sündenbock: Tatsächlich gibt es religionsphänomenologisch, wie auch kasuistisch therapeutisch gesehen vielgestaltige Formen des Sündenbockes. Gehen wir aber zuerst von der typischen Beschreibung aus: Der klassisch - biblische Text, der sich auf den Sündenbock bezieht und dem Syndrom den Namen gegeben hat steht bei 3 Mos 16,21 ff. und lautet : Aaron stemme seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes, bekenne über ihmalle Verschuldungen der Söhne Israels und alle ihre Übertretungen hinsichtlich aller nur möglichen Verfehlungen und lade sie so auf den Kopf des Bockes, dann schicke er ihn durch einen dazu bereitgestellten Mann in die Wüste. So nimmt der Sündenbock all ihre Verschuldungen mit sich in die Abgeschiedenheit des Wüstenlandes; in der Wüste aber lasse ( der Mann ) den Bock laufen. Der Text ist ungefähr 3ooo Jahre alt. Der springende Punkt dieses Ritus ist die Bewältigung des Problemes der überschießenden Gewaltbereitschaft der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Die regelmäßige Entladung der negativen, tendenziell tötenden Gewalt (im Text Verfehlungen, Verschuldungen etc genannt.) ermöglicht die Kontrolle der gewalttätigen, aggressiven Energie. Indem sie auf hin zentriert wird, entsteht Einmütigkeit , die die Gesellschaft untereinander zusammenhält und deren Energie bündelt. Der Sündenbock verhindert durch seine Schuldbeladung und darauffolgende Tötung das Anschwellen der Mordtaten, die das Rad der Blutrache in Bewegung setzen. Aus Erfahrung wissen wir, daß diese Rachebewegung aus sich selbst heraus nicht mehr zu stoppen ist. Der Sündenbock setzt voraus, daß tatsächlich eine Gewalttat Mord zB oder ein großes Übel geschehen ist. Obwohl wir dazu neigen, der innerpsychischen Realität den Vorrang vor der faktischen zu geben, geht es urspünglich nicht um phantasierte, sondern um reale Geschehnisse. Freilich werden diese gerade auch mithilfe des Sündenbockopfers verformt, verdrängt und zuguterletzt sogar in eine Art von Kult umgewandelt. Deshalb heißt es in der Bibel gleich nach der Mordtat des Kain an seinem Bruder Abel : Damals (= nach dem Beginn der Stadtgründungen, der arbeitsteiligen Gesellschaft und der Vermehrung der Menschheit) begann man den Namen des Herrn anzurufen. (1 Mos 4,26) Der Ursprung religiöser Riten im Dienste der Mordverdrängung? Eine These, die immer wieder wenn auch in feinerer Form vorgebracht wurde. Diese Schuldigkeit wird auf den Sündenbock hinaufprojiziert und so aus der Verantwortung der Gesellschaft genommen. Obwohl entwickelte Gesellschaften ein Rechtssystem und eine unabhängige Justiz an seine Stelle gesetzt haben, tobt der Sündenbockmechanismus in verdeckter und informeller Weise in der Tiefendynamik der Gesellschaft weiter. So verdankt die Gesellschaft den Sündenböcken real ihr Überleben. Deshalb werden viele von ihnen nach ihrer Tötung aus lebensspendend, heilig also positiv gesehen. Das würde die bekannte religionsphänomenologische Beschreibung des Heiligen durch Rudolf Otto bestätigen: Mysterium fascinosum mysterium tremendum. Das religiöse Phänomen ist schrecklich faszinierend. Die Ambivalenz religiöser Phänomene ist bekannt. 2. Wenn wir auf unsere konkreten PatientenInnen achten so lautet die Frage: Sind sie nicht alle auch als Opfer der vielfältigen gesellschaftlichen Gewalt zu sehen? Sind die Grundmuster gesellschaftlichen Handelns nicht Rivalität und Aggressivität verbunden mit dem Mechanismus der Mimesis (=Nachahmung). Erklärt sich aus dieser eindrucksvollen Konfliktenergie nicht ein großer Teil der Gruppen Dynamik? Sind unsere PatientenInnen damit nicht im klassischen Sündenbock prägnant und zutreffend mitbeschrieben ? Wenn wir mit JA antworten müssen, bietet sich die jüdisch - christliche Perspektive an, die als einzige (historisch bekannte) die unterdrückende Gewalt offen benennt, das Opfer beim Namen nennt , und die Sündenbockopfer sukzessive beendet. Es ist daher nicht von ungefähr, daß die europäische Geschichte, zu deren Motoren die jüdisch christliche Tradition gehört, die Menschenrechte formuliert hat , an sozialen Netzen interessiert ist, und das Rote Kreuz, Amnesty International oder auch Global 2ooo aus sich entlassen hat. Und auch die Psychotherapie gehört in diesem Zusammenhang genannt. Und so sehen Sündenböcke aus, die wir aus der therapeutischen Arbeit kennen. Ich wähle absichtlich relativ unspektakuläre Ereignisse. Da gibt es einmal einen lokalen Sündenbock. Rund 10 Kilometer vom Austria - Center entfernt liegt die Kleinstadt Stockerau. Sie lag schon im Mittelalter am selben Ort direkt an der Kreuzfahrerstraße der Donau entlang Richtung Konstantinopel Akkon Jerusalem. Man war in Stockerau verunsichert. Soziale Ungwißheit, Krimanlität und das Uralt Problem der durchreisenden Fremden plagten die Bevölkerung. Als die aggressiv aufgeheizte Stimmung wiedereinmal am Sieden war, kam ein schottischer Jerusalem-Pilger in den Ort. Der Legende nach soll er Koloman geheißen haben. Er verstand kein Wort der Landessprache. Aufgegriffen und der Spionage verdächtigt, wurde er im Schnellverfahren verurteilt und an einem Baume aufgeknüpft. Man war sehr erleichtert. Das Übel war in die Schranken gewiesen worden. Zufälligerweise kam Wochen später ein todkranker Stockerauer Bub mit dem Leichnam des noch immer hängenden Koloman in Berührung und wurde gesund. Schlagartig drehte sich alles um. Koloman wurde fortan als Heiliger verehrt und später heilig gesprochen. Seine Gebeine ruhen leider nicht in Stockerau, sondern im Stift Melk im linken vorderen Seitenaltar der barocken Stiftskirche. Aber heute noch ist er der Stadtpatron von Stockerau. Koloman erfüllt alle Kriterien eines informellen Sündenbockes. Ein anderer informeller Sündenbock war Kapitän Doughty. Der berühmte Sir Francis Drake war sein Freund . Dieser lebte im 16. Jahrhundert und war Pirat im Dienste der englischen Königin Elisabeth I. Verschiedene Quellen berichten, daß er ein begabter Expiditionsleiter und Seefahrer mit geradezu unglaublichen Fähigkeiten war. Auf einer Geheimmission mit Wissen und Auftrag der Queen sollte er die Schätze des Spanischen Königs in Amerika plündern. Unruhig und überaus gewaltbereit erschien Drake auf der ganzen Reise. Dazu erlebten ihn die 164 Mann Besatzung seiner 5 Schiffe draufgängerisch, risiokobereit, herrisch, hochfahrend und autoritär Die angestaute Welle der Gewalt in seiner Flotte wurde immer unerträglicher, bis er endlich in Kapitän Doughty den Sündenbock zu finden glaubte. Seine Opferung sollte ihm die innere Ruhe und der Mannschaft die Einmütigkeit zurückgeben . In einem willkürlichen Verfahren verurteilte er ihn nach Schiffsrecht zum Tode. Das Urteil wurde nach gemeinsamen Empfanges des Abendmahles vollstreckt. Tatsächlich gelang die Expedition . Das Interessante an diesem Bericht ist seine Begegnung mit der staatlichen Justiz in England nach der Heimkehr. Die Aufdeckung der Mordtat durch ordentliche Gerichte also die wenigstens nachträgliche Beendigung des Sündenbockgeschehens gelang nur durch Niederschlagung des Prozesses. Es mutet eigentümlich an, daß die Frucht dieser verbrecherischen Expedition - einiger Reichtum samt Landsitz - im Besitz der Familie Drake bis etwa 1951 war. Darüberhinaus gilt der gewalttätige und mordlüsterne Francis Drake bis heute als unsterblicher englischer Freibeuter, der in seinem Wagemut das Banner St Georges rund um die Welt getragen hatte wie die Legende berichtet. Wenn ich aber an Sündenböcke denke, die heute in jeder therapeutischen Praxis auftauchen, so denke ich zum Beispiel an Edmund: Er war der Sohn eines spannungsgeladenen Ehepaares. Der Grund lag darin, daß sie ein Haus bauten und für nichts anderes mehr Zeit hatten. Auch nicht für ihren Edmund . Das Haus drückte sozusagen auf den Mann, dieser auf die Frau und alle drei zusammen auf Edmund . Er war erst 7 Jahre alt und so gab er diese Spannungen in Form einer Enuresis nächtlicherweise wieder ab. So wurde er zum Problemkind der Familie . (Zu ihrem Symptomträger wie wir so schön neutralisierend sagen), und zu ihrem Entlaster. Das sind die beiden Seiten eines Sündenbockes. Religionsphänomenologisch betrachtet entwickelte sich auch das Zubettgehen Edmunds zu einem Ritus. (Für Nichtfamilienmitglieder war das wegen dessen Banalität schwer zu erkennen.) Es ist alles in allem klar: Edmund war ein Sündenbock. Die alles entscheidende Frage, die der Fall Koloman von Stockerau, Kapitän Doughty und Edmund auslösen müßte, wäre: Auf welcher Seite steht ihr als TherapeutenInnen? Wo liegt euer Interesse ? Die Seitenwahl ist die Entscheidung über Beihilfe zum Leben oder zum Tode. Diese simple Frage findet eingeübte Antworten: Wir sind für die gesamte Familie da oder Wir sind neutral! Oder: Es geht nur um die Beseitigung des Symtoms! Oder: Wir sind natürlich für uns selber da alles andere wäre ein Helfersyndrom. Nach der israelisch christlichen Glaubenstradition aber steht Gott immer auf Seiten der Opfer. Die Grundtexte der Schrift beschreiben die Sympathie und Parteinahme ausdrücklich und ohne Umschweife. Denken wir nur an die Evangelien und Leidensgeschichte Jesu, denken wir an die Schilderung des ersten Mordes : Kain tötet seinen Bruder Abel, denken wir auch an die Jesuanischen Seligpreisungen der Armen, Trauernden, der Opfer von Ungerechtigkeit usw usw...im Neuen Testament . Alle diese Texte sind zuallererst parteiisch zugunsten der Opfer. Sie stehen alle auf Seiten der das Leben akzeptierenden Dynamik und decken offene und verborgene Zustimmung zu tötender Dynamik auf. So kann die Maxime Wir sind für das Gesamtsystem Familie da zum Satz verkommen: Besser Edmund gerät in Schwierigkiten als alle mitsammen. Besser ein Opfer, wie Kapitän Doughty als 164 Opfer an Matrosenleben. Besser ein Kolomann tot als Stockerau panisch angstvoll und gespalten. Diese Art von Mathematik überspringt die Frage nach dem Verhältnis des Ganzen zum Teil Edmund, Dougthy, Koloman. Ganzheiten aber können schicksalsmächtig und tötend sein. (Die zeitweise Nähe der Ganzheitspsychologie zum Faschismus spricht eine deutliche Sprache). Der Sitz im Leben für derartige Überlegungen aber ist die Frage, ob man insgeheim der Meinung ist, daß Macht und Gewalt schon allein wegen ihrer schicksalsmächtigen Eindrücklichkeit immer etwas Göttliches, Gehorsam forderndes an sich haben müßten. Deshalb darf man sich nach jüdisch christlicher Tradition nicht vor der Gruppendynamik Stockeraus im Falle Koloman, noch vor derjenigen an Bord der Schiffe von Sir Francis Drake oder der Familiendynamik Edmunds bewundernd oder billigend verneigen. Was göttlich ist, entscheidet nicht die Macht. Der Sieg im Heiligen Krieg, das Glückslos oder die pure Erfolgsstory haben zwar einen religiösen Aussagewert, aber geben keine Gewißheit darüber, ob man einer Religion selbstproduzierten Götzengebilden erlegen ist, oder zu Gott gelangt ist. Diese letzte Perspektive führt weit über den Vordergrundhorizont hinaus, den therapeutische Systeme ihren Schülern vermitteln. Das führt zur nächsten Antwort: Wirkliche Neutralität kann es in der Therapie nicht geben. Sie würde christlich - spirituell gesehen die Verweigerung einer persönlichen, inneren Stellungnahme bedeuten. (Was natürlich etwas ganz anderes ist, als sich agierend einzumischen!) Man kann und darf Kolomann, Doughty und Edmund gegenüber nicht neutral bleiben. Man ist gewarnt, zu Koloman verdrängend zu sagen: Wie ist es möglich, daß du justament in Stockerau um Nachtquartier gebeten hast? Oder zu Doughty: Was hat es mit dir zu tun, daß Francis Drake dich zu seinem Sündenbock erkor? Und zu Edmund: Papa und Mama müssen jetzt das Familienhaus bauen. Am besten du schluckst einige Medikamente für den Schließmuskel und nimmst dich zusammen, dann ist die Enuresis gleich weg...Du willst doch ein Mann werden, oder? Eine weitere Anfrage von seiten des christlichen Weges wäre die nach der Überwindung aller Opferideologien. Jesus als der letzte und engültige Sündenbock ist auch der Beginn einer sündenbocklosen Gesellschaft. Allmählich setzt sich diese Einsicht auch innerhalb der Kirchen durch. Eine viel wichtigere Folgerung ist die Frage nach der Personalität Gottes. Von New Age und Transperonaler heftig dementiert, durch Begriffe wie Kosmos oder Energiefeld etc. ersetzt, zeigt sich aber, daß im Zsammenhang gesehen ddas Recht, die Ewürde und die Personalität der Einzelperson von menschen (auch der TherapeuitenInnen) nicht ohne ermöglichenden Grund (Schöpfung) Gottes gedacht werden kann. Wenn es niemanden gibt, der ffragt:Kain, wo ist dein Bruder Abel? dann gibt es auch kmeine durchgehende personale Verantwortung. Das hätte schwerwiegende Folgen. Die Menschenrechte entstammen der christlich europäischen Denkbewegung. Der Kosmos sagt nicht DU. Jeder Sündenbock leistet also etwas für die Gesellschaft. Er balanciert ihr psychisches Gleichgewicht aus. Deshalb gilt ihre Mühe der Verhinderung seiner Aufdeckung. Es soll ihn geben und es muß ihn geben. Generationen von Therapeutinnen und Therapeuten treffen auf den subtilen wie offenkundigen Widerstand ihrer Patienten, wenn es darum geht, jemanden aus der Sündenbockrolle herauszuführen, um ihn oder sie zu heilen. Indem sie das tun, entdämonisieren sie die Familie oder die Gesellschaft ( nach biblischem Sprachgebrauch) vom Sündenbockmechanismus . So gesehen ist die Psychotherapie mit derselben faktischen Wahrheit verbündet, die die jüdisch christliche Spiritualität von Anfang an zu enthüllen verpflichtet ist. Und auch immer wieder enthüllt. Deshalb ist im Bereich des Sündenbockes wirklich ein Dialog zwischen Therapie und Religion möglich, bei dem beide Seiten durch ihre grundsätzliche Verbundenheit füreinander Bedeutung haben. Die Verbundenheit zeigt, daß Psychotherapie zum Gesamtvorgang Enthüllung der Wahrheit gehört. Die Wahrheit, die enthüllt wird ist in dieser Sicht zuerst die Tatsache der Leugnung mörderischer Gewalt, die durch mordähnliche Taten vermehrt wird und auf den Tod ausgerichtet ist. Darüberhinaus aber offenbart sich die diesen schrecklichen Vorgang aushaltende und die Menschen liebende Zuneigung Gottes als freie durch nichts zu erschließende Tat seiner Offenbarung. Die Psychotherapie selbst gehört zu diesem spirituell oder auch kirchlichen Akt im weiteren Wortsinn - des christlichen Weges. Das Schwierige dabei ist die Einsicht in die Vorläufigkeit, anfällige Menschlichkeit seiner globalen Verwirklichung. Er kann nichts von der religiöser Großartigkeit an sich haben, den Neukonstruktionen (der neue bessere Mensch) an sich haben. Unter den Bedingungen der Gewaltwelt wirkt der christlicher Weg lächerlich, schwach, wehleidig, dumm etc etc. Die Psychotheraspie hat immer wieder besonders in ihren besten Gestaltungen eine ganz ähnliche Beurteilung erfahren. Was für ihre Substanz spricht. Deshalb legt die Schnittstelle Sündenbock eine Entscheidung nahe. Sie muß nicht nur die religiöse Seite der Schnittstelle hinterfragen, sondern auch dasselbe bei sich zulassen. |
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