| Thesen
zur Stellung der Psychotherapie im abendländischen
Denken Vorbemerkungen: Das Phänomen der Psychotherapie entwickelt sich seit etwa 100 Jahren zu seiner ihm eigenen Gestalt. Man kann nicht sagen, daß Psychotherapie gleichzusetzen ist mit Psychoanalyse, oder personenzentrierter Therapie oder Körpertherapie oder systemischer Therapie etc. Man kann aber sehr wohl sagen, daß in all diesen Methoden sich Psychotherapie ereignet. Der Gesetzgeber hat sich im Zielparagraphen (Art 1) des Psychotherapiegesetzes von 1990 so festgelegt: Psychotherapie ... ist die nach einer allgemeinen und besonderen Ausübung erlernte, umfassende, bewusste und geplante Behandlung von psychosozial oder auch psychosomatisch bedingten Verhaltensstörungen und Leidenszuständen mit wissenschaftlich-psychotherapeutischen Methoden in einer Interaktion zwischen einem oder mehreren Behandelten und einem oder mehreren Psychotherapeuten /innen mit dem Ziel, bestehende Symptome zu mildern oder zu beseitigen, gestörte Verhaltensweisen und Einstellungen zu ändern und die Reifung, Entwicklung und Gesundheit des Behandelten (der Behandelten) zu fördern. Daraus folgt, dass es im strikten Sinn keine ziellose Psychotherapie geben kann, sondern daß der Heilerfolg (Milderung von Leidenszuständen) ein eigenes Kriterium für die sachgemäß richtige Ausübung der Psychotherapie bildet, dass unter dem Begriff Interaktion darauf verwiesen wird, dass dieser Heilerfolg aber nicht nur von einer sachgerechten therapeutischen Arbeit abhängt, sondern eim Prozess zwischen mehreren Personen ist. Schon allein diese wenigen Hinweise zeigen, dass das multifaktoriell bedingte Arbeitsfeld der PSTH vom prozeßhaften Hervorgang aus der europäischen Geistesgeschichte bestimmt ist, dass besonders markant ab dem 19. Jahrhundert immer deutlicher das allmähliche Bewusstwerden einer Sonderstellung samt zusätzlichen wissenschaftlichen Kriterien (Therapieerfolg, Berufsethik), die es in dieser Form in anderen Einzelwissenschaften nicht gibt, zu beobachten sind. Schon allein aus diesen wenigen Andeutungen wird ersichtlich, dass die Gestalt der Psychotherapie mit dem jeweiligen Zeitgeist, mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Bewusstsein, mit den wirtschaftlichen und politischen Umständen, mit der Ausprägung von Religion und vor allem mit dem jeweiligen Stand der Medizin korreliert. An dieser Stelle ist der Verweis auf das Skriptum von Univ.Prof. Dr. Augustinus Wucherer-Huldenfeld angebracht. Es ist ein für die SFU angefertigtes Skriptum, das in seiner Art und Konzeption eine Kostbarkeit darstellt. Es liegt dieser gegenwärtigen Vorlesung zwar nicht zugrunde, jedoch wird im Einverständnis mit Dr. Wucherer an entscheidenden Stellen auf diese seine Vorarbeit verwiesen. Besonders Wucherers Akzentsetzung auf psychoanalytische Perspektiven und Sigmund Freuds Gesamtwerk macht es notwendig, die dabei nicht so zur Sprache gekommenen Therapienmethoden der sogenannten humanistischen Psychotherapie (Gestalt-, Personenzentrierte, Familientherapie etc. etc., Psychodrama, Körpertherapien) und den großen Block der Verhaltenstherapien in den Blickpunkt zu nehmen. Sie alle sind anerkannte Methoden im österreichischen Psychotherapiegesetz (26 an der Zahl) und haben neben ihrer je eigenen Wahrheit auch die Wahrheit der Psychotherapie in sich. Obwohl man zugestehen muß, dass die Genialität Sigmund Freuds und seiner unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen in vielen Perspektiven Formulierungen und Einsichten hervorgebracht hat, die durchaus Allgemeingut geworden sind, muss man doch von den Einsichten und Perspektiven der anderen Schulengründer sprechen, will man das Ganze der Psychotherapie nicht schmälern. Weiters müsste man den Begriff abendländisches Denken im Titel dieser Vorlesung nicht nur auf abendländische Philosophie einschränken, sondern auf die gesamte, den Menschen betreffende abendländische Kulturgeschichte ausdehnen. Es ist lohnend und vielleicht sogar unumgänglich, mit der Geschichte der abendländischen Psychotherapie im griechischen Raum des 5. Jahrhunderts vor Christus anzusetzen. Der Hintergrund dieses Datums ist ein zeitliches Schema der Urgeschichte, das ungefähr so aussiehen könnte: 100.000 v.Chr.: mittlere Altsteinzeit (Wildbeuterkultur) 30.000 v.Chr. späte Altsteinzeit: Jäger und Sammler (Opfer und Bestattung). 8.000 v.Chr.: frühe Viehzuchtkultur (Beginn der Sesshaftigkeit) 7.000 v.Chr.: Geburt der Stadt (Lehmziegel; Jericho, Bagdad etc.). 5.000 v.Chr.: jüngere Steinzeit (Bauerndörfer, Getreideanbau) 4.000 v.Chr.: frühe Hochkultur (Tempelbau, Kupferguß) 3.000 v.Chr.: Stadtkulturen (Festungen, Wagen, Schrift) 2.000 v.Chr.: Bronzezeit (volle Hochkultur, soziale Differenzierung) 1000v.Chr.: Eisenzeit (archaische Hochkultur), Angesichts dieser ohnmächtig machenden, allgewaltigen Dynamik der Entwicklung tritt auch DER ARZT auf mit einem instinktiven und später rationalen Drang zu helfen, wo Not ist. Es ist der sogenannte HEILINSTINKT, der oft genug kritisch hinterfragt wurde und dennoch ein ganz erstaunlich bleibendes Phänomen darstellt. Diese Grunddynamik ist es, die bis zur Zeit der Aufklärung, das ist im 18. Jahrhundert, unablässig sich weiter entwickelte. Es bilden sich Einheiten von Religion, Magie und Medizin, es bildet sich der magische Medizinmann, Arzt und Priester zugleich, oft auch Richter, Seher und Gesetzgeber. Und es bildet sich auch die Berufstrennung Therapeut Priester heraus. Diese niemals ganz abgeschlossene Startepoche lebt fort bis in die heutige Zeit. Es mag verwegen sein, über Jahrhunderte hinwegzuspringen, um in die Zeit der Aufklärung 1800 n.Chr. zu kommen, tatsächlich aber ist erst in dieser Zeit von einer Psychotherapie im heutigen Sinn zu sprechen. Vorher gab es die Seelsorge von Ordensgemeinschaften und philosophischen Schulgemeinschaften, besonders die der griechischen Stoa. Besonders die stoische Philosophie, z.B. Epiktet, Seneka etc., und die Tradition der Mönchsgemeinschaften und klosterähnlichen Kathedralschulgemeinschaften. Obwohl sie alle nicht ausdrücklich Psychotherapie in unserem Sinne ausgeübt haben, so hatte doch ihre Tätigkeit therapeutischen und pädagogischen Effekt, z.B. die Acht-Laster-Lehre des Evagrius Ponticus oder die sammelnde Kraft der Summa Theologica des Thomas von Aquin - um nur wenige Beispiele zu nennen. Diese wenigen Stichworte lassen sich nur in ihrer Bedeutung verstehen, wenn wir den WANDEL DES WELTBILDES in Rechnung setzen. Ohne den beständigen und manchmal jähen Wandel des Weltbildes, das eine Gesellschaft beherrscht, lassen sich Texte oder auch rituelle Überlieferungen kaum in ihrer Kraft und Bedeutung verstehen. Die Weltbildforschung ist stärker geworden, aber noch immer hat die Psychotherapie in ihrem Selbstverständnis zu wenig auf das Weltbild geachtet, dem sie letztlich im Aufklärungszeitalter entsprungen ist. Die hauptsächlichen Veränderungen des alten Weltbildes (Weltbilder) und des Weltbildes der Aufklärung sind folgende: Die Quelle der Wahrheit ist nicht eine göttliche oder gottähnliche Offenbarung an der Spitze einer Wertpyramide, sondern die Erfahrung, ja sogar die ganz persönlich - konkrete Erfahrung eines Einzelnen, und die wissenschaftliche Sicherung dieser Erfahrung. Wissenschaft heiß dabei, jedermann(-frau) kann dasselbe Experiment an jedem beliebigen Ort zu jeder beliebigen Zeit mit genau demselben Effekt nachvollziehen. Es trifft sich an diesem Punkt höchste Subjektivität mit mathematischer Objektivität. Es versteht sich von selbst, dass ein derartiger Weltbildwandel in Gefahr steht, persönliche Tiefe oder künstlerische oder psychische kreative Ausdrucksformen auf das MATHEMATISCH NACHVOLLZIEHBARE ZU REDUZIEREN. Unsere gegenwärtige Kultur und Zivilisation ist durch diese Verflachung geprägt. Die Psychoanalyse als Speerspitze der Psychotherapie gegen diese Verflachung hat mit der Formulierung und Beachtung des UNBEWUSSTEN, der TRIEBDYNAMIK UND DER INTERPRETATION DER MENSCHLICHEN LEBENSLÄUFE ALS SCHICKSAL ZWISCHEN EROTISCHEN TRIEBEN UND TODESTRIEBEN viel dazu beigetragen, dass diese Verflachung aufgehoben wurde. Das hat der Therapie gut getan, besonders auch den Patientinnen und Patienten. Allerdings ist dadurch der Anschein erweckt worden, als wäre der Mensch keineswegs mehr ein Mysterium, sondern ein vorläufig unbekanntes Etwas, das man im Laufe von mühseligen Forschungen zu Ende rechnen werde können. Dem gemäß ist in diesem Zusammenhang Psychotherapie anfänglich eine Methode zur Erforschung des psychischen Apparates gewesen und erst in zweiter Linie eine Methode der Therapie. Die lange und umständlich anmutende klassische Analyse Sigmund Freuds war eigentlich kein therapeutischer Vorgang zur Beseitigung von Leidenszuständen. Erst die Kurzzeitanalyse, die fokussierten Formen der Therapie haben sich dem eigentlichen therapeutischen Ziel der Heilung angenähert. So kam es, dass sich parallel zur Geistesgeschichte der Aufklärung eine Geschichte der psychotherapeutischen Methoden ereignet hat. Genügte der erste Entwurf der freudianischer Analytik wegen grober materialistischer Vorbehalte nicht, so brach aus diesem Gefängnis Jakob Levi Moreno mit dem Psychodrama aus. Er war, wenn man so will, das expressionistische Universalgenie unter den Therapeuten. Und er bewirkte etwas mit seiner psychodramatischen Methode (Soziometrie in Gramatneusiedl - Mariental), Befriedung von Wohnhäusern in der Wiener Spittelberggasse und auch in Ottakring. Entwicklung der Soziometrie als Beschreibung menschlicher Gruppen, etc. Schon zur selben Zeit und kurze Zeit später, brach Alfred Adler aus der Freudianischen Psychoanalyse aus, unterstützte mit seiner Individualpsychologie zB die Sozialfürsorge der sozialistischen Wiener Stadtverwaltung unter Julius Tandler; aber auch die Freudianische Psychoanalyse wurde pädagogisch zB unter Siegfried Bernfeld und August Aichhorn. Von Bernfeld stammt die u.a. die Einrichtung von sogenannten Sprechsälen für Schüler, Lehrer und Eltern in Wien. Entwicklung der Gruppen- und Massenpädagogik durch August Aichhorn (Erziehungsheim Niederhollabrunn), Wilhelm Reich, und nach 1945 Raoul Schindler uva. Dann folgte ein jäher Bruch mit der relativ unpersönlichen psychoanalytischen Tradition zu einer mehr dialogisch fokussierten, personenzentrierten Gesprächstherapie, zuletzt zu der von Fritz und Lore Perls entwickelten Gestalttherapie. Letzere fußte auf einem bis heute sensationellen wissenschaftlichen Aufsatz von Christian von Ehrenfels aus dem Jahre 1890: Über Gestaltqualitäten. Die Psychotherapeuteinnen und Therapeuten, die weitgehend jüdischer Abstammung waren, mussten nach Hitlers Machtergreifung Europa verlassen. Das hatte neben allen schrecklichen Schicksalsschlägen die Folge, dass Großbritannien und Amerika zu Kernländern der Psychotherapie wurden,. Bezeichnenderweise verboten alle diktatorischen Regime tiefenpsychologische Verfahren und ließen bestenfalls politisch kontrollierbarere Verhaltensmodifikationen zu. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war auch durch einen langsamen Rücklauf der verjagten jüdischen Therapeutinnen und Therapeuten gekennzeichnet, z.B. Ruth Ronall, die nur schrittweise wiederum nach Wien zurückzukommen wagte, oder auch Sophie Freud, die Enkelin von Sigmund Freud, die erstmals auf dem Ersten Weltkongreß der Psychotherapie in Wien um 1990, sich wiederum der deutschen Sprache öffentlich bediente. Die Gestalt der Psychotherapie suchte, besonders von Österreich ausgehend, das auch eine historische Schuld in dieser Hinsicht zu begleichen hatte, ihre gültige Gestalt im Dachverband der Psychotherapeutischen Vereinigungen, geleitet von Hans Strotzka und Roaul Schindler.Sie schufen den menschlichen Boden für das später (1990) veröffentliche Psychologen- wie auch Psychotherapie-Gesetz. Das Österreichische Psychotherapiegesetzt, das so geschaffen wurde, ist das sachgerechteste weltweit und eigentlich das Grundmodell anderer europäischer Psychotherapiegesetze. Es darf nicht übersehen werden, dass durch dieses Zusichkommen der Psychotherapie ein ganz erheblicher Machtverlust für angrenzende Berufsgruppen ausgelöst wurde, z.B. Ärzte, Psychologen. Diese Verschiebung von Macht und Einfluß hatte auch ihre Auswirkungen auf die Pharmaindustrie und stellte besondere Anforderungen an politisches Können. Eine weitere Eigentümlichkeit Österreichs war auch die Beachtung nichtakademischer Therapeutinnen und Therapeuten sowie die Ausbildung des Standes der Sozial- und Lebensberater. Jede soziale politische Schichte der Gesellschaft sollte Therapeutinnen und Therapeuten entwickeln können, die gefühlsmäßig, mentalitätsmäßig, sprachlich nahe an den Randgruppen der Gesellschaft angesiedelt waren. Besonders deutlich wurde der Beitrag der Psychotherapie im Klinikalltag, im Bereich der Pflege, der Nachsorge, im Strafvollzug und im Beratungswesen (Wirtschaft, Politik etc.). Österreich hat gegenwärtig 7500 Psychotherapeuten, Wien 2500. Im Jahr 1970 gab es ungefähr 200 Psychotherapeuten in Österreich. Die Dunkelziffer derjenigen, die therapeutisch arbeiten, aber keine genügende oder keine anerkannte Ausbildung vorweisen können, ist schwer zu schätzen. Vielleicht geht man nicht fehl, wenn man zu den 7500 zugelassenen noch einmal 2500 nicht zugelassene Therapeuten rechnet. Das Bild, das sich so zeigt, ist das eines gewaltigen Aufschwunges, der in Form von zahlreichen Regional- und auch Weltkongressen, über Österreich weit hinausgeschwappt ist und sich mit amerikanischen und solchen anderer Länder vernetzt hat. Hat sich nun die Psychotherapie selbst gefunden? Hat sie ihre Rolle in der europäischen Geistesgeschichte aufgegriffen und zu Ende gespielt? Die Antwort darauf wird in den folgenden Kapiteln gefunden. Zum Weiterstudium: Vergleiche dazu im : 1)Skriptum
Wucherer, Seite 3 6; 19 38; 81-86; 93-99. |
|||||||||||||||||||
| > weitere Artikel | |||||||||||||||||||
| zurück |