| ÜBER
ERWARTUNGEN, VISIONEN UND GEMEINSCHAFT Knapp vor dem Jahreswechsel habe ich einen Brief eines alten kommunistischen Aktivisten bekommen. Mit besten Grüssen und Wünschen sende ich Ihnen beiliegende Informationen....Vorwärts ins Neue Jahr 2009 ! Ihr XY. Es leben die Weltrevolution! Wenige Feiertagswünsche haben mich so berührt wie diese. 6o Jahre lang stand Herr XY im Kampf gegen den Kapitalismus, gegen die Großgrundbesitzer, hielt Gedächtnisansprachen vor geringem Publikum, überbrachte Spenden an Angehörige ehemaliger Genossen usw usw. Die graue unbedankte Arbeit eines Funktionärs hat sein Leben geprägt. Aber noch immer schliessen seine Wünsche mit der Kurzformel seines Glaubens an seine Vision: Es lebe die Weltrevolution! Natürlich hätte ich auch altgewordene christliche Aktvisten beispielshalber zitieren können ebenso wie viele andere Menschen, die von einer inneren Vision getragen und gezogen werden. Obwohl vor Jahrzehnten ein österreichischer Bundeskanzler meinte: Wer Visionen hat sollte zum besser zum Psychiater gehen!- so wäre es verdammt schade, wenn eine gezielte Dosis von Medikamenten derartige Visionäre ruhig stellen würde. Sie sind nämlich nicht krank, sondern lediglich an die gegenwärtige Zeit nicht optimal angepasst. Sie stören dadurch, erregen deswegen auch Abwehr und bisweilen auch Mitleid. Aber wir sollten das Kind nicht mir dem Bad ausschütten. Würden alle Visionäre, alle Erwartenden und Hoffenden wirklich zu den Psychiatern gehen, wie der Herr Bundeskanzler von einstmals meinte, dann wären deren Praxen angefüllt bis obenhin und unsere Ortschaften, Strassen, und Büros leer. Denn mehr oder weniger bewusst lebt in jedem Menschen eine Inspiration oder eine innere Vision. Sie kann die Form eines Bildes, einer Szene, einer Art von Musikereignis annehmen, kann nur wie ein Erinnerungsfetzen aus einem Traum aussehen .... aber auf jeden Fall kann man diese Vision mit einiger Aufmerksamkeit ins Bewußtsein holen. Unter diesem Blickwinkel lässt sich zum Beispiel die gegenwärtige Kirchenkrise vom konservativen Aussichtsturm her gesichtet als ein bedauerliche Aktivität unwissender Spinner verstehen. Der Ruf nach einem ordentlichen Paukenschlag der kirchlichen Autoritäten wäre damit sehr verständlich - aber leider unproduktiv wie wir aus Erfahrung wissen. Ebenso gut aber könnte es uns alle berühren, dass viele verschiedene Menschen an einigen verständlichen Grundvisionen Anteil haben. So wie der unverdrossene Ruf nach der Weltrevolution aus dem eingangs zitierten Brief eine tiefe Sehnsucht nach Gerechtigkeit auf dem Globus zeigt, so rufen zahllose nach einer Korrektur der geschichtlichen Schicksale. Zum Beispiel im Gazastreifen. Auf diese Weise kommt etwas Erstaunliches ins Bild. Diese Inspirationen und Visionen, die uns unablässig zuströmen, halten uns alle im Guten zusammen. Ich scheue mich das alte Bild der Torte eines magischen Rundkuchens zu verwenden, aber ich tue es dennoch, weil es so einfach wie richtig ist: Wo immer man vom Rand weg ins Zentrum schneidet, bekommt man zwar nur ein Stück der Torte für sich, aber dennoch auch Kontakt zur Torte insgesamt.. Das Gemeinsame unter uns Menschen wird ausgedrückt und spürbar... Ein bescheidenes Experiment könnte das Gemeinte noch deutlicher machen: Wir könnten uns einmal verdeutlichen, wie unterschiedlich die inneren Weltbilder sind, die ihren Einfluß auf unsere Nachbarn in der U - Bahn ausüben. Da sitzen und stehen sie nun alle -Teilnehmer und Teilnehmerinnen an den Skandalen, die unsere Lebenszeit prägen - aber auch Träger von Zuversicht und Hoffnung selbst dort noch, wo der Tod droht. Vom Großvater haben sie das, von der Mutter jenes, aus eigener Erfahrung die Formung zu ihrem Welt-Bild. Kaum wurde diese Torte angeschnitten (um unseren Vergleich nochmals aufzugreifen) entsteht nicht nur Rivalität und Gier, sondern auch das Gemeinsame an Verstehen, am Geschmack und an der Atmosphäre des Essens. Als Spitalsseelsorger sollte ich vor Jahren einem alten Arbeiter die Sterbesakramente anbieten. Sie können mir die Kommunion gerne bringen sagte er. Wenn es Ihnen Freude macht! Ich selber glaube an das alles nicht - aber sie sind ja noch jung, - also warum nicht?.- Der alte Mann war voll Wohlwollen mir, dem so viel Jüngeren gegenüber. Dieses Wohlwollen war stärker als Parteigrenzen und selbst als Konfessionsgrenzen, ja selbst stärker als sein bevorstehender Tod gewesen. |
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