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          ES IST ZEIT DAS VERSTECKENSPIEL AUFZUGEBEN!
 
 Anlässlich der Präsentation des Buches „Zusammenrottungen“ (Va bene Wien 2002) führte Kirche Intern das folgende Gespräch mit Pfarrer Rudolf Schermann, sowie mit dem Analytiker Harald Picker und Autor Dr.Richard Picker.
 
·        Kirche Intern (KI): Zuallererst ein Einwand gleich vorneweg: Es werden viele Bücher präsentiert. Viel zu viele sagen manche. Handelt es sich um eine PR Aktion für KI und seinen – Kolumnisten Picker oder was sonst bewegt Sie, Herr Pfarrer Schermann  zu diesem Vorgehen?
 
Das Buch hat mich tatsächlich bewegt.  Es überschreitet unser gängiges Weltbild und korrigiert somit das der Säkularisation und der Aufklärung;
Endlich zieht jemand dort die Konsequenzen, wo die übliche Wissenschaft mit ihren Erklärungen stehen bleibt;
Und endlich gibt es wieder ein bewusst theologisches Buch, das in der Weiterführung von Erik Peterson, Heinrich Schlier, Romano Guardini, Urs von Balthasar und vieler anderer Autoren steht, nicht zu vergessen die zahlreichen literarischen Zeugnisse – Reinhold Schneider, Solschenizin,  Edzard Schaper –die üblicherweise ins Ästhetische wie auf ein Abstellgeleise verschoben werden
 
·        KI: Ist das nicht doch eine zu hohe Einschätzung ? Man sagt, der Text sei  streckenweise sperrig zu lesen....
 
Ach was solls? Das ganze Thema sperrt sich unserem Mainstream. Es ist ja bekannt, dass ich lange Zeit unter dem Kommunimus in Ungarn gelebt habe, ehe ich nach Österreich kam. Das prägt meine Lebenserfahrungen und schärft den Blick. Deshalb empfinde ich das eben erschienene Buch im ganzen als einen ehrlichen Wendepunkt. Mit einem bloss wissenschaftlich abgesicherten Glauben kommen wir auf die Dauer nicht weiter, weil das wissenschaftliche Weltbild viel zu eng ist. Stundenlang könnte ich Ihnen Schicksale, Erfahrungen, Berichte anführen, die mir deutlich zeigen, dass es die Wirklichkeit „dämonische Mächte und Gewalten““ gibt. Wir – gemeint ist der progressive und liberale Flügel der Kirche – haben die Bibel  zuerst entmythologisiert und dann durch die Literarkritik in einen Fleckerlteppich verwandelt, der alle springenden Punkte der Verkündigung verflacht hat. Es ist, wie wenn die Kraft aus dem Wort Gottes verschwunden wäre und zugleich auch unser Zutrauen in den Text. Was ja kein Wunder ist, denn wenn die Gesamtgestalt des Neuen Testamentes irritiert ist, dann  ist es auch die darin übermittelte Botschaft Jesu..
 
·        KI Heisst das, dass Sie auf ihre (entschuldigen Sie) älteren Tage eine konservative Wende vollziehen? Schermann wird plötzlich spiritueller? Oder traditioneller? Römische Theologie ist wiederum „In“?
 
Das heisst es gar nicht, Kirche war und ist bei mir immer „in“. Auch die römische Theologie gehört dazu. Überdies: bibelkritischen wissenschaftlichen Fragen zu stellen, ist natürlich notwendig,. Aber diese analysierende Tätigkeit geht auf Kosten der Gesamtgestalt des Glaubens  Ich denke die wichtigste Sache ist, dem Gotteswort in seiner Gesamtgestalt zu begegnen, eine zweite Sache ist, dessen Genese zu verstehen.-
Jedenfalls: Die „Mächte und Gewalten“ dieser Weltzeit“ gibt es in der Bibel. Es gibt auch den 11. September 2001 und die Erschütterung er zahlreichen Kriege und Diktaturen. Eben bereiten die USA den Irakkrieg vor....Ich bin erschüttert, das so deutlich zu sehen.  Der Stil des Buches weicht einer solchen Erschütterung –wie mir scheint – bewusst nicht aus. Es ist ein Versuch, ganzheitlich zu schreiben. Das alles zusammen macht mir die „Zusammenrottungen“ bedeutsam.
 
 
 
·        KI: Fragen wir also den Therapeuten : „Dämonen - Geister-Kräfte – Energien“ Was hält der Psychoanalytiker Harald Picker davon ?
 
Das Thema „Dämonen, Engel etc..“ spielt auf eine Auseinandersetzung mit Texten aus älteren Weltbildern an, die „Engel und Dämonen“ ganz selbstverständlich kennen. Die Frage nach ihnen liegt gegenwärtig „in der Luft“ Sie  wurde mir vielleicht auch deswegen vom Verleger Dr. Walter Weiss (Va bene Wien)  gestellt
Und das  sichtlich in der Hoffnung, dass nun von „psychoanalytischer Seite“ mehr kritisch – psychologischer Realismus in die Diskussion käme. Noch im Nachwort kämpft er mit seinem Autor wenn sagt, dass das Buch „das eines Psychotherapeuten sein sollte, und nicht das eines Mystikers, der womöglich an die Realexistenz der „Mächte und Dämonen“ glaubt. Und wenn das so ist – dann bitte nicht in diesem Buch! Sie haben ja auch einen Ruf zu verlieren!“ Ich weiss nicht, ob ich dem Herrn Verleger einfach hin zustimmen kann.
 
·        KI: Die Psychoanalyse hat doch den Ruf, nicht nur die älteste, sondern auch die skeptischeste aller Therapiemethoden zu sein, wenn es um religiöse Erfahrungen, um Offenbarungen und Visionen, um das Wirken von Engelwesen, Dämonen, - alles Elemente des alten Weltbildes - geht.....Stimmt dieses Vorurteil?
 
Es ist ja bekanntlich „den Psychoanalytikern“ nichts heilig, am wenigsten das Religiöse – sie halten es für eine interessante Ansammlung von Symbolen, Symptomen und daraus entstammendem Brauchtum. Christen könnten darin mit den „Psychos“ schon einig werden, denn tatsächlich verwahren sich Theologen dagegen, das Christentum als einfach „Religion“ zu bezeichnen - auch wenn es das Schicksal der Kirche zu sein scheint, immer wieder ins bloß Religiöse „hineinzurutschen“ - bis hin zu Predigten die eigentlich schon  den Tatbestand der Gotteslästerung darstellen, falls man sie ernst nimmt. - Vielleicht gerade deswegen, weil sie allzu fromm gemeint gewesen sind.
·        KI: Also sind die Psychos die besseren Priester? Meinen Sie das so?
 
Die „Psychos“ sitzen - wenn schon nicht im selben, dann doch in einem ähnlichen Boot wie die „Religiösen“. Sie hängen sich zwar keine Goldbrokatgewänder um - dafür aber die Tarngewänder der „Wissenschaftlichkeit“ hinter denen sich sehr gut Versteckspielen läßt. Sie lassen sich - wie die Kirche - nicht gern kritisieren und wenden ihre eigenen Lehren auf alles andere an - nur nicht auf sich selbst. Und da und dort- bei den Psychos und in den Kirchen - gibt es die Erneuerungsbewegungen, die positive Entwicklungen vorantreiben, so daß man optimistisch bleiben kann.
 
·        KI:: Religion als Flucht vor dem göttlichen Bereich? Das ist sehr interessant gerade von Ihnen als Psychoanalytiker zu hören, aber nun zur Wissenschaft, die als Religion der Jetztzeit gilt. Lässt die Wissenschaft überhaupt eine Erweiterung des gegenwärtigen Weltbildes um „Engelwesen, Dämonen, Mächte Gewalten“ zu?
Das ist der engere Kreis des angesprochenen Themas: Die weiter gefasste Frage lautet: Kann man als der Wissenschaft verpflichteter Psychoanalytiker an „Dämonen“ glauben , an „Geister und Kräfte“? Deshalb zuerst die Rückfrage an die Gründerväter:
Woran glaubten S. FREUD und C.G. JUNG als sie  das „Kollektive Unbewusste“ als wissen-schaftlichen Begriff in die Psychologie einführten ?
Zuerst C.G. JUNG :“ Das Kollektive Unbewusste ist ein Teil der Psyche........der seine Existenz nicht persönlicher Erfahrung verdankt und daher keine persönliche Erwerbung ist. Während das persönliche Unbewusste wesentlich aus Inhalten besteht, die zu einer Zeit bewusst waren,  aus dem Bewusstsein jedoch entschwunden sind, indem sie entweder vergessen oder verdrängt wurden, waren die Inhalte des kollektiven Unbewussten nie im Bewusstsein und wurden somit nie indi-viduell erworben.“
Oder S. FREUD : „Ohne die Annahme einer Massenpsyche, einer Kontinuität im Gefühlsleben der  Menschen, welche gestattet , sich über die Unterbrechungen der seelischen Akte durch das Vergehen der Individuen hinwegzusetzen, kann die Völkerpsychologie überhaupt nicht bestehen.....“(Freud 1978)
 
·        KI: Was schliessen Sie aus diesen Zitaten?
 
Sie lösen eine Anfrage aus: Sind diese Zitate nicht eher dem „religiösen“ Denken zuzuordnen als dem „streng“ wissenschaftlichen? Eine Massenpsyche, die sich über Generationen hin erhält und nicht mit den Individuen vergeht, die Raum - Zeit -unabhängig ist, keinen  „Ort“  hat...............?“ sich aber in die Individuen späterer Generationen „hineindrängt“, in ihnen auftaucht und die Individuen belastet....?
C.G.JUNG  begründete den Begriff der „Archetypen“, - Urbilder der Seele, die aus demKollektiven Unbewussten der gesamten Menschheitserfahrung seit Urbeginn stammen und sowohl in der Kunst als auch in Träumen ins Bewusstsein des Einzelnen Eingang finden können. Und er warnte vor dem leichtfertigen Umgang mit diesen Archetypen durch diePsychoanalytiker :
„Die Konfrontation mit diesen Archetypen setzt eine gewisse Bewusstseins - und Ich-Stärke voraus, soll das psychische Gleichgewicht nicht gestört werden. Auf jeden Fall soll ein Identifikation mit den Archetypischen Bildern vermieden werden, sonst muß man mit psychotischen Durchbrüchen rechnen. An die Stelle der Identifikation soll die Integration der unbewussten Bildkräfte treten, was voraussetzt, daß der Patient lernt, sich und den Therapeuten von diesen urtümlichen Inhalten des Unbewussten zu unterscheiden.“
S. Freud hat das sehr kurz ausgedrückt  :“ Wo ES war soll ICH werden“.
 
·        KI: Was bedeutet das in der therapeutischen Praxis?
 
In der „Psychoanalytischen Kur“ (der Ausdruck Freuds für die Psychoanalyse als Therapieform) gibt es die Grundform der Zweierbeziehung zwischen Analytiker und Analysand. Zwischen diesen Analysepartnern entsteht eine Beziehung, die als „Übertragungsbeziehung“ gestaltet
ist. Der Analysand überträgt Gefühle aus seiner Lebenserfahrung und aus seinem Unbewussten auf den Analytiker . In diesem entsteht als Antwort auf diese Gefühlsübertragung eine Gefühlsreaktion, die man „Gegenübertragung“ nennt und die vom Analytiker erkannt und als Diagnosehilfe reflektiert wird. Dabei wird der Analytiker mitunter hohen Spannungen ausgesetzt.
 
·        KI:: Das ist bekannt. Es trägt ja zum Prestige der Psychotherapeuten und Therapeutinnen bei, derartigen Belastungen gewachsen zu sein.
 
Hoffentlich sind sie es. Viel ungehemmt – aggressiver geht es bei den „Teufelsaustreibungen zu. Auch heute noch. Aus den Berichten über „Teufelsaustreibungen“ ist  uns bekannt, dass in solchen Szenarien der Exorzist -ausgestattet mit der Macht der kirchlichen Weihe - dem Dämon („unreiner Geist“) befiehlt, seinen Namen zu nennen. - Psychoanalytisch bedeutet dies die Forderung, aus der Anonymität des Unbewussten sich der Bewusstheit zu stellen, indem man das Ungeheure beim Namen nennen kann. Die Verdrängung soll mit allen damit verbundenen Gefühlen aufgehoben werden- wo ES war , soll ICH werden--
Der Besessene leistet gegen diese Aufforderung gehörigen und aggressiven Widerstand, verrenkt seine Glieder, schleudert dem Exorzisten Obszönitäten und Sakrilegien entgegen, stinkt nach Schwefel, was durch Darmwinde erklärbar ist, die er als Zeichen der Verachtung und der Wut auspresst. Mitunter schleudert er Gegenstände gegen den Priester.
Dieser wiederum wehrt sich mit Kreuz , Weihwasser  und Gebeten gegen diese Destruktionsmacht des Dämons. Er muss sich auch dagegen wehren, nicht selbst Obszönes in seine Gebetstexte einzuflechten, - was wider seinen Willen dennoch gelegentlich passiert. Er wird von körperlichen Obsessionen gequält, fühlt sich gewürgt, klammert sich an die Bibel:
„Im Namen Jesu Christi.....!“ betet er bannend und sich schützend...
Der Analytiker erlebt dies alles auch - zum Glück aber meist auf lange Zeiträume verteilt, quasi in homöopathischer Verdünnung. Natürlich hat die „Partnerschaftlichkeit“ und die Freiwilligkeit der Analysepartner  sowie die vergleichsweise „harmlose“ Theorie des Psychologischen beruhigende Auswirkungen. Aber eindeutig entsprechen die oben beschriebenen Vorkommnisse den Kriterien der Übertragung, des Widerstandes  und der Gegenübertragung. Statt an die Autorität der Kirche und an Jesus Christus klammert sich der
Analytiker aber an seine Theorie und an seine Identität als Nachfahre Freuds, der nach anfänglichen bösen Erfahrungen seinen Schülern das „Agieren“ eigener Triebkräfte und der des Analysanden verbot - zum Schutze beider.
Es ist zum Thema auch bedeutsam, daß ja S.FREUD in seiner Wortwahl nicht allzu vorsichtig war. So hat er das Wort „Besetzung“ sehr häufig für die Übertragung psychischer Kräfte -an deren zukünftiger Messbarkeit er sogar glaubte- verwendet. Die Liebe zwischen zwei Personen wird als „libidinöse Besetzung“ ausgedrückt. Übrigens kann als Störung jemand auch eigene Körperteile „libidinös besetzen“,  was dann Erklärung für psychosomatische
Erkrankungen bietet.  Der Begriff des „Besetzens“, des „Besessenseins“ ist da ganz nahe.
 
·        KI: Kehren wir wieder zur Eingangsfrage zurück : Wie steht also ein Psychoanalytiker zu „Dämonie“ und zu „Dämonenwesen“?
 
 Diese Frage führt mich in ein Dilemma: Wenn ich an dieser Stelle der Ausführungen antworten würde : „Die Psychoanalyse hat damit nichts zu tun - es ist lediglich eine Wahnidee von Dämonien zu reden....“, dann könnte ich dies nur unter Aufbietung aller meiner Arroganz und elitären Denkverweigerung tun.
Sag ich aber : „Natürlich gibt es Dämonen“ --werde ich sofort mißbräuchlich und unfair zitiert. So geht’s also nicht ! Die Frage läßt sich nicht „quantitativ“ beantworten - also mit „ja“ oder„nein“ - sie muß „qualitativ“ gestellt und behandelt werden.
Ich will dies gerne tun, indem ich sage : Ich stimme allen jenen zu, die .zur Erkenntnis kommen, daß es jene Inhalte und Energien gibt, die durch das Bild der „Dämonen“ oder der„Geister“ ausgedrückt werden, auch wenn diese Personifizierungen nicht als solche „real“ sind. Es ist wie in der Homöopathie : In so mancher Hochpotenz befindet sich kein einziges Molekül mehr der ursprünglichen Substanz obwohl sie hochwirksam ist
Mit diesem Vergleich soll ausgedrückt werden, was es heißt   „nicht quantitative sondern qualitative Realität“ festzustellen.
 
·        KI: Wir haben erfahren, dass die „Zusammenrottungen“ als Buch neben wirklicher Zustimmung auch Angst und Abwehr bei manchen Lesern und Leserinnen ausgelöst hat. Die Art dieser Gefühle hat eine eigenartige Qualität, so scheint es uns.
 
Das Buch, ruft durch die gefühlsmässig konkrete und direkte Darstellung die Realität auf, die beim Lesen Echowirkungen erzeugt. Die Qualität des Dämonischen wird spürbar, die Sehnsucht nach Erlösung für diese Welt ergreift mich. Diese Qualität des Dämonischen zu benennen, in ein Weltbild einzuordnen, in Weltanschauung und Menschenanschauung begrifflich einzubinden, ist wahrscheinlich zu allererst ein Sprachproblem, das zwischen verschiedenen Denkkulturen. besteht, in einer Art „babylonische Verwirrung“. Es fehlt das Pfingstereignis, trotz verschiedener Sprachen einander zu verstehen. Aus Angst, zu den „Aussenseitern“ gezählt zu werden, verweigern wir den „Geist“, der unsere Begriffe lebendig machen könnte. Wenn nach einem  katastrophalen Amoklauf eines Mitmenschen im Fernsehen der interviewte Psychiater als Erklärung „Eifersucht auf den kleinen Bruder“, „Zurücksetzung in der Familie“ oder gar den „Wertewandel“ anbietet, so merken nur die einfachen Leute den Schwindel und schütteln verständnislos den Kopf über „die Psycho-logen“ („Wenn jeder, der eifersüchtig ist, einen Amoklauf machen würde...“).
 
·        KI: Man sollte meinen, Intellektuelle, wozu ja Psychos gehören, könnten das leicht durchschauen..?
 
Wir „Intellektuellen“ unterwerfen uns leider dieser „Nullerklärung“, damit wir „sauber“ bleiben in unserer Denkwelt, wir wagen es nicht, zu sagen: „Es ist eigentlich nicht wirklichvollständig erklärbar, was da geschah“. Das Nächste wäre ja das Einbekenntnis: „Hier sind Mächte im Spiel, die......“Ich bin dafür, daß wir -gleichgültig welcher „Denkschule“ wir angehören - uns in solchem Sprachgebrauch einüben. Die Psychoanalyse hat schon früh damit begonnen, allerdings sehr geschickt versteckt.
Es ist Zeit, das Versteckspiel aufzugeben!
 
 
·        KI: An dieser Stelle wenden  wir uns an Richard Picker mit der Frage: „Meinen Sie genauso wie Ihr „psychoanalytischer“ Bruder, dass es um Bewusstmachung – also Aufdeckung des „Versteckspieles“ – geht? Vor allem aber: Wer versteckt sich da vor wem? Gibt es ein solches Versteckspiel auch im theologischen und politischen Bereich? (Sie zumindest sind ja aus dem Versteck hervorgekommen.)
 
Lassen Sie mich einige persönliche Sätze vorneweg sagen: Ich war 9 Jahre  als Seelsorger und 32 Jahre als Psychotherapeut tätig. Eines Tages habe ich mich hingesetzt und die vielen Protokolle meiner Berufstätigkeit angesehen. Dabei ist mir deutlich geworden, dass für Erfolg oder Misserfolg einer Therapie keine ausreichenden Erklärungen vorliegen. Natürlich gibt es irgendwelche Erklärungen – nur „ausreichende Erklärungen“ gibt es nicht. Es fehlt einfach immer irgendwo ein Stück – ich nannte das Fehlende den „Faktor X“. Besonders das Auf – und Ab – (scheinbar!!) der Weltgeschichte wie der Lebensgeschichten liess sich nicht wirklich erklären. So suchte ich bei Traditionen und Religionen und kam auf die Bibel, auf die christlich - theologische Tradition und verlor ganz gründlich meine aufklärerische Naivität. Wenn ich also die zahlreichen Erfahrungen von Menschen wirklich ernst nehme, so muss ich mein wissenschaftliches Weltbild um „die Unsichtbaren“ (wie das Glaubensbekenntnis von Nizäa sagt), erweitern.
 
·        KI: Das geht so einfach? Man nehme die Engel und Dämonen älterer oder anderer Weltbilder und mixe sein kurzerhand mit dem wissenschaftlichen von heute – und schon kommt man mit der terroristischen Wirklichkeit wiederum zurecht?
 
Keineswegs ist das ein einfacher Prozess. Weltbilder bestehen auch aus Gefühlsklustern, aus Identitäten, aus Orientierungspunkten, die überlebensnotwendig empfunden werden. Sie geben uns ein „Heimatgefühl“, sie stützen unsere Identität. Überdies wacht die Gesellschaft genau darüber, ob jemand weltbildgemäss „normal“ ist, oder eben anders, „verrückt“ oder gar psychotisch zu gelten habe. Was zur Aufbewahrung in der Psychiatrie führen kann. Trotzdem: Es bleibt keine andere Wahl, wenn wir die erfahrbare Wirklichkeit ernst nehmen. müssen wir die unsichtbaren Wesenheiten aus dem alten Weltbild mitnehmen.
 
·        KI Und was bringt das an Einsicht?
 
Das bringt zuerst ein philosophisches Problem und dann erst die Einsicht. Wir müssen uns mit ungewohnten Existenzweisen anfreunden. So zum Beispiel, dass die „Mächte und Gewalten“ irgendwie personale Wesen sind, also ansprechbare Wesen von Intelligenz und Willen, ein „intentionales, rationales, voluntatives Gegenüber“ wie Heinrich Schlier sagt. Oder auch wie Rene Girard formuliert: „Satan kann nur als Parasit fortbestehen, indem er sich in das von Gott Geschaffene einnistet, es neidisch, grotesk, pervers imitiert....“ Das Christentum zwingt niemanden, in Satan ein real existierendes Wesen zu sehen. Die Interpretation, „die in Satan die konflikthafte Mimetik erkennt, erlaubt es erstmals, den Herrscher dieser Welt zugleich nicht herunterzuspielen und ihm doch kein personales Sein zuzugestehen, was ihm die traditionelle Theologie zu recht verweigert“. Diese beiden Zitate markieren die Schwierigkeit sich auf eine neue Weise der Existenz einzustellen, die nicht in die normale gewöhnliche Entweder - oder Logik passt.“Irgednwie personal“ gegen „nicht personal“.“Entweder es existiert etwas, es gibt etwas oder es gibt etwas nicht!“ Das ist die gängige Denkweise. Bei den Mächten und Gewalten und besonders im Begriff des Satan zeigt sich aber eine paradoxe, widersprüchliche Erfahrung, die nicht nach dem Entweder – Oder – Schema zu begreifen ist. Die Tradition versteht diesen Vorgang als einen Verschleierungsversuch der Mächte und Gewalten, als eine lügnerischen Tarnung nur zu dem Zwecke, unerkannt und nicht beachtet ihr, konkurrierendes Verhältnis zu Gott auszuleben – Ich höre an dieser Stelle auf, das Phänomen weiter zu erklären. Auch viele Worte schaffen die Verwirrung nicht aus der Welt, die uns alle befangen hat.
 
·        KI: Ja, was können wir denn überhaupt dann tun? Wird sich der 11. September wiederholen und bis zum totalen Weltuntergang steigern müssen?
 
Ich habe versucht, die Regelungsversuche gegen destruktive Mächte und Gewalten darzustellen. Ich habe gezeigt, dass die Nazi-Pädagogik in fast zynischer Weise mit diesen Mächten und Gewalten mitgeht, dass der Versuch der Ordensregeln und ähnlicher strikter Ordnungen leider auch keine absolute Sicherheit gewähren kann. Dass Ausgleichsopfer religiöser Art wie Sündenbock und Hekatomben von Opfern verschiedenster Art den Dämonen nicht das Maul stopfen konnten und bin erneut bei der Jesuanischen Offenbarung gelandet:
Diese lehrt uns erstens, dass jeder einzelne Mensch persönlich seine Entscheidung für Gott und gegen den faszinierenden Pakt mit den Mächten treffen muß. Das ist unendlich schwer, wie die Geschichte aller Widerstandsbewegungen gegen politische Dämonie zeigt.
Dann, dass man mit aller Möglichkeit wachsam bleibt und die Phänomene beobachtet. Dazu kommt der Versuch in einen unermüdlichen entschlossenen Zustand des Gebetes zu gelangen, damit die Verführungen zum Missbrauch der Macht nicht im persönlichen Bereich andocken können. Man könnte also die drei Hauptvokabeln aus dem ersten Petrusbrief anführen: Nüchternheit, Wachsamkeit, Gebet.
 
·        KI: Also, im Grunde nichts Neues, was sie anzubieten haben?
 
Es geht nicht um alt und neu also um kitzelig Sensationelles oder schon Bekannt, sondern um Wirksames oder Unwirksames.
Ich habe auch versucht, ganz auf des Messers Schneide weiter zu gehen, weil es keinen neutralen Parkplatz in dieser bedrängenden Situation gibt, auf dem man in aller Ruhe Lexika studieren könnte. Unsere Situation ist fundamental bedrohlich und deshalb muß auch die Antwort bis auf die Fundamente unserer Existenz gehen. Das kann nur in Form einer persönlichen Erschütterung, die zum Glauben führt, geschehen.
 
·        KI: Also heißt das: Alle sollen „katholisch“ werden?
 
Das heißt es natürlich nicht, weil das zuwenig wäre. Es kommt darauf an, dass die Grundfrage, Ja zu Gott und Ja zur Schöpfung mit ganzem Herzen und allem Vermögen, das jemand hat, gegeben wird und auch politisch beachtet wird. Und das wäre wichtig für religiöse, wie nicht religiöse Menschen auf allen Positionen, die jemand gerade einnimmt.
Deshalb habe ich auch versucht eine neue Form der Darstellung zu finden. Sie sollte nicht nur den wissenschaftlichen Bereich umfassen sondern auch den menschlich-existenziellen. Mein Versuch war, den Prägnanzen eines Prozesses zu folgen, die innere Logik zu bedenken und die gefühlsmäßige Bedeutung zu vermitteln. ( Ob dieser Versuch geglückt ist?) Wir brauchen jedenfalls eine Sprache, die eine Reaktion auf die Gesamtwahrheit unserer heutigen Situation darstellt und nicht eine abstrakt-dichterische oder abstrakt-wissenschaftliche Sprache.
 
·        KI: Da haben sie sich aber gewaltig viel vorgenommen
 
Natürlich habe ich das. Aber was anders hätte ich tun können, angesichts der Situation, so wie sie sich mir darbot. Lassen sie mich aber nochmals sagen, es geht nicht um’s Recht behalten und um’s Ausstoßen von Kassandra-Rufen. Es geht darum, zu einem gemeinsamen neuen Konsens zu kommen und wie mein Bruder oben so treffend formuliert hat,
das Verstecken spielen endlich zu beenden.
 
·        KI: Wir danken ihnen allen sehr für dieses Gespräch.
 
Und nun zum Buch:
 
„Zusammenrottungen“ Gefahren aus Dämonie, Ideologie und Religion
Va-Bene Verlag, Wien-Klosterneuburg, 2002, Euro 23,90
Über die Redaktion „Kirche In“ oder im guten Buchhandel erhältlich
                           
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