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Vom Keller in den Abgrund und
wohin?
Ein
unglaubliches Getöse ist rund um den Fall
Fritzl und Amstetten entstanden.
Schon vermuten durchaus seriöse europäische
Prozessbeobachter, dass damit die leisen Töne einer
notwendigen Nachdenklichkeit zugedröhnt werden könnten.
Nichts gesehen! Nichts gehört! Alles in bester
Ordnung gewesen! Niemand von den Behörden und den
Nachbarn ist von irgend einem Zweifel auch nur gestreift
worden! Sagten sie einander zumindest. Alles
war ganz so ordentlich wie bei dem kleinen Luka gewesen.
(Und der ist jetzt tot!)
Es
zeigt sich ein schauerlicher Gruppenmechanismus, der
offenbar stärker ist als alle Impulse, die im Gewissen
aufgetaucht sein mögen. Und Behörden bestehen aus
vielen gebündelten Gruppenmechanismen. Man darf sich
nicht geringschätzig mit ihnen anlegen sonst
gefährdet man sich selber. Das ist seit dem
Ringtheaterbrand vom 8. Dezember 1881 offensichtlich in
das öffentliche Bewußtsein eingegangen. Damals meldete
der Polizeiverantwortliche dem Kaiser: Majestät,
alles gerettet!. In Wahrheit gab es 386 Todesopfer.
(Bezeichnender Weise steht auf diesem Grundstück heute
das Polizeipräsidium von Wien.)
Dieser
beharrliche und starke Mechanismus der Selbstverteidigung
behindert natürlich auch das Zutrauen der Bevölkerung.
Wer wird schon einer mächtig gewordenen Behörde
Vermutungen melden wollen, die zur Aufdeckung eines
Verbrechens führen könnten? Welcher Staatsbürger kann
einem Heer von Juristen widerstehen, das die Behörde zur
Verfügung hat? Deshalb also 24 Jahre Schweigen der
Behörde gegenüber und 24 Jahre mehr oder weniger
bewusstes Wissen um Hinweise, dass im Keller etwas
nicht stimmt.
Ein
zweites wesentliches Ergebnis ist, dass die Verdrängung
krimineller Taten keineswegs ein österreichisches
Privileg darstellt. Weltweit ist es für Menschen sehr
schwierig eigene Schuldigkeiten zuzugeben. Österreich
hat immerhin der Welt die Psychotherapie geschenkt und
diese hat mit der Psychoanalyse Freuds begonnen. Und der
springende Punkt dieser Psychoanalyse ist die
Erschütterung der Meinungen durch die faktische Wahrheit
und die Rücknahme der Spaltungen und Projektionen, mit
denen wir uns die Last unserer Verantwortung leichter
machen wollen. Das heißt in der Praxis: Nicht der und
jener ist allein ein Schuldiger, sondern auch ich könnte
durch das Wegphantasieren eigener negativer Impulse,
Wünsche, Gedanken, zu einer tötenden Atmosphäre und
Mentalität beigetragen haben. Und auf die
Atmosphäre kommt es sehr an!
Bleiben
wir beim Keller von Amstetten. Die Beteuerung, wie schön
Amstetten im ersten Stock ist und wie lieb die Menschen
am Hauptplatz sein können, stimmt. Das ist überall auf
der Welt so. Aber wenn die Kellertüren alle einmal
gefunden sind und geöffnet werden was dann ans
Tageslicht kommen wird, wagt man kaum zu denken. Im Grund
verdrängen wir das alles. Und müssen es auch
verdrängen, solange wir nicht wagen können, unserer
eigenen Wahrheit zu begegnen. Deswegen ist sehr gut, sich
im klaren zu sein, dass das zivilisatorische Eis sehr
dünn ist, auf dem sich eine Gesellschaft bewegt.
Man
kann einfach nicht alle Menschen vorsichtshalber von
allen Menschen fernhalten, damit nichts Böses geschieht.
Man kann auch nicht neben jeden Menschen einen Polizisten
stellen. Die wirkliche Entscheidung, um die es geht,
lautet vielmehr: Sind wir alle dafür, dass es uns gibt
und dass es den Kosmos gibt? Dass jetzt Kreti und
Pleti sich daran versuchen, Amstetten zu erklären,
dass die Justiz durchaus in dieser Soap Opera mitspielt,
ist erschreckend, aber nicht ganz. Denn die Göttin
Justitia hat Fläschchen beschafft und stellt sogar
Geruchsproben aus dem Keller zur Verfügung... als ob es
nicht mehr auf die Vernunft ankäme als auf ein
Fläschchen mit miesem Gestank ... Wir sollten den Weg
des Geschwätzes und des Theaters endlich verlassen
und schlicht bei den Fakten bleiben. Das freilich
scheint ein harter Weg zu sein und es ist keine gute Idee
gewesen, die Klassenschülerzahlen hoch und das
Bildungsbudget gering zu halten. Denn ein Abgrund, in den
man blicken muss, lässt sich nicht wegerklären. Er ist
und bleibt bedrohlich. Wirkliche Lehrerinnen und Lehrer
sollten uns lehren, diese Situation zu bestehen.
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