Was bedeutet Tradition? Versuchen wir uns klar zu werden, was alles mit der Tradition verbunden ist. Gegenwärtig wird ja dieser Begriff in vieler Weise verwendet. Für die Kurie und das kirchliche Lehramt heißt das : WIR SIND DAFÜR ZUSTÄNDIG und sonst niemand. Tradition ist also gruppendynamisch oder auch organisationsdynamisch gesehen ein Machtanspruch. Das verstärkt sich dadurch, daß niemand genau den Umfang der Tradition aus der Offenbarung ableiten kann. Die Kirche und ihr Lehramt legt fest, worauf sie sich beruft, wenn sie von Tradition spricht. Wenn die Protestanten in der Reformationszeit vom SOLA SCRIPTURA - PRINZIP (Nur die Heilige Schrift allein ist wesentliche Glaubensquelle!) gesprochen haben, so ist das ein Protest gegen die machtzentrierte kirchliche Aneignung der Tradition gewesen. Sie wollten möglichst zum reinen Glauben der Hl. Schrift zurück. Man kann das verstehen, wenn man bedenkt, was alles schon als unaufgebbare Glaubenstradition bezeichnet wurde. In jüngster Zeit das Verbot der Frauenpriesterweihe zum Beispiel samt der päpstlichen Argumentation, die ehrlich gesagt kindlich anmutet. Natürlich wirken derlei Mitteilungen wie ein Theologengezänk ohne wesentliche Bedeutung für den persönlichen Glauben, eher wie Requisiten eines aus dem Rahmen gelaufenen Kirchentheaters. (Kann immer passieren und ist öfters tatsächlich passiert. Aber es bringt nichts wie die Leute sagen. Der Kontext des alten Weltbildes ist ihnen still und leise weggebrochen, ohne dieses alte Weltbild im Hintergrund aber ist manche Tradition unverstehbar.) Jedoch: Ganz anders verhält es sich, wenn die Kirche die Glaubenstradition aufgreift, die wie ein verborgener Strom durch die Jahrhunderte in den Tiefenschichten der Gesellschaft weiterläuft. Man erkennt das daran, dass plötzlich alle auf irgendeine Weise wissen wovon die Rede ist. Die Begriffe der Kirche sind dann wie Schlüssel, die die verborgenen gewesenen Schatztruhen aufschliessen können. Die traditionsgebundenen Inhalte kommen an die Oberfläche, werden verständlich und einleuchtend. So etwas ist zum Beispiel einmal Mozart passiert. Die Zauberflöte war bei der Premiere nur ein mässiger Erfolg gewesen. Aber plötzlich begann die Opera zu steigen , wie Mozart in einem Brief schreibt und dieses Steigen hält bis in die Gegenwart an. Sie ist heute eine der am öftesten aufgeführten Opern weltweit. Ein anderes Beispiel. Pater Lombardi SJ predigte am Wiener Stephansplatz (Ich glaube es war in den 50-er Jahren gewesen) einen Zyklus für eine bessere Welt mitten ihn einem veritablen Regen, der überraschend niederprasselte. Pater Lombardi musste ganz langsam sprechen, da er sprachlich nicht genügend des Deutschen mächtig war. So war keinerlei Sensation in seinem Text zu bemerken. Und das nasse Wetter war auch nicht sehr ermunternd. Aber die Leute begannen zu weinen, als er die Begebenheit zwischen David und Bathseba schilderte (den Ehebruch Davids und den Ausbruch seiner Reue). Pater Lombardi und seine Zuhörer am Stephansplatz standen plötzlich mitten im Strom der Tradition und nicht nur im Regen. Vielen von uns rannen die Tränen über die Wangen. Offenbar waren die Engel der Traditione am Stephansplatz unter uns. Derartige Ereignisse sind sehr kostbar. Man kann sie nicht machen. Einige Zuhörer vom Stephansplatz erlagen trotzdem einer macherischen Versuchung und gaben die Parole aus: P. Lombardi würde nächsten Morgen um 7.00 in der Universitätskirche die Messe lesen. Also eilten wir alle nächsten Morgen in die UK und tatsächlich las Pater Lombardi völlig schlicht seine Heilige Messe. Das Konzil war noch nicht durchgedrungen und so las er isoliert von uns am Hochaltar dahin. Nichts besonderes geschah. Alles war genau so wie immer. Der wunderbare Kontakt zum grossen Strom der Tradition des Glaubens war wie weg geblasen. Die Orgel spielte eine Mixtur aus Schubertmesse und Herz-Jesuliedern. Aber eine kleine Erleuchtung stellte sich im nachhinein dennoch ein: Mein Onkel sagte zu mir: Wir müssen uns klar werden, wo wir in dieser Tradition stehen müssen. Das ist eine Art Berufung! Für alle Menschen Das gebe ich gerne weiter. Außerhalb jeder Tradition kann niemand wirklich stehen. Da kann man sich bestenfalls herumtreiben zwischen gescheiten Worten und Bibliotheken an totem Wissen. Es käme aber genau darauf an, das nicht so zuzulassen. Es käme darauf an, den uns zugewiesenen Platz zu begreifen und einzunehmen. Jeder und jede hat so einen Platz zugewiesen bekommen. Das Lebensglück hängt daran. |
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