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          Zusammenhänge sehen
 
Es ist  eine Binsenweisheit, dass man nur aus einer gewissen Distanz den Lauf eines Flusses sehen kann, denn am Ufer  stehend hat man  eher den Eindruck einer beschränkten Wasserfläche. Der Zusammenhang unzähliger Wasserflächen zum Ganzen eines Flusslaufes ist etwas Neues im Vergleich zu einer in sich isolierten Wasserfläche.
Ganz ähnliches  erleben wir, wenn wir unseren eigenen Lebenslauf betrachten.. Er enthüllt sich immer mehr, je älter wir werden Der Beobachtungspunkt und die Distanz  entscheidet darüber, ob wir Zusammenhänge sehen können. Und erschreckender Weise gibt dieser entferntere Beobachtungspunkt oft neue Dimensionen des Geschehens frei. So zeigt sich hinter den oft berichteten einzelnen „sozialen Härtefällen“ in unserer Umgebung allmählich, dass in breiten Volksschichten  Europas die Armut auszubrechen droht. Natürlich hat es immer arme und weniger arme Menschen gegeben und darüber einige besonders reiche. Aber die Entzauberung zahlreicher Schlagworte durch das tatsächliche Sehen des Gesamtzusammenhanges ist etwas ganz anderes als der Glaube an  vereinzelte Schlagworte. Nehmen wir z.B.
das Schlagwort Nr. 1: Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es uns allen gut. ( Bestandteil beschwörender   Sonntagspredigten von Politikern.) Klingt wirklich sehr vernünftig! Wenn wir aber auf den Raum Europas achten, den wir kennen, so ist ein Zusammenhang zwischen dem „Gutgehen der Wirtschaft“ und dem zunehmenden Verarmen der unteren und mittleren Schichten unserer Bevölkerung dennoch deutlich zu sehen. Also müsste man dieses Schlagwort der Realität entsprechend so formulieren:  „Wenn es der Wirtschaft gut geht, dann wird es den arbeitenden Menschen bald schlechter gehen....“  Viele Faktoren bewirken einen Zusammenhang.
Schlagwort Nr. 2 (aus dem kirchlichen Bereich):
Das Problem der  Geschiedenen oder des Zölibates kann nur die Weltkirche lösen.
Die Erfahrung zeigt aber, dass „die Weltkirche“ diese beiden Probleme eben nicht löst, sondern dem Papst zuschiebt, oder auch dem Sankt Nimmerleinstag. Wiederum viele Faktoren und dennoch ein Zusammenhang. Also müsste man sagen, aus der Erfahrung zeigt sich, dass die Weltkirche nichts löst, was nicht schon die Teilkirchen vorher einer Lösung zugeführt haben.
Schlagwort Nr. 3:
Wer sich mit dem Zeitgeist ins Bett legt, wacht als Witwer wieder auf.
Ein richtiges Schlagwort übrigens, es betrifft uns alle immer wieder wie Lebenserfahrungen zeigen.
Wer allerdings niemals mit dem Zeitgeist anbandelt, gerät in eine totale Außenseiter-Isolierung und verliert den Zusammenhang mit der übrigen Gesellschaft. Das ist die Gefahr bei Sekten wie auch die Gefahr des so genannten „Roten Wien“ der  Zwischenkriegszeit  gewesen. Die Arbeiter wurden in ihren Gemeindebauten wie ein Staat im Staat zunehmend isoliert: Eigene Wandervereine, eigene Sportvereine, eigene Kulturvereine, eigene Fußballmannschaften... Wer einmal drinnen war im Gemeindbau der 20er Jahre, war in einer Sonderwelt.
Natürlich konnte man auch  umgekehrt sagen: Wer nicht im Gemeindebau leben will, wird in der verdorbenen kapitalistischen Welt der Arbeiterklasse entfremdet werden. So z.B. protestierte ein steirischer Arbeiterkaplan noch 1960 vehement dagegen, dass seine Jugendlichen zum Besuch der Salzburger Festspiele eingeladen wurden. Die Einladung war kostenlos, der Sponsor war ein bildungsbeflissener Mensch gewesen. Aber der Kaplan fürchtete die „Entfremdung seiner Burschen und Mädchen von der Arbeiterbewegung“, wie er sagte.
Der Glaube an die „göttliche“ Sonderwelt der Arbeiterbewegung stand  damals neben dem Glauben bürgerlicher  Kreise an die göttliche Sonderwelt  der Musik in Salzburg.
Es ist also wichtig Zusammenhänge im eigenen Leben sehen und aushalten zu können. Wer sie nicht ertragen kann, wem  die Ideologisierung seiner Sinneseindrücke lieber ist als deren Wahrheit, ist unterwegs zur Konstruktion bedenklicher Zusammenhänge. Bedenklich deswegen, weil es zu allen totalitären Ideologien dazu gehört, nicht mit der konkreten, sinnlichen Wahrheit überein zu stimmen. Diese letztere wusste, dass Hitler braune Augen hatte (und nicht blaue), dass überall, wo sich militärische Macht mit religiöser Macht mischte, die Folge katastrophal war ...
Man kann nur glücklich sein, dass die Kirche seit 1870 keinen Staat mehr hat und der jeweilige Bischof ganz leicht von einem Panzerkommandanten zu unterscheiden ist. Wer immer anderes träumt, träumt gefährlich außerhalb der erfahrenen Zusammenhänge.
                           
                                       
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